Neue Hinweise zu Südtirols Geschichte im Mittelalter

Neue Hinweise zu Südtirols Geschichte im Mittelalter

Forscher von Eurac Research haben an frühmittelalterlichen Kinderskeletten aus dem Friedhof von Schloss Tirol die Krankheit Skorbut festgestellt, die bei langfristigem Vitamin-C-Mangel auftritt

- Hunderte menschliche Überreste aus der Zeit zwischen 400 und 1100 n. Chr., gefunden an Ausgrabungsorten in ganz Südtirol, haben die Mumienforscher von Eurac Research untersucht, um neue Erkenntnisse über die Lebensbedingungen und die Gesundheit der regionalen Bevölkerung jener Zeit zu erhalten: Was aßen die Menschen und an welchen Krankheiten litten sie? Bei den Kinderskeletten aus dem Friedhof von Schloss Tirol fanden die Wissenschaftler Hinweise auf die Vitaminmangelkrankheit Skorbut. Die Entdeckung erlaubt neue Einblicke in einen noch wenig erforschten Zeitabschnitt in der Geschichte der Region.
Seit 2014 untersuchen die Skelett- und Mumienexperten von Eurac Research Knochen von mehr als 300 Männern, Frauen und Kindern, die im Frühmittelalter in Südtirol lebten. Um körperliche Merkmale, den Gesundheitszustand und die Ernährung dieser Menschen zu rekonstruieren, kombinieren sie Methoden aus Archäologie, Anthropologie und Paläopathologie. Bei der Analyse von Kinderskeletten aus dem frühmittelalterlichen Friedhof von Schloss Tirol stellten die Forscher Anzeichen von Unterernährung und zwei Fälle von Skorbut fest, eine durch Vitamin-C-Mangel verursachte Krankheit. Die an Skorbut erkrankten Kinder waren zwischen 11 und 14 Jahre alt.
„Vitamin C wird über die Nahrung aufgenommen: In Obst und frischem Gemüse steckt viel Vitamin C, auch in Milch, Fleisch und Fisch sind kleinere Mengen enthalten“, erklärt Alice Paladin, Anthropologin von Eurac Research, die die Skelette untersucht hat. „Krankheiten wie Skorbut deuten darauf hin, dass die Menschen, die zu jener Zeit in der Nähe von Schloss Tirol lebten, keinen Zugang zu diesen Lebensmitteln hatten. Aufgrund dieser Erkenntnis können wir unterschiedliche Mutmaßungen anstellen.“ Eine mögliche Ursache sind nach Ansicht der Experten klimatische Bedingungen: So könnte ein extrem harter Winter zu Ernteausfällen geführt oder die Bevölkerung isoliert haben. Doch auch Krieg und Unruhen kommen als Ursache in Frage: „Die wenigen Chroniken aus jener Zeit erzählen, dass Südtirol aufgrund seiner strategisch wichtigen geografischen Lage von Truppen aus dem Norden und Osten umkämpft wurde und gleichzeitig Durchzugsgebiet von Kriegern und Schauplatz von Belagerungen war. Dadurch könnte die lokale Bevölkerung gezwungen gewesen sein, ihre Nahrung zu reduzieren, um beispielsweise die kriegerischen Truppen zu versorgen“, erklärt Paladin. Um diese Annahmen zu prüfen, sind weitere archäologische Untersuchungen notwendig.
„Die Skelettanalysen liefern uns wertvolle Informationen zum Leben der Menschen zu jener Zeit: Sie geben Auskunft über das Alter zum Todeszeitpunkt, das Geschlecht und Krankheiten. Durch die Erforschung von Stoffwechselerkrankungen wie Skorbut, aber auch von Zahnerkrankungen, verstehen wir außerdem zunehmend besser, wie sich die Ernährung auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirkt, damals wie heute“, erklärt Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumienforschung von Eurac Research.
Die Studie wurde in Zusammenarbeit mit dem Amt für Bodendenkmäler der Autonomen Provinz Bozen durchgeführt. Die Ergebnisse wurden in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Journal of Osteoarchaeology“ veröffentlicht.

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