Der Gesichtsausdruck verrät alles: Markus Telser und Adele beim Zieleinlauf.

„Der See leuchtet heute für uns“

Publiziert in 30 / 2010 - Erschienen am 1. September 2010
Graun/Schluderns – Ein unvergessliches Erlebnis war für Markus Telser aus Schluderns, der seit über 18 Jahren vollblind ist, die Teilnahme an der heurigen Auflage des Reschenseelaufs. In folgendem Beitrag schildert er, wie er sich zusammen mit Adele auf den Lauf vorbereitet hat, wie er die 15,3 Kilometer bewältigt hat, wie er sich fühlte und was es für ihn bedeutet, bei diesem Lauf mit dabei gewesen zu sein. Es begann eigentlich schon vor rund 9 Jahren, als ich, seit über 18 Jahren vollblind, merkte, wie wichtig es im Leben ist, trotz Behinderung eine gesunde Sportart im Freien auszuüben. Ich hatte damals das Glück, den sehr gut ausgebildeten Blindenführhund Sam zu bekommen, mit dem ich meine ganzen Kilometer machen konnte. Mit der Zeit bekam ich natürlich immer mehr Kondi­tion und Ausdauer. Vor eineinhalb Jahren bekam ich meinen zweiten Blindenführhund Pato, der mir eine zusätzliche Herausforderung brachte, da er jünger und dementsprechend schneller war. So kam ich vor vielen Monaten auf die Idee, es einmal mit dem Laufen zu versuchen. Am Anfang gab es einige Schwierigkeiten, da Pato ja nicht dafür ausgebildet war. Mit jeder Runde aber ging es besser und jetzt sind wir zwei ein eingespieltes Laufteam. Da ich wusste, dass es wirklich Vollblinde gibt, die auch mit Begleitung laufen, hörte ich mich nach einem Begleiter um. Es zeigte sich aber leider, dass man als Mensch mit einer Behinderung wirklich nur mit Versprechungen oder direkt mit Enttäuschungen rechnen muss. Ich wusste, dass meine Schwägerin Adele auch eine erfahrene Läuferin ist. Also raffte ich den letzten Mut zusammen und fragte sie, ob sie mich vielleicht einmal bei einem Lauf mitnehmen würde. Sie sagte auf Anhieb ja. Ein altes Sprichwort heißt: „Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.“ So begann meine kleine Läuferkarriere. Ich bestellte mir auf schnellstem Weg eine gelbe Armbinde mit den drei schwarzen Blindenpunkten. An dieser ließ ich ein Band annähen. Ausgerüstet mit Armbinde und Band konnten wir mit unserem Trainingsprogramm beginnen. Aus Sicherheitsgründen lief ich schon zu Beginn immer auf der rechten Seite der Straße und Adele lief links. Beim ersten Lauf war es schon etwas komisch und ich musste viel Vertrauen in Adele haben, als sie mich so am Band hielt. Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern, als wir unsere erste Runde drehten. Ich hatte vom Vorhaben meiner neuen Trainerin überhaupt keine Ahnung, denn sie ging sehr taktisch vor. Wir starteten von Schluderns in Richtung Spondinig. Vor Spondinig fragte ich sie: „Jetzt werden wir wohl bald umkehren?“ Adele aber lächelte und eröffnete mit ihr Vorhaben. Es ging von Spondinig Richtung Glurns und vom Stausee in Richtung Schluderns zurück. Ich konnte es zuerst nicht glauben. Zuhause angekommen war ich sehr stolz, 10 km geschafft zu haben. So begann also unser Training. Es dauerte ca. 3 Monate, wir bewältigten jeden zweiten Tag unsere 10 km. Die Taktik von Adele, dass das Laufen auch länger Spaß machen kann, war wirklich super. Mit der Zeit kam dann auch ab und zu das Wort ‚Reschenseelauf’ ins Spiel. Natürlich begann auch ich daran zu denken, wie es denn so sein würde dort dabei zu sein. Nur im Spaß jedoch wagte ich zu sagen: „Warum nicht?“ Eines Tages bei einer der Trainingsrunden, zu denen wir immer fleißig um 5.30 Uhr aufbrachen, sagte Adele, dass sie uns beide beim Reschenseelauf angemeldet habe. Ich fiel von allen Wolken und dachte, nicht richtig gehört zu haben. Die Zeit bis zum 31. Juli, für den der Reschenseelauf angesagt war, verbrachte ich mit gemischten Gefühlen: schaffe ich es oder schaffe ich es nicht? Mit großer Unterstützung von meiner Frau Patrizia und Adele bekam ich immer wieder neuen Mut. Ich wurde in meinem Vorsatz bestärkt. Mein Vorsatz war: Ich laufe den Lauf nur für mich ganz alleine, egal, ob ich es schaffe oder nicht. Hauptsache ist es, dabei zu sein. Als der Tag X da war, gab es für mich keinen Zweifel mehr, dass ich es schaffen werde. Adele, meine Frau und ich fuhren pünktlich zum Reschensee. Wir begaben uns zur Stelle, wo die Startnummern ausgegeben wurden. Dies war alles Neuland für mich. Patrizia steckte uns die Startnummern an, ich bekam die Nummer 1489. Ich zog mir meine Blindenmasche über den linken Oberarm und Adele nahm das ihr in der Zwischenzeit so vertraute Band in die Hand und ab ging es zum Startgelände. Es häuften sich immer mehr Menschen um uns herum und ich wurde immer nervöser. Natürlich wurde ich von der immensen Menschenmenge auch ein wenig eingeengt. Die Moderatorin kündigte immer öfter an, dass es bald losgehen würde. Musik, Trommeln, Publikum...und das alles wegen uns Läufer. Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf. Ich glaube, dass sich kaum jemand vorstellen kann, wie man sich da als Blinder fühlt. Dann der Startschuss. Adele versuchte mich zu beruhigen und wir kamen langsam in den Laufrhythmus. Es dauerte nur einige Minuten und wir bekamen schon etwas Luft. Ich hatte große Angst auf jemanden aufzulaufen. Meine Gedanken gingen sehr durcheinander. Adele, der ruhige Pol neben mir, schaffte es jedoch, mir die Angst zu nehmen und ab ging es in Richtung Staumauer. Adele sagte mir immer wieder wie schön die Farbe des Sees sei. Der See leuchte. Das Publikum feuerte uns an. Es war eine Situation, wie ich sie bis dahin noch nie in meinem Leben erfahren hatte: einfach Wahnsinn. Die ganzen Trommeln, Glocken und Komplimente der Zuschauer. Ich sagte mir immer wieder: das ist mein Tag, auf den ich mein ganzes Leben lang stolz sein kann, ob ich es schaffe oder nicht. Ich denke heute noch an die Worte, die mir Adele während des Laufs als Ansporn sagte. Als wir fast die Hälfte der Strecke hinter uns hatten, meinte sie: „Geht es noch Schneggele?“ Wir hatten auch Riesenspaß während des Laufs und ließen es uns nicht nehmen, bei jedem Versorgungsständchen etwas zu trinken. Erst als es dem Ende zu ging, sagte mir Adele: „Jetzt noch ein halbes Stündchen. Schaffst du das?“ Ich hörte, wie die Trommeln und die Musik im Zieleinlauf immer näher kommen. Jetzt wusste ich, dass mein großer Wunsch in Erfüllung geht. Ich weiß nicht mehr, welche Gedanken mir durch den Kopf gingen. Eine innere Stimme sagte: „Du hast deinen Lauf gewonnen.“ Am Ziel angekommen war ich - das muss ich zugeben - am Ende meiner Kräfte. Man muss sich nur vorstellen, wie es wäre, 15,3 km zu laufen, ohne nur ein bisschen Helligkeit in den Augen zu haben. Ich brach in Freudentränen aus und schämte mich deswegen nicht. Meine erste Umarmung nach dem Zieleinlauf gebührte natürlich meiner Begleiterin Adele, die ich vor Freude fast nicht mehr loslassen wollte. Sie und meine Frau waren die Einzigen, die wussten, was mir dieser Lauf bedeutet. Meine Frau erzählte mir, dass mein Name mehrere Male durch den Lautsprecher gesprochen wurde und auch erwähnt wurde, dass ich sehbehindert bin und es eine riesengroße Leistung ist, bei so einem Lauf mitzumachen. Meiner Frau Patrizia und meiner Begleiterin Adele möchte ich aus ganzem Herzen danken. Sie haben mich während der ganzen Zeit der Vorbereitung mit großem Beistand unterstützt. Wenn ich daran denke, wie mir verschiedene Menschen nach dem Zieleinlauf mit viel Respekt gratuliert haben, empfinde ich wirklich großen Stolz auf meine Leistung.
Vinschger Sonderausgabe

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