Das „Wunder“ Vinschgerbahn verleiht der großen Vision „Bahnverbindung Engadin-Vinschgau“ neuen Schwung.

Eine starke Vision fährt auf Gleis 1 ab

Publiziert in 15 / 2009 - Erschienen am 22. April 2009
Schlanders – Die Wiederin­betriebnahme der Vinschgerbahn im Jahr 2005 war ein ­großer Wurf. Aufbauend auf dieses Erfolgsmodell kommt jetzt der alte Traum einer Bahnverbindung Engadin-Vinschgau neu in Fahrt. Eine starke Vision und ein hehres Ziel, dem sich eine eigene Initiativgruppe, bestehend aus Vertretern aus der Schweiz und aus dem Vinschgau, verschrieben hat. Am 17. April hat am Sitz der Bezirksgemeinschaft Vinschgau in Schlanders eine Aussprache stattgefunden. Um das Vorhaben weiterzubringen, sind noch viele „Haltstellen“ anzupeilen. „Wir müssen zunächst die Bevölkerung dies- und jenseits der Grenze für diese Vision gewinnen, wie müssen uns auf eine einzige Trassenvariante einigen und wir müssen die Regierungsleute in Chur und Bozen sowie in Bern und Rom auf unsere Seite bringen,“ stimmten der Präsident der Initiativgruppe Georg Fallet, Großrat für das Münstertal im Kanton Graubünden, und der Vizepräsident Josef Noggler, Abgeordneter im Südtiroler Landtag, überein. Der größte „Stein auf der Schiene“ dürfte aber die Finanzierung werden. Zum Treffen eingeladen hatte die Bezirksgemeinschaft ­Vinschgau. „Wir sind alle Realisten, aber ohne Visionen treten wir als Verwalter auf der Stelle,“ hatte Bezirkspräsident Johann Wallnöfer vorausgeschickt. Der Bezirk Vinschgau stehe voll hinter dem Projekt einer Bahnverbindung Graubünden-Vinschgau „und wir wünschen uns, dass die Initiativgruppe intensiv weiterarbeitet.“ Paul Stopper (Amt für Energie und Verkehr Graubünden) stellte die im Jahr 2006 im Rahmen eines Interreg-III-A-Projektes erstellte Studie „Bahnverbindung Unterengadin-Obervinschgau“ vor. Darin werden 5 Trassen-Varianten, die allesamt auch Tunnelstrecken unterschiedlicher Länge vorsehen, beleuchtet: Scuol/Mals (45 km, 23 davon im Tunnel), Scuol/Valchava/Mals (64 km, 34 davon im Tunnel), Zernez/Punt la Drossa/Valchava/Mals (54 km, 33 davon im Tunnel), S-chanf/Livigno/Valchava/Mals (77 km, 43 davon im Tunnel) und Scuol/Nauders/Reschen/Mals (77 km, 26 davon im Tunnel). Die Variante Scuol/Mals (8,5 Jahre Bauzeit) wäre mit geschätzten Ausgaben von rund 600 Millionen Euro die „billigste“, die Variante ­S-chanf/Livigno/Valchava/Mals (12 Jahre Bauzeit) mit rund einer Milliarde Euro die teuerste. Willy Altermatt und Erwin Bundi, ebenfalls Mitglieder der Initiativgruppe auf Schweizer Seite, hoben die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit und der transparenten Information hervor. Bei einem derart komplexen Projekt müsse eine hohe Qualität der Kommunikation gegeben sein. Zielgruppen seien die Bewohner dies- und jenseits der Grenze und auch die Politik auf beiden Seiten. Dass sich die regierenden Politiker in Südtirol und in Graubünden bezüglich des grenzübergreifenden Bahnbauprojekts derzeit eher in Zurückhaltung üben, ist kein Geheimnis. Für die Schweizer Seite bestätigte dies Georg Fallet, für die Südtiroler Seite unter anderem Walter Weiss, der Präsident des Vereins „Freunde der Eisenbahn“. Einig sind sich Georg Fallet, Josef Noggler, Johann Wallnöfer sowie alle weiteren Mitglieder der Initiativgruppe, dass es zunächst darum gehen muss, die Bevölkerung der gesamten Region ausgiebig zu informieren und zu überzeugen. Weiters müsse es gelingen, sich im Zuge von Diskussionen dies- und jenseits der Grenze auf eine einzige Variante festzulegen und sodann ein klares Konzept auf den Weg zu bringen. „Wenn die Bevölkerung zweier Talschaften voll dahinter steht und wenn wir noch dazu genau wissen, was wir wollen, werden wir auch auf die Politik einen starken Druck ausüben können,“ stimmten Fallet und Noggler überein. Die nächsten konkreten Schritte der Initiativgruppe sind eine öffentliche Informationsveranstaltung, die Herausgabe eines Info-Faltblattes sowie die Gründung des „Internationalen Aktionskomitees Bahnverbindung Engadin-Vinschgau“ (die Kontaktadresse hierfür ist: Erwin Bundi, Kaltbrunnstraße 5, CH-7000 Chur; Tel.: 0041 (0) 81 353 57 43; E-Mail: erwin.bundi@bluewin.ch). Mehrfach gedankt wurde bei der Aussprache den hart­näckigen Bahnpionieren ­Wolfgang Platter, Kristian Klotz und Walter Weiss, die sich für die Wiederinbetriebnahme der Vinschgerbahn stark ins Zeug gelegt hatten. „Es freut mich, dass nun in Richtung Bahnverbindung Engadin-Vinschgau weiter gearbeitet wird,“ sagte Klotz, „und dass auf die Information und die Einbindung der Bevölkerung ein so großer Wert gelegt wird. Diese Aspekte haben wir beim Projekt der neuen ­Vinschgerbahn seinerzeit vielleicht etwas unterschätzt.“ Wolfgang Platter gab sich überzeugt, dass der öffentliche Verkehr in Zukunft noch stärker über schienengebundene ­Systeme laufen wird. Zu bedenken gab Platter, dass im Großraum Bormio - die Bahn endet bekanntlich in Tirano - derzeit niemand an eine Bahn-Lösung denke, viel aktueller sei nach wie vor eine Straßen-Lösung, sprich ein Straßentunnel unter dem Stilfserjoch. Auf den volkswirtschaftlichen Aspekt einer grenzüberschreitenden Bahnverbindung verwies Otto Gander, ebenfalls ein eingefleischter Freund der Eisenbahn. Gander: „Ich wage zu behaupten, dass es in den letzten 30 Jahren kaum ein Projekt gegeben hat, dass unserem Tal – und nicht nur - so viel gebracht hat wie die Inbetriebnahme der Vinschgerbahn und der Postauto-Linie Zernez-Mals, speziell auch für den Tourismus.“ Wie Otto Gander und weitere Diskussionsteilnehmer verwies auch Senator Manfred Pinzger auf die großräumigen Verbindungen und Auswirkungen, zu denen eine Bahnverbindung Engadin-Vinschgau führen würde: „Es geht nicht nur um Scuol und Mals, sondern um Zürich Basel, Bozen und Venedig.“ Das größte Problem auf lange Sicht sieht Pinzger in der Finanzierung. Unrecht hat er damit sicher nicht. „In jedem Fall anzustreben ist kurzfristig die Sensibilisierung der Bevölkerung auf beiden Seiten,“ so Pinzger. Georg Fallet, einer der glühendsten Verfechter der Bahnverbindung, appellierte an die Vinschger, eifrig für dieses Vorhaben zu kämpfen: „Wenn ein starker Druck aus dem Vinschgau kommt, wird er für uns in Graubünden und in der Schweiz insgesamt etwas leichter.“ Nach der Eröffnung des Vereinatunnels mit Autoverlad im Jahr 1999, nach dem ­„Wunder Vinschgerbahn“ im Jahr 2005 und der drauf folgenden Postauto-Linie Mals-Zernez wertet Fallet die Bahnverbindung Engadin-Vinschgau als Weiterführung eines zukunftsträchtigen Bahn-Gesamtkonzeptes. „Auch der Tourismusverband Vinschgau steht voll hinter diesem großen Vorhaben,“ sagte Gloria Blaas, die stellvertretende Präsidentin des Verbandes. Die volle Unterstützung der „Freunde der Eisenbahn“ sicherte Walter Weiss zu. Auch auf politischer Ebene auf Vinschger bzw. Südtiroler Seite gibt es laut Josef Noggler überzeugte Mitstreiter, so unter anderem den Landesrat Richard Theiner, den Landtagsabgeordneten Arnold Schuler sowie die Bezirksgemeinschaft und viele Gemeindepolitiker. Die Umweltschutzgruppe Vinschgau war zwar zum Treffen am 17. April eingeladen worden, glänzte aber mit Abwesenheit.
Josef Laner
Josef Laner

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