Die Zukunft heißt Bahn
Vor 120 Jahren wurde die „Vinschgaubahn“ eröffnet. Geburtstagsfeier mit Blick nach vorne.
Laas - Am 2. Juli 1906 rollte zum ersten Mal eine Dampflok von Meran nach Mals. 120 Jahre nach dem Bau der „Vinschgaubahn“ – die Bahnstrecke wurde damals von den „kaiserlich-königlichen Staatsbahnen“ betrieben – wurde am vergangenen 18. Juli bei einem offiziellen Festakt am Bahnhof in Laas einerseits auf die wechselvolle Geschichte der Vinschger Bahn zurückgeblickt und andererseits auch nach vorne geschaut. Angereist sind viele Ehrengäste mit einem der Dieselzüge, wie man sie seit der Wiederinbetriebnahme der Bahn im Mai 2005 kennt. Erste
Elektrotriebzüge von Alstom (Coradia Stream) verkehren derzeit nur zwischen Laas und Mals. Ab Ende 2026 soll der vollständige Bahnbetrieb mit Elektrozügen auf der Linie Mals-Meran-Bozen im durchgehenden Halbstundentakt garantiert werden. Die Gesamtkosten der Elektrifizierung der Vinschger Bahn belaufen sich auf ca. 85 Millionen Euro.
Bahn ist nicht mehr wegzudenken
Einig waren sich die Laaser Bürgermeisterin Verena Tröger, Landeshauptmann Arno Kom-
patscher, Mobilitätslandesrat Daniel Alfreider und Joachim Dejaco, der Generaldirektor der STA (Südtiroler Transportstrukturen AG) darin, dass mit der Wiederinbetriebnahme der Bahn vor 21 Jahren ein entscheidender Meilenstein gesetzt wurde. Ohne die Bahn wäre ein Weiterkommen auf der Straße laut Tröger nicht mehr vorstellbar. Die Vinschger Bevölkerung sei froh, dass die Elektrifizierung bald abgeschlossen wird „und der Zug bis Bozen durchfährt und vielleicht auch bis nach Innsbruck“, so Tröger. Mehrfach gedankt wurde allen Kämpfern und Kämpferinnen sowie politischen Entscheidungsträgern, die sich für die Wiederinbetriebnahme eingesetzt hatten. Namentlich wurden u.a. der frühere Landesrat Richard Theiner, der ehemalige Landeshauptmann Luis Durnwalder, Ex-Landesrat Florian Mussner, Walter Weiss, der „Oberfreund“ der Eisenbahnfreunde, Helmuth Moroder, der ehemalige technische Direktor der STA, und weitere Personen genannt. „Die Initiative, die im Jahr 1987 als ‚ramo secco‘ aufgelassene Bahnlinie wieder zu eröffnen, ist von unten ausgegangen, von der Bevölkerung“, sagte Landeshauptmann Arno Kompatscher. Mit Daniel Alfreider stimmte er darin überein, dass sich die Vinschger Bahn zu einem Erfolgsmodell und Paradebeispiel zukunftsweisender öffentlicher Mobilität entwickelt habe. Laut Alfreider wird mit der Elektrifizierung der Vinschger Zugstrecke und dem Ankauf der neuen Zuggarnituren eine neue Ära der Eisenbahn im Vinschgau eingeläutet. „Zusammen mit den Bemühungen für einen zweigleisigen Ausbau der Strecke Bozen-Meran wollen wir die gesamte westliche Landeshälfte besser an die Schiene anbinden“, so Alfreider (siehe auch Seite 33).
„In nicht allzu ferner Zukunft“
Bekräftigt hat Kompatscher, dass er persönlich und auch die Landesregierung nach wie vor hinter einer grenzüberschreitenden Anbindung der Bahn an das Bahnnetz in der Schweiz bzw. Österreich stünden: „Wir werden in nicht allzu ferner Zukunft konkrete Schritte setzen und Fakten schaffen“, so Kompatscher. Ende 2026 sollen die Ergebnisse laufender Untersuchungen bezüglich einer bestmöglichen Trassen-Variante vorliegen (siehe auch Seite 18).
„Die Skepsis war groß“
Rückblickend auf die Zeit vor der Wiederinbetriebnahme erinnerte Richard Theiner u.a. daran, „dass die Skepsis allgemein groß war, vor allem auch deshalb, weil die Leute noch das Bild der alten ‚Litorina‘ im Kopf hatten.“ Laut Theiner müsse die Politik manchmal auch den Mut zu unpopulären Entscheidungen aufbringen. Dass die Bahn 2005 wieder in Betrieb ging, sei nicht zuletzt auf die im Vorfeld geleistete Überzeugungsarbeit zurückzuführen. Überzeugungsarbeit gelte es nun auch für die internationale Bahnanbindung zu leisten, für einen möglichst raschen zweigleisigen Ausbau der Strecke Meran-Bozen sowie für einen stellenweise zweigleisigen Ausbau der Strecke Meran-Mals, damit sich die Züge auch außerhalb von Bahnhöfen kreuzen können.
Früher auch Marmor, Äpfel und Vieh transportiert
Einen Blick auf die Geschichte der Bahn von den Anfängen bis heute warf Wolfgang Platter, ehemaliger Laaser Bürgermeister und Kämpfer für die Wiederinbetriebnahme. Er erinnerte u.a. an die Zeiten, als mit der Bahn noch Marmorblöcke, Äpfel und auch Vieh transportiert wurden. Der geschichtliche Abriss von Platter kann in einer Faltbroschüre nachgelesen werden, die anlässlich der 120-Jahr-Feier herausgebracht wurde. An die Adresse von Luis Durnwalder gerichtet sagte Platter, dass der frühere Landeshauptmann zweimal richtig entschieden habe: Ja zur Wiederinbetriebnahme der Bahn und Ja zum Flugplatz, „denn Südtirol braucht auch den Anschluss an die Welt.“ Gefeiert wurde am 18. Juli nicht nur in Laas, wo die Gruppe „Oberwind“ und David Frank aufspielten und die Freiwillige Feuerwehr Laas für die Verpflegung der vielen Gästen sorgte, sondern auch an mehreren Bahnhöfen und Orten entlang der Bahnlinie, und in zwar in Rabland (Eisenbahnmuseum), in Staben (Erlebnisbahnhof), am Meraner Bahnhof (Besichtigung eines Elektrozuges Coradia Stream), in Schlanders (Modelleisenbahnclub) und in Mals, wo ein kunterbuntes Spieleprogramm für kleine und große Gäste geboten wurde. Als bleibende Zeichen in Erinnerung an die 120-Jahr-Feier hat Carmen Müller „goldene Kränze“ geschaffen, die an 10 Bahnhöfen entlang der Bahnlinie zu sehen sind.
Unvergessen
Unvergessen bleibt im Vinschgau und darüber hinaus das wohl dunkelste Kapitel in der Geschichte der Vinschger Bahn, nämlich das Zugunglück im Bereich der „Latschander“, bei dem am 12. April 2010 neun Menschen das Leben verloren und 28 Fahrgäste zum Teil schwer verletzt wurden. Es war eine Schlammlawine, die einen Zug der Vinschger Bahn in voller Fahrt erfasst hatte.