Freilichtlabor Matschertal. Im Vordergrund eine der 19 Messstationen oberhalb des Hofes Valfur
Georg Niedrist
Klaus Obojes
Georg Pircher

Was war Klima, was war der Mensch?

Forscher haben diese Fragen im Matschertal gestellt. Die Schludernser wollten auch Bescheid wissen.

Publiziert in 41 / 2021 - Erschienen am 7. Dezember 2021

Schluderns - Dem Zufall und einem unscheinbaren, wärmeliebenden Gras ist es zu verdanken, dass das Vinschgauer Seitental Matsch seit 2011 eines der 80 Forschungsstandorte von LTER Italia geworden ist. Das kleine Jubiläum der „ökologischen Langzeitforschung (Logterm ecological Research)“ wurde durch einen Informationsabend im Kultursaal von Schluderns an die Öffentlichkeit gebracht. Ausgehend von Bibliotheksratspräsidentin Waltraud Klotz zeigten auch der Bildungsausschuss, der Südtiroler Bauernbund und der Alpenverein Interesse, mehr über die Forschung im Matschertal zu erfahren. Den Kontakt zum Institut für alpine Umwelt der Eurac hatte Johannes Klotz hergestellt. Der Eurac-Mitarbeiter aus Schluderns gehört zu den Betreuern der 19 Klimastationen, die den Wasserkreislauf untersuchen und Lufttemperatur, Bodenfeuchte und Sonneneinstrahlung messen. Welche Erkenntnisse gewonnen und Schlussfolgerungen gezogen werden konnten, ließ man sich vom Vegetationsökologen Georg Niedrist und dem Bergwaldökologen Nikolaus Obojes unter dem Titel „Umwelt und Wald im Wandel“ erzählen. Der Blick auf dies Forschungen wurde ergänzt von Forstinspektor Georg Pircher, der auf ein typisch Vinschger Phänomen, den kahlen Sonnenberg, und auf die derzeit erfolgreiche „Umstrukturierung der Schwarzföhrenbestände“ einging. Um die „am häufigsten gestellte Frage“: warum ausgerechnet Matsch? zu beantworten, erzählte Georg Niedrist von einem „unscheinbaren Gras“, der Erdsegge (Carex humilis). Die wärmeliebende Pflanze sei seit 1976 von einer Studentin untersucht und in ihrer Verbreitung verfolgt worden. Mit der Kartierung der Daten durch die Eurac im Jahre 2018 wurde festgestellt, dass die Segge seit 1976 um 51,2m pro 10 Jahre in die Höhe gewandert ist. Ergänzt durch die langjährigen Messreihen aus dem Kloster Marienberg und die Beobachtung der Eurac-Forscher erklärte man das Matschertal zum Forschungsfeld für klimatische Entwicklungen. „Es mehren sich die Zeichen, dass es im Raum Südalpen zu Verhältnissen kommt, wie sie in Matsch derzeit herrschen“, meinte Niedrist und erzählte von Vergleichen mit Hochgebirgspflanzen in Cimalegna am Monte Rosa. Da das Matschertal vom Gletscher der Weißkugel auf 3.700m und den Intensivkulturen auf etwa 900m alle Lebensräume wie Trockenrasen, Waldzusammensetzung, extensive Landwirtschaftsflächen und Siedlungsflächen aufweise und zudem eines der niederschlagärmsten Gebiet im Alpenraum sei, fiel die Entscheidung für Matsch, erzählte Niedrist. Waldökologe Klaus Obojes führte dann in den engeren Forschungsbereich Baumbestand ein und nannte die Zusammensetzung des Matscher Waldes eine Besonderheit. Im Vergleich zum gesamtsüdtiroler Bestand sei die Lärche überdurchschnittlich häufig, die Fichte anteilsmäßig geringer und die Zirbe auffallend stärker vertreten. Obojes berichtete von ausgiebigen Untersuchungen des Wachstumsverhaltens verschiedener Baumarten in unterschiedlichen Höhenlagen und im Zusammenhang mit dem jeweiligen Klima. Forstinspektor Georg Pircher griff die jahrhundertalte, aber derzeit sehr aktuelle Maßnahme Aufforstung auf. Mit dem Klimawandel sei sie längst nicht mehr nur Sorgenkind der Waldbesitzer, sondern als Möglichkeit, eine Schutzwaldfunktion zu schaffen, geradezu überlebensnotwendig für die Allgemeinheit. In seinen Ausführungen über die „Umstrukturierung der Schwarzföhrenwälder“ ging Inspektor Pircher auf mehrere Phänomene ein wie Prozessionsspinner, Föhrensterben in trockenen Wintern und Ersetzen der Föhrenbestände durch laubholzreichen Mischwald. Dessen Vorteile bei Gefahr von Murenabgängen und Hangrutschungen unterstrich er mit der Schilderung eines erfolgreichen Interreg-Projekts.

Günther Schöpf
Günther Schöpf

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