Die Protagonisten der Rettungsaktion heute: Hias Pircher, Horst Tscholl und Ernst Schöpf (v.l.).
Ein Foto von damals am Grat zwischen Cevedale und Zufallspitze: Links der Hilferufende, in der Mitte Ernst und rechts Hias.
In diesem Gebiet spielte sich alles ab: In der Mitte der Cevedale, links die Zufallspitze und rechts der Monte Pasquale. Die Aufnahme machte Hias 2025 von der Suldenspitze aus.
Beim Aufstieg. Rechts im Bild der Monte Pasquale.
Horst und Hund Wanja.
Die Gruppe beim Abseilen nahe den Pasquale-Abbrüchen.
Der Hilferufende vor einem selbst gegrabenen Schneeloch.

Hilferufe im Nebel

Drei Vinschger retteten bei einer Privattour am Cevedale im Juni 1990 zwei Bergsteigern das Leben.

Publiziert in 18 / 2026 - Erschienen am 6. Oktober 2026

TARSCH - „So etwas vergisst man nie“, erinnert sich der 76-jährige Matthias Pircher aus Tarsch. Dabei hat „Hias“, wie er genannt wird, schon vieles erlebt. Seit mittlerweile über 40 Jahren ist er aktives Mitglied der Bergrettung Latsch und noch immer bei Einsätzen mit dabei. Zu erzählen hat er freilich viel. Eine besondere Rettungsaktion während einer Freizeittour am Cevedale im Juni 1990 lässt ihn aber nicht wieder los. „Es war damals purer Zufall, dass wir drei privat zu dieser Tour aufgebrochen sind. So konnten wir zwei Menschenleben retten. Unter widrigsten Umständen“, erinnert sich Hias im Gespräch mit dem der Vinschger.

Hilferufe gehört

Der Reihe nach: Wie aus den detailgetreuen Aufzeichnungen von Hias zu entnehmen ist, startete er am 2. Juni mit den beiden Latschern Horst Tscholl (Jahrgang 1964) und Ernst Schöpf (1962) am frühen Morgen ins Martelltal, mit dem Ziel, den 3.553 Meter hohen Monte Pasquale (zu Deutsch Osterberg) zu besteigen. Mit dabei auch Wanja, der Husky von Horsts Bruder. Bereits um 5 Uhr in der Früh machte sich die Gruppe vom Talschluss aus in Richtung Marteller Hütte. Mit Skiern ging es über harten Firnschnee auf den Zufallferner. Wegen der unsicheren Wetterlage entschieden sich die drei Vinschger aber für eine Tour zum 3.769 Meter hohen Cevedale. „Auf dem Gipfel hörten wir Hilferufe von der Zufallspitze her. Ohne Funk, ohne Handy ging dann alles über die Bühne“, erzählt Hias. Die Drei gingen mit den Skiern über den Grat zur Zufallspitze – bei eingenebelten und stürmischen Bedingungen – und entdeckten unterhalb der Spitze, auf der Nordflanke, einen Mann. Sein Begleiter war in eine rund zehn Meter tiefe Spalte gestürzt. Die beiden Bundesdeutschen waren auf sich allein gestellt und konnten sich nicht aus der misslichen Situation befreien. Wären Hias und seine Kameraden nicht vorbeigekommen, wären die beiden jungen Männer wohl ums Leben gekommen. „Wir waren auch nicht auf eine derartige Rettungsaktion vorbereitet, wir waren ja nicht von der Bergrettung aus unterwegs“, so Hias. Der Hilferufende hatte angenommen, dass es sich um Bergretter handelte, die von der Casatihütte aus kamen. „Die war jedoch damals geschlossen“, erinnert sich Hias. Ein Seil sowie Gletscher- und Skitourenausrüstung hatte die Gruppe jedoch dabei. Auch der Deutsche habe zwar ein Seil mit sich geführt, aber die korrekte Technik nicht anwenden können, um seinen Bergkameraden aus der Spalte zu befreien.

Den Tod vor Augen

„Wir bauten eine Verankerung und holten ihn mit der Seilrolle aus der Spalte. Dies war möglich, da er glücklicherweise unverletzt geblieben war – abgesehen von der Kälte und einem großen Schock. Der Mann hatte wohl bereits mit seinem Leben abgeschlossen“, so Hias. Horst bereitete im harten Firn eine Schutzecke vor, wo der unter Schock stehende und frierende Deutsche mit einem Schlafsack und Proviant versorgt wurde. Dann ging es ein Stück zurück über den Grat, wo eine Verankerung gebaut wurde, um über die Nordwand bei stürmischem Schneetreiben abzusteigen. „Ich habe entschieden, mit Abseilmanövern über die Nordseite runterzugehen. Weil über den Grat ganz zurück konnten wir mit dem Verunfallten nicht gehen, der wäre uns links oder rechts runtergefallen“, blickt Hias zurück.

Verirrt

Um 19 Uhr war die Gruppe über der Randspalte. Im Nebel ging es weiter bis zu den Pasquale-Abbrüchen, dann den Felsgrat entlang. Das Ziel war die Casatihütte. Aufgrund der fehlenden Orientierung hatte sich die Gruppe jedoch verirrt. „Wir kamen zu unseren eigenen Spuren zurück“, so Hias. Um 22:30 Uhr gaben sie auf. „Wir gruben ein Loch in den Firn bis nach Mitternacht, kauerten uns zusammen und kochten bis 4 Uhr früh immer wieder Tee, zirka acht Liter.“ Glücklicherweise waren die Alpinisten mit Tee, Zucker und Gaskocher ausgerüstet, da bereits im Voraus eine Übernachtung beim Abstieg vom Pasquale in einer Biwakschachtel oder auf der Brancahütte geplant gewesen war. An Schlaf war bei Kälte und Wind jedoch nicht zu denken. „Wir hofften auf Wetterbesserung“, erinnert sich Hias. Der Geborgene war derweil im Gegensatz zu den Vinschgern in Schlafsack und Biwaksack geschützt. „Zuhause bekam damals niemand etwas davon mit, wir waren einfach mal auf Hochtour, dachten die Angehörigen“, erzählt der Tarscher.  

„Sahen die Hütte“

Gegen 4:30 Uhr kroch die Gruppe aus dem kalten Notbiwak und konnte sich dank der besseren Wetterbedingungen wieder orientieren. „Wir sahen die Casatihütte“, blickt Hias zurück. Sie befanden sich auf einer Höhe von etwa 3.300 Metern, rund eine halbe Stunde oberhalb der Schutzhütte. Da sich der Geborgene wieder einigermaßen gut gefühlt habe, entschlossen sich die Vinschger mit den beiden Bundesdeutschen über den Zufallferner ins Martelltal abzusteigen. „Ernst nahm den Geborgenen auf seinen Skiern mit, als Notlösung, damit er nicht vor Erschöpfung zusammenbricht“, weiß Hias noch heute. Am 3. Juni gegen 10:30 Uhr kam die Gruppe im Tal an. Im Gasthaus Schönblick habe man noch gemeinsam eine Suppe gegessen. Auch die Adressen wurden ausgetauscht, Kontakt habe es leider keinen mehr gegeben. „Vor allem wenn ich die alten Fotos wieder anschaue, werden diese Erinnerungen aber wach“, so Hias. Erinnerungen an eine ganz besondere Aktion, die zwei Menschen das Leben rettete.

Michael Andres

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