Bei der Vorbereitung für die Challenge: Alex Erhard.

Rauf auf den Everest – im Vinschgau 

Alex Erhard hat sich an eine besondere Challenge gewagt: Das sogenannte „Everesting“. 

Publiziert in 29 / 2020 - Erschienen am 1. September 2020

MALS - 40 Mal vom Tartscher Friedhof bis zur ersten Matscher Kehre, dieselbe Strecke, mit dem Mountainbike rauf und runter. Immer wieder. Nach 9000 Höhenmeter stoppt die Uhr bei rund 11 Stunden. Alex Erhard hat es geschafft und seine „Everesting“-Challenge erfolgreich gemeistert. 
Aber der Reihe nach: Der Malser Alex Erhard ist Vollblutsportler. Aus Leidenschaft. Unterwegs mit dem Mountainbike oder mit Laufschuhen: In der Natur und den Bergen fühlt er sich wohl. Dabei lässt der Athlet vom Amateurradsportverein ARSV Vinschgau auch immer wieder mit Erfolgen aufhorchen, wie dem mehrfachen MTB-Uphill-Landesmeistertitel (2013, 2014, 2015, 2016) oder überhaupt starken Platzierungen bei regionalen Bike- und Laufveranstaltungen. „Derzeit gibt es aufgrund der Coronavirus-Situation aber leider kaum Wettkämpfe. Absagen stehen an der Tagesordnung. Aber wir Sportler wissen uns zu helfen“, lacht Erhard. 
Und wie sich die „verrückten“ Sportler zu helfen wissen. „Verrückt“, im positiven Sinne, muss es sein, wenn sogenannte Challenges, also Herausforderungen, wie das Everesting sich entwickeln. Eine Herausforderung, der sich kürzlich auch Erhard gestellt hat. Aber, worum geht es hier? „Beim Everesting fährt ein Radfahrer oder rennt ein Läufer so lange einen Hügel hinauf und wieder hinunter, bis er 8.848 Höhenmeter gesammelt hat und somit die Höhe des Mount Everest erreicht hätte“, erklärt Erhard. Dabei gebe es kein Zeitlimit, „doch es muss in einer Session ohne Schlaf durchgeführt werden“, präzisiert der 42-Jährige. Den ersten „Everesting-Ride“ unternahm übrigens George Mallory. Er ist der Enkel von George Herbert Leigh Mallory, der 1924 bei einer Mount-Everest-Expedition ums Leben gekommen ist. „Zu Ehren seines Großvaters fuhr Enkel George 1994 in Australien am Mount Donna Buang mit dem Rad acht Mal die 1.069 Höhenmeter zum Gipfel. Mittlerweile ist aus dem Everesting ein eigener Sport geworden, mit einer eigenen Szene, eigenen Rankings und auch einer Version für Läufer“, weiß Alex Erhard.  
Der Vorteil dieser wieder in die Mode gekommenen Challenge: Das Everesting lässt sich überall durchführen. „Denn selbst flache Gegenden haben irgendwo einen Hügel mit einem gewissen Höhenunterschied. Aber wir hier im Vinschgau haben natürlich optimale Bedingungen“, so Erhard. Bedingungen, die auch er nutzen wollte. 

„Eigentlich wollte ich laufen“ 

„Eigentlich wollte ich die Challenge als Lauf absolvieren. Ich versuchte dabei schon mehrere Anstiege in Vöran und St. Martin am Kofel. Ich setzte mir zum Ziel von Latsch bis St. Martin acht Mal hochzulaufen“, so Erhard. Diese Strecke gehöre zu seinen Lieblingsstrecken, im Herbst 2019 hatte er hier auf seiner „Hausstrecke“ den traditionellen Berglauf gewonnen. „Leider machte mir eine Knieverletzung einen Strich durch die Rechnung. Deshalb musste ich aufs Rad wechseln und versuchte diverse Strecken und tastete mich langsam heran“, blickt er zurück. 
Gesagt, getan, die Planungen wurden umgestellt. Die „Utensilien“: Ein Mountainbike, ein Helm, die passenden Schuhe, das richtige Outfit, Verpflegung und „im Optimalfall eine Support-Crew, die ich nicht hatte“, scherzt Erhard. Dazu kommt noch ein GPS-Gerät oder Smartphone, das die Einheit aufzeichne. „Dieser Strava-basierte Nachweis ist die Voraussetzung für Ruhm und Ehre sowie für das offizielle Finisher-Diplom“, erklärt der Athlet. Dieses offizielle Finisher-Diplom erhielt er, die Challenge gelang. 

Der ideale Anstieg 

Nach mehreren Versuchen auf Strecken im Obervinschgau fand Erhard „seinen“ idealen Anstieg, nämlich die Steigung vom Tartscher Friedhof bis zur ersten Matscher Kehre. „Das sind genau zwei Kilometer und über 230 Höhenmeter. Die derzeitigen Weltrekord-Versuche für diese Challenge werden auf ähnlichen Steigungen gefahren. Ich musste diese Steigung also rund 40 Mal fahren, damit ich auf die Höhe des Mount Everest komme“, erzählt Erhard. Dabei sei es insbesondere eine mentale Herausforderung gewesen. „9.000 Höhenmeter am Stück zu radeln war alles andere als einfach. Es war natürlich körperlich anstrengend, aber noch die größere Herausforderung war die mentale Belastung. Stets dieselbe Strecke, rauf und runter, das war schon schwierig“, blickt Erhard zurück. Hierbei war er immer alleine unterwegs. „Ich wollte es nicht an die große Glocke hängen und überhaupt, gleich beim ersten Versuch schafft man so eine Challenge selten. Ich habe auch nicht unbedingt damit gerechnet“, betont er. 

Der perfekte Tag 

Erhard hat an jenem Sonntag, 16. August, „den perfekten Tag“ erwischt. Körperlich und psychisch in herausragender Verfassung schaffte er die Challenge. Los ging es bereits um 5.30 Uhr morgens. „Der erste Durchhänger kam nach etwa 3000 Höhenmetern. Gute Musik motivierte mich weiterzumachen. Ein zweiter schwieriger Punkt traf mich bei 6000 Höhenmeter. Ich kämpfte auch gegen diesen an und nach knapp 11 Stunden erreichte ich das Ziel des Everests bzw. die Höhenmeter des höchsten Berges. Ich machte dann noch die 9000 Höhenmeter voll und sendete meine Strava-Einheit ein, die analysiert und bestätigt wurde“, erzählt Erhard im Gespräch mit dem der Vinschger
Dabei gelang ihm zugleich ein besonderes Kunststück und zwar schaffte er die schnellste in Italien gemessene Everest-Zeit mit dem Mountainbike. „Natürlich, es macht mich schon stolz. Aber in erster Linie habe ich diese Challenge für mich gemacht“, blickt Alex Erhard zurück. 

Michael Andres
Michael Andres

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