Walter Gostner (links) im Gespräch mit Rudi Rienzner.

„Die Wasserkraft ist eine Schlüsselenergie“

Publiziert in 20 / 2022 - Erschienen am 8. November 2022

der Vinschger: Herr Walter Gostner, welches Gesamtresümee ziehen Sie aus der heurigen Auflage der interalpinen Energie- und Umwelttage in Mals?


Walter Gostner: Die Energie- und Umwelttage haben eindrücklich gezeigt, dass die Wasserkraft eine Schlüsselenergie darstellt. Ohne einen weiteren Ausbau der Wasserkraft kann die Energiewende nicht gelingen.

Die große Frage der Tagung lautete „Wasserkraft – Quo vadis?“ Wie heißt die Antwort?

In vielen Vorträgen haben Experten aus Südtirol und dem deutschsprachigen Ausland Belege dafür geliefert, dass sich die Wasserkraft den derzeitigen und zukünftigen Herausforderungen durch innovative Entwicklungen in verschiedenen Bereichen zu stellen vermag.

Wie groß stufen Sie das derzeitige Potential einer zusätzlichen Wasserkraftnutzung in Südtirol ein?

Man kann davon ausgehen, dass in Europa ca. 65% des technisch und wirtschaftlich machbaren Potenzials ausgenutzt sind. Auch in Südtirol sprechen wir von einer ähnlichen Größenordnung. Mittels der Optimierung bestehender Kraftwerke, der Erschließung noch nicht genutzter Potenziale und der Kombination mit anderen Nutzungen, sprich Trinkwasser, Bewässerung und Beschneiung, sind etwa 1,5 bis 2 Terawattstunden zusätzlicher Produktion zu erzielen, also ein Mehr von ca. 25 bis 30% der derzeitigen Produktion.

Wo genau im Vinschgau können Sie sich neue Wasserkraftwerke vorstellen?

Im Vinschgau sind aus technischer und wirtschaftlicher Sicht noch an mehreren Standorten neue Kraftwerke möglich. Beispielsweise liegt am Suldenbach zwischen Unterthurn und Stilfser Brücke ein Potenzial von etwa 50 Mio. kWh Stromproduktion pro Jahr brach. Auch sind noch diverse Mehrzwecknutzungen möglich, wie es kürzlich das Kraftwerk Konfall in Schluderns gezeigt hat.

Wurde bei der Tagung und in den Gesprächen auch das Thema der dramatisch gestiegenen Strompreise aufs Tapet gebracht?

Dies eher nur am Rande, da das Thema der Tagung sich um die Innovationen im Wasserkraftsektor drehte. Man hat implizit allerdings feststellen können, dass verschiedene politische Entscheidungen, zum Beispiel der überstürzte Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland, in Kombination mit weltpolitischen Verwerfungen wie etwa der Ukrainekrieg nicht nur zum Anstieg der Preise, sondern vor allem zu einem knappen Angebot an elektrischer Energie geführt haben. Gerade deshalb wird der Wasserkraft in den nächsten Jahrzehnten wiederum eine stärkere Rolle zukommen als es seit dem Boom der fossilen Energien bzw. der Atomkraft der Fall gewesen ist. 

Wie kann es sein, dass Südtirol derart viel Strom produziert und die Stromverbraucher so gut wie überhaupt nicht davon profitieren können?

Die Energiefrage und somit auch die Preisfrage der Energie macht nicht bei einer Provinzgrenze Halt. Wir sind mit ca. 500.000 Einwohnern nicht mehr als ein Vorort von München oder Mailand, sind in einer globalisierten Welt eingebettet und sollten dieses Thema deshalb anders betrachten.

Josef Laner

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