Es gilt zu „be-greifen“ oder einfach die Augen aufzureißen
Publiziert in 28 / 2010 - Erschienen am 21. Juli 2010
Mals – Alte Bausubstanz sei vorerst zu erkennen, zu be-greifen oder einfach ausgedrückt, die Augen seien aufzureißen: Dies der Grundtenor der Podiumsdiskussion am Mittwoch, 7. Juli im Kulturhaus von Mals. Das anspruchsvolle Thema lautete „Die Zukunft der alten Bausubstanz: Ein Gespräch über Chancen, Geld und Baukultur“.
Geladen hatte die Universität Innsbruck und die Gemeinde Mals. Am Podium saßen: Landeskonservator Leo Andergassen, Bürgermeister Ulrich Veith, Jörg Schröder von der Technischen Universität München (TUM), Juliane Mayer und Sonja Mitterer vom Institut für Baugeschichte an der Universität Innsbruck sowie der Grödner Thomas Demetz, Dozent an der Universität Trient und Architekt Jürgen Wallnöfer aus Glurns.
Architekt Andreas Flora führte gekonnt durch den Spätnachmittag.
Er war es auch, der in die komplexe Materie einleitete und auch kurz die Aufgaben der Arbeitsgruppe der Gemeinde Mals „Dorf-kern“ erläuterte: Eben sich Gedanken zu machen, um das Dorfzentrum von Mals so umzugestalten, dass es noch „attraktiver“ werde, um es mit den Worten von Veith wiederzugeben.
„Das Zentrum von Mals ist wichtig“, sagte etwa Flora, aber „auch andere Gemeinden hätten die ähnlichen Probleme mit leer stehenden Häusern“. Mehrere Vertreter der Gemeindeverwaltungen waren nach Mals gekommen, sogar Rosmarie Pamer, die Bürgermeisterin von St. Martin in Passeier.
Es gibt in Mals sehr schöne Bauten, die einen Wert haben oder auch einen geringeren Wert haben, aber saniert werden könnten, anstatt abgerissen und neu errichtet zu werden. Alle Teilnehmer am Podium sagten, dass es oft nicht leicht sei zu entscheiden, ob ein Haus saniert oder abgebrochen werden soll.
Deswegen soll man die Häuser „be-greifen“, oder direkt „anfassen und hineingehen und schauen“, wie es Jörg Schröder und Juliane Mayer auf den Punkt brachten. Auch Andergassen nahm diesen Aspekt in seinen Ausführungen auf und betonte, es sollen die „Augen aufgerissen“ werden. Klar spielten viele Faktoren mit beim Erhalt oder beim Nicht-Erhalt.
Universitätsdozent Thomas Demetz beleuchtete vor allem den sozial-gesellschaftlichen Teil von Häusern und besonders von Häusern im Dorfkern: „Ich wohne in der Bozner Altstadt. Das ist das Beste, denn ich kann alles zu Fuß erreichen“.
Schröder stellte das EU-Projekt „Alphouse“ vor, in dem es eben um Arbeiten im Bereich des ländlichen Raumes gehe, um Bestandserneuerungen von Wohnsubstanz, um alpine Siedlungsmodelle, aber auch um die Optimierung der Energieeffizienz und einer Gesamt-Ökobilanz. Die Erhaltung und Entwicklung des kulturellen Erbes seien genauso wichtige Anliegen. Weitere Auskünfte im Internet (www.alphouse.eu). Veith fügte an, dass es mit Denkmalschutz bei alter Bausubstanz bei weitem nicht getan sei, vielmehr sei eine Sensibilisierung wichtig, die bereits beim Eigentümer beginnen und dann beim Planer weitergehen müsste. „Denn, je nachdem, welcher Planer dem Eigentümer über den Weg läuft…“
Tierarzt Wolfgang Kapeller aus Taufers im Münstertal, der im Publikum saß, merkte kritisch an, dass es sich heute kaum jemand leisten könne, ein altes Haus zu kaufen und zu sanieren, erst recht nicht junge Leute.
Das stimme nicht immer, denn inzwischen gebe es auch kostengünstigere Sanierungen von Gebäuden, erwiderten Veith und andere Teilnehmer am Podium. Jürgen Wallnöfer regte hingegen an, beim Bauen einheimisches Material zu verwenden, wie etwa das Holz. Er erwähnte noch, dass besonders junge Leute zunehmend sensibel seien für den alten Bestand. Sonja Mitterer fügte an, dass ein Gebäude selbst die Geschichte sei und die Bauforschung nichts anderes sei als die Rekonstruktion des Wissens aus einer „unglaublichen Fülle an Informationen“.
Die Veranstaltung war gut besucht, nachher wurde gemeinsam das WM-Spiel Deutschland-Spanien angeschaut.
Daniela di Pilla