Die Tafeln am Beinhaus in Burgeis: Zu lang der Text und zu umständlich, zu abgelegen der Standort.

Die „steinerne Lüge“ bei Burgeis

Publiziert in 45 / 2011 - Erschienen am 15. Dezember 2011
Mals – Dem Herrn Landtagspräsidenten Mauro Minniti ist es zuzuschreiben, dass die Steine des Anstoßes, aus denen das Beinhaus bei Burgeis besteht, erst richtig ins Rollen gekommen sind. Den Vinschger Schützen war das vom demokratischen Staat Italien beflaggte „Lügengebäude des faschistischen Regimes“ schon längst ein Dorn im Auge. Das Anbringen der Erklärungstafeln durch die Landesregierung war ihnen viel zu lau. Mit einer Presskonferenz im August 2011 machten sie erstmals gegen die „Geschichtslüge“ mobil. Darauf folgten die „provozierende Toten­ehrung“ des Herrn Minniti und damit der zündende Funke zur „Aktion Beinhaus“ des Schützenbezirks. Unter der Regie von Bezirksmajor Peter Kaserer wurden am 1. Dezember 2011 die Landtagsabgeordneten Donato Seppi, Hans Heiss, Sven Knoll und Sepp Noggler, der Gemeinderat Peppi Stecher und der Kammerabgeordnete Karl Zeller zur Podiumsdiskussion mit Moderator Harald Stauder nach Mals eingeladen. Vervollständigt wurde die Runde von Major Kaserer selbst. An die 300 Besucher, darunter viel Jungvolk, waren ins Kulturhaus gekommen und hörten nicht nur Historisches, sondern viel Persönliches und noch mehr Eindeutiges. Auch die Impulsreferenten Margareth Lun, Historikerin, Günther Morat, Bildungsoffizier der Schützenkompanie Margreid, und der Deutschordens-Geistliche Pater Christoph Waldner bemühten sich um Klartext. Lun nannte das Beinhaus einen der vielen ­„monumentalen Wachtürme der nationalen Territorien“. Morat sah „ein von faschistischer Unkultur beflecktes Land“ und schoss schon mal einige Pfeile ab. Einmal in Richtung Südtiroler Volkspartei, deren Haltung er mit dem Papstspruch „Qui tacet consentire videtur“ - Wer schweigt, scheint zuzustimmen -, charakterisierte und dann gegen die Landeshauptstadt, in der demnächst mehr Alpini als Einwohner durch den „faschistischen Jurassic-Parc“ ziehen würden. Pater Waldner hatte als erster einen Lösungsvorschlag parat: Das Beinhaus in einen Kapellenbau zu integrieren. Donato Seppi wurde gefragt, was das Beinhaus schützenswert mache. „Geschichte ist Geschichte. Hier wird um Soldaten mehrerer Nationen getrauert und das solle man so ­lassen“, meinte das politische Raubein. Schleifen ist utopisch Den Grünen werde vorgeworfen, sie seien zu tolerant den Relikten gegenüber, wandte sich Stauder an Hans Heiss. Der antwortete als Historiker: Das Denkmal müsse stehen bleiben, um der Jugend die Geschichte zu erklären. Es gehe aber um eine entschlossene Distanzierung, unter Umständen auch durch die Installationen lokaler Künstler. Von Karl Zeller wollte man erfahren, welche Möglichkeiten das Land Südtirol habe, die Beinhäuser zu entfernen. „Die Schleifung ist eine Utopie“, erklärte Zeller. Das Land habe keine Befugnisse; für die Gefallenendenkmäler sei das Verteidigungsministerium zuständig. Was soll getan werden, wurde Major Kaserer gefragt. „Das Beinhaus darf kein Symbol des Herrschens mehr sein und den Toten ist ihre Würde zu belassen. Wir tragen mit dieser Veranstaltung zur Bewusstseinsbildung bei“, lautete die Antwort. Peppi Stecher erklärte den vollen Saal und das plötzliche Interesse mit der Provokation durch die Kranzniederlegung am Allerseelentag. Im Grunde habe die Bevölkerung das Beinhaus kaum beachtet; kaum jemand sei hinein gegangen. Sven Knoll machte kurzes Federlesen, indem er die Erklärungen am Beinhaus als „Ausdruck von Hilflosigkeit“ bezeichnete. „So löst man keine Probleme“, gab er sich überzeugt. „Das ist eine Fassadenlösung“. Sein Vorschlag: Den Toten die Würde zurückgeben, indem man sie in den Kriegerfriedhof von Spondinig umbettet und das Beinhaus niederreißt. Auch Sepp Noggler hielt die ­Ehrung von Minniti für einen „schweren Fehler“. Für ihn gäbe es nur eine Lösung: Das Beinhaus muss weg. In der zweiten Runde am Podium sprach Seppi vom Faschismus als „ein Ausschnitt der Geschichte“ und warf den Schützen vor zu verdrängen, dass sie einmal die Nazi bejubelt ­hätten. Er sei mit den Tafeln einverstanden, „intanto non le legge nessuno“. Heiss konterte und erklärte den Faschismus als Lehrmeister des Nationalsozialismus. Er blieb bei der Erhaltung des Beinhauses als Mahnmal. Für Zeller war der Vorschlag des Abrisses eine Träumerei. Kompromiss als Alibi Peter Kaserer nannte Kompromisse wie den Kapellenvorschlag ein Ablenkungsmanöver von ­besseren Lösungen. Als Schütze müsse man sich bemerkbar machen, wenn sich die Politik schon nicht rühre. Sven Knoll sprach sich in Schwung: „In jedem anderen Land hätte Minniti zurücktreten müssen“. An Zeller gerichtet: „Von Utopie zu reden ist eine Bankrotterklärung. Wenn die Schützen nicht wären, wär‘ alles beim Alten geblieben.“ Gellender Applaus und Pfiffe der Zustimmung waren die Reaktion im Publikum. Laut Sepp Noggler würden sich die Italiener in Mals kaum um das Beinhaus scheren. Gemeinderat Bruno Pileggi wollte den Blick in die Zukunft gerichtet haben. Ein Mitglied der Alpini-Vereinigung berichtete von Kranzniederlegungen, ohne die Gefallenen nach Nation zu unterscheiden. Als der Präsident des Südtiroler Schwarzen Kreuzes, Hans Duffek, vorschlug, „die ­Toten aus der Schusslinie zu bringen“ und sie einvernehmlich nach Spondinig umzubetten, wurde der Vorschlag, der eigentlich von Sven Knoll stammte, als machbar und sinnvoll angesehen. „Damit würden die Toten aus der Geiselhaft befreit“, fand Heiss die passende Formulierung. Spärlicher Applaus. Ein Zuhörer –dem Akzent nach Bundesdeutscher - warf Zeller eine „lasche Verteidigung der Autonomie“ vor, weil nach dem Bondi-Brief nichts passiert sei. Rauschender Beifall. Sven Knoll machte auf die Exhumierung von Davide Mariottini aufmerksam: zugewandert aus der Toskana, sei er beim Baden in ­Siebeneich ertrunken, im Friedhof von Terlan begraben und 1938 zum ehrenvoll Gefallenen an der Grenze erklärt worden. Tosender Applaus. Darauf Seppi in Italienisch: „Es ist zu bequem, italienisch und faschistisch gleich zu stellen; man stellt ja auch nicht deutsch mit nazistisch gleich. Es sollen die Fahnen aller Nationen am Beinhaus angebracht werden.“ Nach vielen engagierten Fragen aus dem Publikum drückte Hans Heiss in der Schlussrunde seine Bewunderung für „die professionell vorbereitete Podiumsdiskussion“ aus und erinnerte: „Geschichte kann man nicht verräumen, man kann sich nur mit ihr auseinandersetzen.“ Karl Zeller fand im Vorschlag von Hans Duffek eine Möglichkeit, das Problem zu entpolitisieren. Peppi Stecher und Sepp Noggler nahmen zur Kenntnis, dass das Beinhaus im Vinschgau ein ­Thema sei. Peter Kaserer hielt den Äußerungen Seppis entgegen, dass 1943 die Deutschen als Befreier von der Unterdrückung durch die Faschisten bejubelt wurden und nicht weil sich jemand zu Nazi-Deutschland bekennen wollte. Sein Schlusswort: „Wir wollen jetzt weitermachen, wo wir heute angefangen haben.“
Günther Schöpf
Günther Schöpf
Vinschger Sonderausgabe

Diese Seite verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Lesen Sie unsere Cookie-Richtlinien für weitere Informationen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.