„Das hat mit Country nichts mehr zu tun“
Publiziert in 31 / 2010 - Erschienen am 8. September 2010
Prad – Bittere Enttäuschung bei nicht wenigen Country-Fans machte sich bei der heurigen Auflage des traditionellen Country-Festes in Prad breit. „Von echter Country-Musik war mit Ausnahme einer einzigen Gruppe nichts zu hören. Es ist schade, dass das landesweit einzige Country-Fest kein Country-Fest mehr ist!“ So brachten der in Prad wohnhafte Tanztrainer und eingefleischte Country-Liebhaber Francesco Ferrara und der Musikkenner Hermann Gurschler ihre Kritik in einem Gespräch mit dem „Vinschger“ auf den Punkt. Ferrara und Gurschler haben das Fest besucht und wissen, wovon sie reden. Sie waren nicht die einzigen, die das Festgelände enttäuscht verließen. Ferrara: „Ich war mit einer Gruppe von Freuden dort, hielt es aber nicht lange aus, denn anstelle echter Country-Musik wurde großteils Hardrock und Pop gespielt. Das war nur noch Lärm.“ Auch mehrere Country-Freunde aus Rom sowie aus Österreich und Deutschland, die eigens für das Fest angereist seien, hätten es vorzeitig verlassen. Früher hätte das Fest immer am Samstag begonnen und bis zum Sonntagnachmittag gedauert, wobei Familien mit Kindern zum Spielen und Reiten dabei waren. Auch vom Ambiente und der gesamten Atmosphäre her sei die heurige Auflage alles eher gewesen als ein Fest, wie es sich Country-Fans eigentlich erwarten dürfen. Am Gemütlichsten sei es noch beim Bier-Stand zugegangen. Freunden, die sich im Saloon aufhalten wollten und höflich um Countrymusik fragten, wurde geantwortet: „Wenn es euch nicht gefällt, könnt ihr ja gehen“. Sogar Jugendliche, waren enttäuscht und sagten: „Wenn ich Rockmusik hören will, kann ich ins Ladum gehen.“
Auch Hermann Gurschler und seine Musikkollegen bedauern, dass heuer mit Ausnahme einer einzigen Gruppe keine echte Country-Musik zu hören war: „Das war kein Country mehr. Sie spielten nur mehr unter sich und wetteiferten gegenseitig, um zu zeigen, wer besser spielt. Nur ein Hut allein macht keine Country-Musik aus.“
Was Ferrara und Gurschler - und nicht nur - besonders störte, war die Tatsache, dass eine kleine Holzkapelle (im Bild) als „Saufbude“ diente. „Die Kapelle ist zwar nicht geweiht, sondern wurde eigens so gebaut, wie die Kapellen im Wilden Westen einst waren, und ich selbst bin kein Katholik, doch schon von der Symbolik her finde ich es geschmacklos, dass in einer Kapelle bis zum Umfallen gesoffen wird,“ so der Tanztrainer. Auch Hermann Gurschler vermisst hier jeglichen Respekt vor der Religion. Es sei höchst bedauerlich, dass das Niveau des Country-Festes - einer an und für sich sehr lobenswerten Veranstaltung - nun so weit gefallen sei. Den jungen Festbesuchern macht Gurschler aber keinen Vorwurf: „Die jungen Leute nehmen an, was ihnen geboten wird. Das Problem liegt darin, dass man sie gezielt, ja mit System anlockt und zum Konsumieren, sprich Saufen, anregt, denn was wirklich zählt, ist offensichtlich nur das Geld, das man einzunehmen hofft.“
Ferrara und Gurschler sind überzeugt, dass es problemlos möglich wäre, aus dem Country-Fest wieder tatsächlich eine Veranstaltung mit echtem Wild-West-Flair und echter Country-Musik zu machen. Wo Country drauf steht, sollte auch Country drin sein, „denn verkitschte Feste und Veranstaltungen gibt es schon zur Genüge.“
Josef Laner