Ein aus der Ferne drohender Klaubauf
Philipp Rudigier

„Klosn in Stilfs“

Masterarbeit von Philipp Rudigier über den archaischen Brauch des Klosn.

Publiziert in 11-12 / 2021 - Erschienen am 1. April 2021

Stilfs - Das traditionelle Klosn in Stilfs, das in der Regel am Samstag vor oder nach dem Nikolaustag in Stilfs stattfindet und im Vorjahr pandemiebegingt ausfiel, ist das Thema der umfassenden Masterarbeit von Philipp Rudigier aus Kappl im Paznauntal in Nordtirol. Die mit vielen Bildern illustrierte Masterarbeit umfasst 190 Seiten. Die universitäre Abschlussarbeit im Fach Theaterwissenschaft wurde unlängst auf dem Server der Universität Wien hochgeladen (http://othes.univie.ac.at/65127/). Philipp Rudigier hat das Klosn in drei großen Teilen abgehandelt. Im ersten Teil geht es um die Definition und der historischen Rekonstruktion des Klosn und zugleich auch um eine soziologisch teilnehmende Beobachtung und eine dramaturgisch und figurentechnische Aufführungsanalyse der derzeitigen Form des Umzuges. Im zweiten Teil geht Philipp Rudigier der Frage nach, wie es erklärbar ist, dass derart archaisch anmutende Umzüge mit Masken in modernen europäischen Gesellschaften immer noch ihren Platz behaupten können. Der dritte Teil besteht aus einer Analyse und Interpretation der beiden vorhergehenden Teile. Außerdem wird ein Vergleich zu Johann Wolfgang Goethes Faust und zu Hugo von Hofmannsthals Jedermann angestellt, wobei sich zeigt, dass das Klosn als Klaubauf-Umzug auf dieselben Vorstellungen verweist, wie die genannten Theaterstücke, jedenfalls, wenn man für all dies eine christliche Lesart zugrunde legt: „Im Verlauf der gesamten Studie dient der in den meisten Fällen auf Dramen fokussierte Verismus, der sich für gewöhnlich reduzierter Gesten bedient, für einen schauspieltechnischen Kontrastvergleich gegenüber dem improvisierten und körperbasierten Klaubauf-Stil der Masken-Akteure des Klosn.“ In seiner Defensio (Disputation) stellte Rudigier auch mehrere Thesen auf. Eine davon ist: Das Klosn verändert sich und passt sich im Wandel der Zeit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ebenso an, wie einem veränderten Publikum. Erwähnt wird in der Masterarbeit auch Richard Wolfram bzw. ein Artikel, in dem Albert Ottenbacher (doew.at) die nationalsozialistische Verwicklung des Volkskundlers Wolfram genauer ausführt. Wolfram wurde 1938 zum Leiter der „Lehr- und Forschungsstätte für germanisch-deutsche Volkskunde“ innerhalb der Außenstelle Süd-Ost des SS-Ahnenerbes in Salzburg ernannt. Für das SS-Ahnenerbe war Wolfram äußerst aktiv und übernahm zahlreiche Aufgaben. So leitete er 1940 und 1941 die „Arbeitsgruppe Brauchtum und Volksglauben“ der streng geheimen „Kulturkommission Südtirol“. Diese Kommission war eigens dazu eingerichtet worden war, gemäß dem Hitler-Mussolini-Abkommen die Umsiedlung der Südtiroler im Rahmen der Option in Südtirol zu organisieren und hierzu wichtiges „Volksgut“ zu erhalten. Wolfram hat am 5. Dezember 1940 selbst am Klosn teilgenommen und einen Erfahrungsbericht verfasst. Darin heißt es u.a.: „Ausgeführt wird es (das Klosn Anm.d.R.) von den ledigen Burschen, die im nächsten Jahr zur Musterung kommen. Es besteht aus drei Gruppen, den ‚Klaubaufen’, den ‚Eseln’ oder ‚Schellern’ und den ‚Weißen’. Die Klaubaufe tragen ein Gewand, das über und über mit herabhängenden Lappen und streifenförmigen Fetzen benäht ist. Sie tragen selbstverfertigte Holzmasken, an deren Rückseite ein Fell angenäht ist, so daß man das Ganze über den Kopf stülpen muß [sic!]. In den Händen halten sie schwere Ketten.“ Zum Thema des Tragens von Masken kommt Philipp Rudigier in seiner Arbeit zur Schlussfolgerung, „dass moderne Menschen nicht zu jeder Zeit und auf alle Fälle Masken ablehnen müssen. Durchaus sind uns jene in Zeiten der Krise, zur kreativen Selbstentfaltung (Anlass zum Basteln) oder aus Gründen der Unterhaltung Begleiter sowie Vergnügen, nach wie vor. „Die“ Maske sei nicht rational oder irrational, sondern ein Teil unserer Kultur. Einen großen Dank zollt Rudigier den Menschen aus Stilfs, seinen Kontaktpersonen und den „Klosrn“. Namentlich erwähnt er u.a. den Maskenschnitzer Andreas Pinggera, den lokalen Fachmann Roland Angerer sowie Simon Grutsch und David Fliri für ihre wertvollen Hinweise.

Josef Laner
Josef Laner

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