Corona-Tagebuch (15), 03.04.2020

Corona-Tagebuch (15), 03.04.2020

Großartig, grausam, unerbittlich

- Gestern Abend wurde ich zum wiederholten Mal „Gefangener“ des Corona-Fernsehens. Wie fast jeden Abend. Die Journalisten in- und ausländischer Fernsehsender haben inzwischen so gut wie das gesamte Aufgebot, was es an Wissenschaftlern und Experten gibt, aus den Forschungsstätten und Labors hervorgeholt. Man will endlich handfest und aus sicherer Quelle erfahren, was es nun genau ist, dieses Coronavirus. Einhellig, übereinstimmend und wirklich erschöpfend sind die Antworten der Wissenschaftler bisher nicht. Das hat wohl einen ganz simplen Grund: die Wissenschaft hat das Coronavirus noch nicht zur Gänze erforscht. Das Einzige, was man derzeit tun kann, ist es, die Ausbreitung zu verhindern. Heute in der Früh hörte ich, dass mittlerweile rund die Hälfte der Menschheit isoliert ist. Die Zahl der Infizierten beläuft sich weltweit auf über eine Million. Damit die Erkrankten versorgt werden können und die „eingesperrten“ Menschenmassen zum Lebensnotwendigsten kommen, sind bestimmte Arbeiten und Dienste unerlässlich. Man spricht von „Systemrelevanz“. Auf dem Hin- und Rückweg zur Arbeit habe ich heute einige Personen, die „systemrelevante“ Arbeiten und Dienste verrichten, gesehen: eine Krankenpflegerin, einen Arzt, einen Briefträger, einen Bankangestellten, Inhaber und Mitarbeiter von Lebensmittelgeschäften und Tabaktrafiken, Mitarbeiter der Sozialdienste, einen Apotheker. Vollständig ist diese Liste natürlich nicht. So fehlen etwa die Carabinieri, Finanzbeamten, Gemeindepolizisten und Förster. Wenn derzeit im Dorf Fahrzeuge verkehren, sind es zumeist Autos von Ordnungskräften oder Lieferwägen mit Waren, die online bestellt wurden. Irgendwie muss das System weiterlaufen. Um dem Virus endgültig Einhalt zu gebieten, ist ein geeigneter Impfstoff wohl unerlässlich. Die ganze Menschheit wartet derzeit auf ein Wundermittel. Sigmund Freud sieht in seinem Werk „Die Zukunft einer Illusion“ (1927) die wichtigste Aufgabe der Kulturarbeit darin, „uns gegen die Natur zu verteidigen, gegen die Elemente, die Krankheiten und das quälende Rätsel des Todes.“ Und weiter: „Mit diesen Gewalten steht die Natur wider uns auf, großartig, grausam, unerbittlich, rückt uns wieder unsere Schwäche und Hilflosigkeit vor Augen, der wir uns durch die Kulturarbeit zu entziehen gedachten.“ Man kann zu Freuds Thesen stehen wie man will. Vom Coronavirus konnte er nichts wissen, aber seine drei Adjektive treffen auf unseren neuen, unsichtbaren und gemeinsamen Feind mit Sicherheit zu: großartig, grausam, unerbittlich. - Ein Wort des Jahres brauchen wir heuer nicht zu suchen. Ein Unwort auch nicht.

Sepp Laner

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