Corona-Tagebuch (7), 26.03.2020

Corona-Tagebuch (7), 26.03.2020

„Lei net lugg lossn“

- Wieder ist eine Nacht vorbei. Gott sei Dank sind wir noch alle gesund. Niemand im Krankenhaus, niemand in Quarantäne. Bin ich ein Egoist? Ja, das bin ich. Fast instinktiv achten die Menschen in Zeiten wie diesen zunächst auf sich selbst: Sind wir sicher? Ist der Kühlschrank voll? Geht es meinen Angehörigen und Freunden gut? Gleichzeitig kann man nur staunen, mit wie viel Einsatz, Ernsthaftigkeit, Herzblut und Hingabe derzeit jene Menschen ihre Arbeit tun, die im Kampf gegen das Virus ganz vorne stehen und ihr Bestes geben. Dasselbe gilt auch für die vielen Freiwilligen, die das Netz der Solidarität laufend mit neuen Initiativen immer enger knüpfen, damit vor allem die Schwachen nicht durchfallen. Wenn jeder das Seinige an seinem Ort tut - momentan ist das für den Großteil der Bevölkerung „nur“ das Daheimbleiben -, übernehmen wir Verantwortung für die Gemeinschaft. Wir schützen die Gemeinschaft und die Gemeinschaft schützt uns. Es ist ein bisschen wie bei einem Bienenvolk. Von der Vollversammlung des Imkerbezirks Untervinschgau, die noch vor dem vollen Ausbruch der Corona-Krise stattgefunden hat, ist mir eine Aussage besonders in Erinnerung geblieben: Jede Einzelbiene hat Einfluss auf das ganze Volk und das Volk hat Einfluss auf jede Einzelbiene. -  „Lei neit lugg lossn“ hat uns der Professor Josef Schwarz im Johanneum in Dorf Tirol immer wieder eingebläut. Wie recht er hatte. Schon damals, vor über 40 Jahren. Und heute gilt seit Motto mehr denn je. Also wieder hinein ins Bad und ordentlich die Hände waschen. Ich glaube nicht, dass in Südtirol jemals so viele Menschen so weiße Hände hatten wie derzeit. Und dass die Wohnungen jemals so sauber waren wie in diesen Tagen. Von der Türklinke bis zum Henkel der Kaffeetasse. Wahr ist allerdings auch, dass es hinter so manchen 4 Wänden zurzeit auf anderen Ebenen alles andere als „glänzt“. Die Corona-Zeiten stellen auch das zwischenmenschliche Zusammenleben mitunter auf eine harte Probe. Familien, in denen es schon vor der Krise weitgehend echte Harmonie gab, dürften jetzt noch enger zusammenwachsen. Wo es hingegen schon vorab „geknistert“ hat, könnte es noch gefährlicher werden. Groß ist auch die Zahl jener, die allein sind. Da kann es schon vorkommen, dass man plötzlich mit sich selber spricht. Dass Ängste um die Gesundheit laut werden und Befürchtungen darüber, was die Zukunft bringen wird. Sicher ist, dass es eine Zukunft geben wird. Ob sie besser wird, hängt von jeder Einzelbiene ab und auch vom ganzen Bienenvolk. Der unausweichliche Neubeginn wird uns auch zwingen, in Demut über Dinge nachzudenken, die wir schon viel zu lang als selbstverständlich hinnehmen. Wir werden unter anderem den Wert der Mutter Erde neu erkennen und schätzen lernen müssen. Wir haben Milch, Früchte, Gemüse und Fleisch. Wir haben eine schöne Landschaft, die sicher wieder viele Gäste anlocken wird. Wir haben fleißige Bauern, Handwerker, Kaufleute, Dienstleister, Betriebe, Freiberufler usw. Das vielleicht Wichtigste ist derzeit: zusammenhalten und einander vertrauen. Wenn wir nicht mehr genau wissen, wie das geht, können wir jene Menschen fragen, die jetzt unseren besonderen Schutz brauchen, den sie sich mehr als verdient haben. Also: „Lei net lugg lossn“. - Nachtrag: Vom Geschäft bis zur Wohnung sind es 352 Schritte (Ausweichmanöver inklusive).

Sepp Laner

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