„Dürfen nicht auf Kosten der Zukunft leben“
Publiziert in 38 / 2011 - Erschienen am 26. Oktober 2011
Laas/Essen - Franz Grave wurde 1988 zum Weihbischof von Essen geweiht. Als solcher übte er verschiedenste wichtige Tätigkeiten und Ämter aus: Mitglied der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika, 16 Jahre Vorsitzender der Bischöflichen Kommission Adveniat, Diözesanadministrator usw.. 2010 erhielt er für sein vielfältiges Wirken im Ruhrgebiet das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Seit vielen Jahren verbringt Franz Grave seinen Urlaub in Laas. Er sucht Erholung bei Wanderungen und Ausflügen, zelebriert Gottesdienste und hält viel beachtete Predigten. Im vergangenen Jahr spendete er den Jugendlichen aus der Seelsorgeeinheit Laas das Sakrament der Firmung. Ich durfte den Bischof bei einer Wanderung begleiten und ihm einige Fragen stellen.
von Hermann Schönthaler
„Der Vinschger“: Sie sprachen bei einer Ihrer Predigten von der christlichen Ökologie. Was verstehen Sie darunter?
Franz Grave: Den verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung. Dazu gehört zuerst die Überzeugung, dass Gott Herr und Eigentümer der Schöpfung ist. Der Mensch dagegen handelt im Auftrag Gottes und ist Gott rechenschaftspflichtig. Heute müssen wir vor allem darauf hinweisen, dass wir eine Verantwortung für die kommenden Generationen haben. Es darf nicht sein, dass wir heute auf Kosten der Zukunft leben und die Lebenschancen der kommenden Generation belasten.
Für immer mehr Menschen ist der Glaube bedeutungslos geworden. Sie aber sagen, glauben heißt leben, Glaube ist der spirituelle Atem.
Franz Grave: Ich bin trotz wachsender Säkularisierungstendenzen der festen Meinung, dass der Glaube eine Kraft ist und dem Leben Orientierung und Halt gibt. Die Bibel, die im eigentlichen Sinn ein Glaubensbuch ist, ist der Beweis. Fast auf jeder Seite thematisiert sie den Glauben und ermutigt dazu. Wer sich an Gott hält, wird auch von ihm gehalten. Die Geschichte vom Wandeln Jesu auf dem See und vom Sturm auf dem Meer ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Gern denke ich in diesem Zusammenhang an das Wort des gütigen Papstes Johannes XXIII.: „Wer glaubt, zittert nicht“.
Bezug nehmend auf das Sonntagsevangelium sprachen Sie vom Lebensstil eines Christen. Rousseau sagte: „Ich werde meine Religion bekennen, weil ich eine habe. Und ich werde sie öffentlich bekennen, weil ich das Herz dazu habe.“ Wie soll das öffentliche Bekenntnis eines Christen aussehen?
Franz Grave: „Lebensstil“ – das ist ein anspruchsvolles Wort. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass der christliche Glaube mehr ist als eine Weltanschauung oder religiöse Auffassung. Der religiöse „Lebensstil“ ist eine existentielle Entscheidung des Menschen für Jesus Christus. Das bedeutet zuerst, dass ich mich mit der ganzen Last meines Lebens auf ihn abstütze und mit ihm durch „dick“ und „dünn“ gehe. Es ist das tägliche Bemühen um eine vorbehaltlose Identifikation mit Jesus! Wer sich von Jesus immer mehr überzeugen lässt, der kann auch andere überzeugen. Nur vom Glauben Überzeugte können überzeugen. Gerade sie können in einer säkularisierten Gesellschaft Rede und Antwort stehen und Auskunft geben über ihren Glauben.
Die Frage nach dem gerechten Gott ist bei den vielen Ungerechtigkeiten in der Welt, bei Hungerkatastrophen, Krieg usw. berechtigt. Ist bei der Beantwortung dieser Frage nicht auch die Kirche mit ihrem Latein am Ende?
Franz Grave: Man könnte die Probleme noch weiter zuspitzen und fragen: Wo war Gott in Auschwitz, warum hat er das schreckliche Geschehen in Fukushima nicht verhindert? Eine erschöpfende Antwort gibt es nicht! Das müssen wir auch als Christen in aller Bescheidenheit und Demut zugeben. Hans Küng empfiehlt in diesem Zusammenhang eine „Theologie des Schweigens“. Dennoch kann die Kirche mit Blick auf die großen Passionsgestalten der Bibel darauf hinweisen, dass Gott uns zwar nicht vor allem Leid, wohl aber in allem Leid bewahrt, und dass das Leid anderer eine große Herausforderung für praktizierte Solidarität ist. Das Leid der anderen darf uns nicht gleichgültig lassen!
Viele Menschen, auch Christen, tun sich schwer mit der christlichen Hoffnung, dass der Tod nicht Ende, sondern Anfang eines neuen Lebens sei. Was sagen Sie diesen Menschen?
Franz Grave: Der Tod stellt uns vor viele, unlösbare Rätsel. Und alle äußeren Umstände des Sterbens und des Todes deuten auf ein endgültiges definitives Ende hin. Allein der Glaube an Jesus Christus trägt Licht in das Dunkel des Todes. Die Evangelien und die übrigen Schriften des Neuen Testamentes bekennen übereinstimmend, dass der Gekreuzigte am dritten Tage von den Toten auferstanden und den Frauen und den Jüngern erschienen ist. Mit dieser Botschaft hat der Auferstandene selbst eine neue, unbändige Hoffnung in den Herzen entzündet. Jesus Auferstehung ist aber nicht ein persönlicher Triumph, der Sieg eines Helden. Es ist der Sieg des Lebens über den Tod und der Grund unserer Hoffnung auf das ewige Leben.
Auch für uns heute gilt das Wort der Bibel an die ratlosen Frauen am Grab: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Der Grund unserer Hoffnung ist der Auferstandene! Ihn müssen wir verkündigen. Das neue Buch von Papst Benedikt „Jesus von Nazareth“ ist eine gute Hilfe.
In Österreich rufen Pfarrer zum Ungehorsam auf. Sie fordern, dass Laien predigen und Frauen zu Priestern geweiht werden dürfen. Was halten Sie davon?
Franz Grave: Die österreichische Initiative ist ein Ausdruck der Sorge um die Zukunft der Kirche im Lande. Darin bringt man Problem zur Sprache, die in den Jahren nach dem 2. Vatikanischen Konzil immer wieder artikuliert wurden. Einige dieser Probleme haben Sie ja benannt. Es kommt verständlicherweise Unruhe auf und die Ungeduld wächst, wenn Lösungen auf sich warten lassen. So ist die Priesterfrage für die Kirche von existenzieller Bedrohung und es wird nicht möglich sein, mit organisatorischen Mitteln dieses Problem allein zu lösen. Den Aufruf zum Ungehorsam halte ich allerdings für einen Mangel an kirchlicher Identität. Die Kirche ist nicht irgendeine gesellschaftliche Gruppe, in der die Gesetze von Protest, Widerstand oder Streik Anwendung finden. In der Kirche gilt der Dialog und zwar auf allen Ebenen!
In der Kirche muss sich etwas ändern. Welches wären Ihrer Meinung nach die dringendsten Reformen?
Franz Grave: In Deutschland haben die Bischöfe gerade einen gründlichen Dialog-Prozess eingeläutet und auch bereits begonnen. Dieser Dialog, der übrigens einen guten Start hatte, soll offen und auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens geführt werden. Es ist zweifellos ein gewagtes, aber auch ein mutiges Unternehmen. Es soll kein Thema ausgeblendet werden. Offen und konstruktiv soll es zugehen. Dabei könnte man von der Kirche in Lateinamerika lernen, die in ihren Generalkonferenzen des lateinamerikanischen Bischofsrates einen umfassenden Dialog-Prozess praktiziert hat.
Die wichtigste Änderung für die Erneuerung der Kirche ist die Bereitschaft zum Dialog und zur Einführung von konsultativen Elementen.
Sie waren 16 Jahre lang Vorsitzender der Bischöflichen Kommission Adveniat. Das 50-jährige Bestehen von Adveniat steht unter dem Motto: „Fe y Alegria“ - zu Deutsch „Glaube und Freude“. Welches ist das Hauptanliegen dieses Projektes?
Franz Grave: Das Projekt „Fe y Alegria“ steht im Dienst einer ganzheitlich verstandenen Bildungskonzeption. Es soll den jungen Menschen die Voraussetzung für eine erfolgreiche Bildung schaffen. Wir alle wissen, dass Armut nicht nur mit „Brot“ bekämpft werden kann. So wichtig Brot ist! Der Schlüssel zur Armutsbekämpfung ist Bildung. Dabei ist Bildung nicht nur technisch zu verstehen. Sie muss den ganzen Menschen umfassen, ganz selbstverständlich auch die religiöse Bildung. Die Verantwortung für das Projekt haben die Jesuiten übernommen und in den vergangenen Jahren bewiesen, dass das Anliegen in den richtigen Händen liegt. Wenn sie dieses Projekt unterstützen wollen, bitte ich Sie herzlich um eine Spende auf das folgende Konto: Spendenkonto 66 40 90, Stichwort: Bildungsinitiative, Bank im Bistum Essen eG (BLZ 360 602 95) BIC: GENODED1BBE, IBAN: DE22 3606 0295 0000 6640 90. Bischöfliche Aktion ADVENIAT.
Hermann Schönthaler