Corona-Tagebuch (19), 07.04.2020

Corona-Tagebuch (19), 07.04.2020

Zum Wohl

- Heute muss ich gestehen, dass ich mich gestern Abend etwas übernommen habe. Ziemlich viel Dosenbier und dann auch noch Wein. Etwas zu viel. Und alles vor dem Fernseher. Was habe ich eigentlich geschaut? Ach ja, Corona. In allen möglichen Sendern: Rai, ZDF, Schweizer Fernsehen, ORF, Italia 1, Rai Südtirol, ARD usw. Hätte ich nicht an das Fernsehschauen gedacht, wäre mir jetzt tatsächlich entgangen, dass wir in der Corona-Zeit leben. Aber es ist so. Dieses verdammte Virus nimmt alles in Beschlag. Auch die normale Zeitrechnung. Dass Frühling ist, spürt, hört und fühlt man. Um sich aber über andere Dinge Gewissheit zu verschaffen, muss man auf das Handy schauen, auf die Uhr oder auf den Kalender. Ich habe mich sogar schon dabei ertappt, wie ich auf dem Kalender überprüfte, ob wir tatsächlich das Jahr 2020 schreiben. Ja, es ist so. Heute ist Dienstag. Wir sind in der Osterwoche. Ob heuer auch der Osterbrauch des „Ratschens“ ausfällt? Ich weiß es nicht. Mit dem Suchen der Osterhasen dürften sich viele Kinder nicht schwer tun, denn das „Revier“, innerhalb dem sie versteckt werden dürfen, ist eingeschränkt. Wie es die Menschen heuer mit dem Fasten halten, weiß ich auch nicht. In einem Getränkegeschäft sagte mir kürzlich eine Angestellte, dass der Wein das erste Getränk sein dürfte, das vermutlich ausgeht, und zwar zuerst in Spanien und dann in Italien. Ob das stimmt oder nicht, bleibe dahingestellt. Dass nicht wenige Menschen derzeit zu Hause mehr Alkohol trinken als in normalen Zeiten, wage ich schon zu vermuten. Als Beispiel nehme ich mich selbst. Apropos Alkohol: 3 Tage nach dem Beginn der Ausgangssperre stieß ich bei einem (kurzen) Spaziergang auf einen Mann, der alkoholabhängig ist, zumindest während bestimmter Zeiträume. Obwohl wir einander sonst immer grüßen und uns das eine oder andere Wort zuwerfen, fiel an diesem Tag kein einziges Wort. Der Mann war kreidebleich, lehnte an einem Geländer und starrte ins Leere. Es muss für ihn die Hölle sein, kein „Glasl“ mehr zu bekommen, nicht einen Euro in der Hosentasche zu haben, um in einem Geschäft Wein zu kaufen, und keine Menschen mehr auf der Straße zu treffen, die ihm etwas Kleingeld geben könnten. Kälter kann ich mir einen Entzug nicht vorstellen. Das ist nur eine von unzähligen kleinen, für die Betroffenen aber großen Tragödien, die uns das Coronavirus beschert. Da geht es jenen, die jeden Abend virtuell miteinander anstoßen können, noch gut. Auch wenn man das Glas nicht direkt bis zum Glas seines Gegenübers reichen kann, sondern nur zur Bildfläche des senkrecht „aufgebockten“ Handys: Zum Wohl.

Sepp Laner 

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