Öffentliches Gut Landschaft?

Publiziert in 4 / 2010 - Erschienen am 3. Februar 2010
Mals – In elf Gemeinden Süd­tirols hat das Institut für Geographie­ der Universität Inns­bruck nachgeforscht; mit Historikern, Chronisten und Zeitzeugen gesprochen, alte Fotos zu Tage gefördert, Luftbilder ab 1954 mit heutigen verglichen. Die Analyse, durchgeführt von Christine Wanker und Alexander Dusleag, in Auftrag gegeben von der Abteilung Natur und Landschaft der Autonomen Provinz Bozen - unter der Leitung von ­Robert Dellagiacoma und Georg Praxmarer - bestätigt: Es wurde viel gebaut, „starkes Siedlungswachstum“ erfolgte, bis auf 1.000 Meter Meereshöhe gibt es intensiven Obst- und Weinbau, Äcker verschwinden. Die Forscher konstatieren: „Südtirols Kulturlandschaft hat an Vielfalt abgenommen.“ In Mals, eine der erforschten Gemeinden, konnten sich für die Ausstellungseröffnung am Donnerstag, 28. Januar 2010, in der Filiale der Südtiroler Sparkasse kaum mehr als 20 In­teressierte für die Ergebnisse begeistern. Vize-Bürgermeisterin Sibille Tschenett möchte diese Ausstellung in einem größeren Rahmen in naher Zukunft ein zweites Mal in Mals präsentieren. Für Wanker ist klar: „Das Wissen über den Wert ist Grundlage für die Erhaltung.“ Für Mals traten folgende Entwicklung (seit Anfang der 70er Jahre) ein: Starker Rückgang der Ackerflächen und der Rinder haltenden Betriebe (während die Rinderanzahl stark gewachsen ist), Rückgang der Landwirtschaftsbetriebe, der Klein- und Kleinstbauern. Die Siedlungsfläche wurde extrem vergrößert, die Anzahl der Haushalte stieg (von 1971 bis 2001 um 70 Prozent!), während die Bevölkerung nur unwesentlich gewachsen ist. Grund dafür ist der Rückgang der Großfamilien und die wachsende Anzahl von Einzel- und Zweipersonen-Haushalten. Die Besitzaufsplitterung ist nicht nur bei den landwirtschaftlichen Parzellen ein Strukturproblem der Gemeinde, wie die Forscher meinen, sondern auch bei Gebäuden im Dorf; ja, leer stehende Substanz ist so oder so Dorf­thema. Praxmarer und Wanker wünschen sich Diskussion. „Damit sich die Leute bewusst werden, wie es war.“ Oder wie es so weitergehen könnte, dass „unser Land weiterhin von einer abwechslungsreichen und ökologisch wertvollen Landschaft geprägt wird“, wie Michl Laimer im Vorwort des begleitenden Kataloges der Ausstellung versichert. Die Kosten der Studie betrugen, so Praxmarer, rund 190.000 Euro (inkl. Katalog und Ausstellungen). Wieviel kostet die Entlohnung eines Waalers? Wie viel kostet die gemeinsame Anstrengung des Nachdenkens und des Umsetzens, damit Gebiete wie der Obervinschgau „weiterhin von einer abwechslungsreichen und ökologisch wertvollen Landschaft geprägt“ werden? Die Ausstellung bleibt übrigens bis zum 12. Februar zugänglich.
Katharina Hohenstein
Katharina Hohenstein
Vinschger Sonderausgabe

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