Corona-Tagebuch (6), 25.03.2020

Corona-Tagebuch (6), 25.03.2020

Zu einem späteren Zeitpunkt

- Der Seelenrosenkranz wird zu Hause gebetet. Die Beisetzung findet im engsten Familienkreis statt. Der Sterbegottesdienst wird gefeiert, sobald es die Umstände erlauben. Der Termin für die Trauerfeier wird später bekannt gegeben. Auf fast allen Partezetteln und auch in Todesanzeigen sind derzeit solche oder ähnliche Sätze zu lesen. Auch heute habe ich mich dabei ertappt, wie ich im Internet nachschaute, wer gestorben ist. Bei älteren Verstorbenen frage ich mich, ob sie möglicherweise infiziert waren. Das Coronavirus hat so ziemlich alles auf den Kopf gestellt. Auch das Sterben und die dazugehörigen Rituale. Es zerreißt einem das Herz, wenn man sich vorstellt, dass Sterbende allein aus dieser Welt scheiden müssen. Ohne ein Wort, ohne eine berührende Hand, ohne einen letzten Blick. - Gestern hat der Sanitätsbetrieb gemeldet, dass die Zahl der infizierten Menschen in Südtirol auf 789 gestiegen ist. Die Zahl der Verstorbenen wuchs auf 44, jene der Personen, die in verordneter Quarantäne leben müssen, auf 2.365, und die Zahl der intensiv Betreuten auf 48. In wenigen Stunden, kurz vor Mittag, werden wir die neuen Zahlen hören. Ich will sie aber nicht hören. Nicht schon am Vormittag. Am Abend ist es auch noch früh genug. Hoffentlich flacht diese verdammte Kurve endlich ab. Es wird schon wieder werden. Es muss wieder werden. Meinen drei Pflänzchen geht es indessen wunderbar. Ich rede ihnen gut zu und gieße sie mehrmals am Tag. Zu viel Wasser ist aber auch nicht gut. Da fällt mir gerade ein, dass wir immer und überall genug und gutes Wasser haben. Aus Indien, Brasilien und anderen Ländern wurde gestern berichtet, dass es zum Teil große Wasserknappheit gibt. Wie soll man sich da die Hände waschen? Hinzu kommt, dass Millionen von Menschen kein Geld haben, Lebensmittel zu kaufen, geschweige denn Desinfektionsmittel oder Masken, wenn es solche denn überhaupt gibt. - Bevor ich die Wohnung für einen Einkauf verlasse, fallen mir die neuen Einschränkungen ein. Mal schauen, wie viele Schritte es bis zum Geschäft sind und wie weit ich mit 200 großen Schritten komme. Wer die Einschränkungen nicht beachtet, muss jetzt mit Strafen von 400 bis 3.000 Euro rechnen. Bis zu 5 Jahre Haft könnten jenen blühen, die in verordneter Quarantäne sind und sich vorsätzlich nicht an die damit verbundenen Auflagen halten und die Wohnung verlassen. - Im Stiegenhaus werfe ich einen Blick aus dem Fenster. Kein Mensch auf der Straße. Da schrillt plötzlich das Handy. Ich sehe eine Nummer, die ich nicht kenne. Gott sei Dank ist es nur eine Frau von der Gewerkschaft, die Termine für das Abfassen der Steuererklärung vereinbart. Ich habe die Wahl: irgendwann im Juli oder im August. Dass ich sofort den Juli wähle, hängt wohl damit zusammen, dass ich mich brennend nach einer baldmöglichsten Rückkehr zur Normalität sehne. Wie derzeit wohl alle. Sicher auch der Mann, der an der Ecke der Straße mit seinem Hund auftaucht. Wir beginnen beide schon von weitem, eine Art Halbkreis zu ziehen, um einander nicht zu nah zu kommen. Geredet wird so gut wie nichts. Die Blicke sagen alles. Sogar das Hündchen wirkt etwas verdutzt. Warum streichelt mich keiner mehr? - Jetzt habe ich doch glatt vergessen, die Schritte zu zählen. Aber ich hole das auf dem Rückweg nach und gebe Ihnen morgen Bescheid.

Sepp Laner

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