Am Sonntag Ruhe bewahren

Publiziert in 44 / 2011 - Erschienen am 7. Dezember 2011
Schlanders – Der erste größere Auftritt der jungen Vinschger Kolpingfamilie galt dem Sonntagsschutz. In einer viel beachteten Podiumsdiskussion stand das Thema „Allianz für den arbeitsfreien Sonntag“ im Mittelpunkt. Es war ein wenig wie in der Schule, wo zu den Sprechtagen auch nicht die Eltern der „bösen Kinder“ kommen. So auch in der Aula der Handelsober­schule Schlanders. Nicht die waren anwesend, die ihre Geschäfte am Sonntag geöffnet haben wollen, sondern die, denen der arbeitsfreie Sonntag am Herzen lag. Schwach vertreten waren eindeutig die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, auf deren Familien der tatsächliche Druck der Sonntagsarbeit lastet. Für die Ausrichter der Veranstaltung aufwertend war die hochrangige Besetzung des Podiums und die Anwesenheit der höchsten Vertreter der Kolping­familie Südtirol, einiger ­namhafter Landes- und Gemeindepolitiker und Mitglieder der seit März 2009 ­bestehenden „Allianz für den freien Sonntag“ in Südtirol. Moderator ­Hermann Schönthaler wollte zuerst von Europaparlamentarier Herbert Dorfmann die Position in Brüssel wissen. Der konnte auf verschiedene Initiativen verweisen, unter anderem auf die Verankerung des Sonntagsschutzes in der neuen EU-Arbeitszeitrichtlinie. Gemeindenverbandspräsident Arno Kompatscher betonte das Dilemma der Bürgermeister, die „schlecht Nein sagen können, wenn es in der Nachbargemeinde liberaler zugeht“. Er würde gern auf „ein Stück Autonomie der Gemeinden“ verzichten, wenn die Landesregierung eine Regelung der verkaufsoffenen Sonntage in die Hand nähme. Uta Brugger, Familienverband, bezeichnete die „sonntägliche Belagerung der Geschäfte als pervers und erwiesenerweise unrentabel für die Wirtschaft“. Die Bezirksvor­sitzende im Wirtschaftsring, Rita Egger, sah sich als Vertreterin aller Wirtschaftszweige. In einigen müsse es Sonntagsarbeit geben, zum Beispiel bei einem Abschleppunternehmen. Der Präsident des Handels- und Dienstleistungsverbandes (hds) Walter Amort meinte: „Wir sind mit über 90 Prozent Kleinbetrieben überzeugt, dass es eine Obergrenze des verkaufsoffenen Sonntags geben muss. Ich ­möchte aber klarstellen: Shoppen in unseren Ortschaften ist schön, man soll es nicht verteufeln.“ Renate Laimer (HGV) nannte die Sonntags-Arbeit der Touristiker einen „Dienst am Menschen“. Der Pastoraltheo­loge Luis Gurndin griff in die Geschichte zurück und erklärte die 7-Tage-Woche als notwendig für die Menschen: „Nicht Gott braucht den Sonntag, wir brauchen ihn“. Es folgten engagierte Wortmeldungen, darunter der Hinweis auf eine „desolate Situation in Meran“ durch die Landtagsabgeordnete Veronika Stirner, der Auftritt des Zentralvorsitzenden des Kolpingwerkes, Herbert ­Denicoló, der die Aspekte „Gesundheit und Würde des Menschen“ in den Mittelpunkt stellen wollte, die Anregung von Herbert Dorfmann, auch umtriebige Eröffnungspolitiker könnten den Sonntag entschleunigen, Uta Bruggers Aufforderung an die Konsumenten, sich am Riemen zu reißen, Monika Wunderers Appell in dieselbe Richtung, am Sonntag einfach nicht einzukaufen, Armin ­Pinggeras Verweis auf christliche Werte, die nicht eingehalten werden, Walter Amorts Einwand, der Druck komme ausschließlich „von den großen Ketten“, der Einwand der Vorsitzenden der KVW-Frauen, Helga Mutschlechner Holzer, dass die Frauen dem Druck nicht mehr standhalten, die Bemerkung Ulrike Eggers vom Gewerkschaftsbund, dass schon die Weihnachtsmärkte eine Zumutung seien. Berührend klang die Ge­schichte einer ehemaligen Verkäuferin, die den Druck nicht mehr ausgehalten habe und ausgestiegen sei, um zu studieren.
Günther Schöpf
Günther Schöpf
Vinschger Sonderausgabe

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