St. Sisinius während der archäologischen Ausgrabungen.
Kinderbestattung mit Resten des Holzsarges.
An der Westseite der Kirche kamen intakte Gräber aus der 9.-10. Jahrhundert zum Vorschein. Kennzeichnend sind die Einfriedung der Grabgrube, das Fehlen von Beigaben sowie die über die Brust gekreuzten Arme.

Neue Erkenntnisse zum Friedhof von „Sonta Sina“

Archäologische Untersuchungen und neue Erkenntnisse in Laas. Ein Gastbeitrag von Hubert Steiner (Amt für Bodendenkmäler, Bozen). 

Publiziert in 3 / 2020 - Erschienen am 28. Januar 2020

LAAS - Der Hügel von St. Sisinius („Sonta Sina“), eines der Wahrzeichen des Vinschgaus, war im vergangenen Sommer Ziel einer archäologischen Untersuchung. Der sagenumwobene Hügel hat bereits im Jahr 1880 den aus Laas stammenden Kurarzt Franz Tappeiner in seinen Bann gezogen. Er ließ im „alten längst aufgelassenen Sisiniusfriedhofe einige frühmittelalterliche noch gut erhaltene Schädel ausgraben“. Zwei Jahre später entdeckte er eine weitere Bestattung, die in „einem halbvermoderten starken Holzsarg“ lag. Im Vordergrund seiner Interessen standen anthropologische Untersuchungen. So sammelte er im Laufe seines Lebens im Tiroler Raum insgesamt 936 menschliche Schädel, die er schließlich dem k.u.k. Naturhistorischen Museum in Wien für wissenschaftliche Zwecke vermachte.
Angeregt durch die Funde von Tappeiner führte Ernst Frizzi bis zum Beginn des 20sten Jahrhunderts weitere Grabungen durch. Seinen Angaben zufolge legte er 58 mehr oder weniger vollständig erhaltene Skelette frei. Diese befanden sich sowohl innerhalb als auch außerhalb der Umfriedung. Beim Großteil der Bestattungen waren Reste des Holzsarges erhalten geblieben. Nur in einem Grab kam ein datierender Fund zutage, nämlich eine Scheibenfibel aus Bronze. Darauf ist als Emaileinlage die Darstellung vom Lamm Gottes zu erkennen. Diese Fibeln stammen aus dem 10. Jahrhundert n. Chr. Im Rahmen eines anthropologischen Forschungsprojektes zur Untersuchung des „Homo Alpinus Tirolensis“ ließ Frizzi die Skelette vermessen und untersuchen. Seinen Angaben zufolge betrug die Durchschnittsgröße der Frauen 1,51 m, die der Männern 1,63 m. Das gesamte Knochenmaterial überließ er schließlich dem Anthropologischen Institut in Zürich, wo es sich noch heute befindet.

Neue archäologische Grabungen

Anlässlich der Restaurierung der Umfriedung von St. Sisinius und der Neueindeckung des Kirchendaches im Jahr 2014 führte das Amt für Bodendenkmäler eine archäologische Untersuchung durch. An der Ostseite des Turmes wurden zwei Flächen geöffnet. Das Ziel war es festzustellen, ob angesichts der Altgrabungen im Umfeld der Kirche überhaupt noch mit intakten Bestattungen gerechnet werden kann. Schließlich galt es, nähere Informationen zu den Bestattungen sowie zur Datierung der Kirche zu gewinnen.
Im Jahr 2019 wurden die archäologischen Grabungen fortgesetzt. An dieser Stelle sei der Eigenverwaltung bürgerliche Nutzungsrechte Laas und dem Präsidenten, Herrn Oswald Angerer, bestens gedankt für die freundlich gewährte Grabungserlaubnis.

Gräber freigelegt

Im Rahmen der archäologischen Untersuchung wurden zwei Flächen an der Nordseite und eine an der Westseite der Kirche geöffnet. Waren die Flächen an der Nordseite weitgehend zerstört, so zeigte sich, dass östlich und westlich der Kirche noch intakte Gräber vorhanden waren. Insgesamt konnten rund 20 Gräber freigelegt und dokumentiert werden.
Mit wenigen Ausnahmen sind alle Bestattungen Ost-West orientiert. Der Großteil war mit einer Steineinfriedung bzw. mit vertikal positionierten Steinplatten umfasst. Zudem blieben bei einem Großteil der Bestattungen Reste des Holzsarges erhalten. In einigen Fällen konnte auch eine Steinabdeckung beobachtet werden. Die Toten wurden in gestreckter Rückenlage ins Grab gelegt und zwar mit auf der Brust gekreuzten Armen. Sie wurden ohne Schmuck und Beigaben beigesetzt. Die Einfriedung der Grabgrube und das Fehlen von Beigaben sind kennzeichnend für das ausgehende Frühmittelalter, für das 9. bis 10. Jahrhundert.
Aus dieser Epoche sind aus der näheren Umgebung mehrere Gräber bekannt: Am Pilgerweg nach St. Peter in Tanas kamen 2011 sechs Gräber zum Vorschein: Gemäß den anthropologischen Untersuchungen von Dr. Alice Paladin (EURAC, Bozen) handelt es sich um fünf männliche Erwachsene (zwischen 30 und 50 Jahren), einen Greis (über 60 Jahre) und eine jugendliche Person (zwischen 13 und 15 Jahren). Die Erwachsenen besaßen eine durchschnittliche Körpergröße von 1,66 m. Die Knochen zeugen von starken und dauerhaften körperlichen Belastungen, was sich u. a. an Arthrose an Schultern und Hüfte bemerkbar machte. Eine größere Anzahl an Bestattungen konnte im Jahr 1935 im sog. „Kramertal“ in Schluderns beim Abbau von Schotter entdeckt werden. Mehrere Gräber dieser Epoche wurden in Mals-Paulihof unweit von St. Benedikt im Jahr 2011 freigelegt.
Die Bestattungen von St. Sisinius können aufgrund der typischen Merkmale, der Grabeinfassung und des Fehlens von Beigaben, zum Großteil in das 9.bis 10. Jahrhundert datiert werden. Mehrere Gräber werden von der heutigen, 1290 erstmals erwähnten, vermutlich aber auf das 11. Jahrhundert zurückgehenden Kirche überlagert und sind demnach älter. Diese Bestattungen können mit einer Vorgängerkirche in Verbindung gebracht werden. Dies würde sich mit den Beobachtungen von Nicolo Rasmo decken, der im Rahmen der Restaurierung der Kirche im Jahr 1972 „innen an der Westseite Grundmauerreste einer älteren Kirche gefunden“ hat.
Anschließend an die archäologische Ausgrabung folgen weitere Untersuchungen: Das genaue Alter der einzelnen Gräber kann mit der Methode der Radiokarbondatierung festgestellt werden. Zudem ist vorgesehen, eine anthropologische Untersuchung der Skelette vorzunehmen, um Informationen zum Geschlecht, Alter, physischen Merkmalen, Ernährung, Krankheiten, usw. der auf St. Sisinius bestatteten Personen zu gewinnen.
Zeitlos ermahnt die Turmglocke von St. Sisinius die Vergänglichkeit des Lebens mit folgender Inschrift: „Wachet und betet; Ihr wisset weder den Tag noch die Stunde wen euch die Glocke zum Grabe ruft“.

Redaktion

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