Im Bild (von rechts): Lena Ortenzi (ViA!), Barbara Wopfner, Bezirkspräsidentin Roselinde Gunsch und Sara Bagozzi (Frauen gegen Gewalt)
Im Bild (von rechts): Monika Hauser (Medica Mondiale), LH-Stellvertreterin Rosmarie Pamer, Sissi Prader (Frauenmuseum), Ingrid Kapeller und Corinne Bertoncini (beide Forum Prävention).
Auch Brigitte Kirchlechner, Gerda Platzgummer, Sandra Walder und die Landtagsabgeordnete Madeleine Rohrer (von links) nahmen an der Abschlussveranstaltung teil.
Aufmerksame Politikerinnen: Katharina Fleischmann, Roselinde Gunsch und Rosmarie Pamer.

Patriarchat schadet allen

Studie zu sexualisierter Gewalt mit 31 Teilnehmerinnen aus dem Vinschgau

Publiziert in 8 / 2026 - Erschienen am 21. April 2026

Schlanders - Die feministisch partizipative Aktionsforschung TRACES, ein gemeinsames Forschungsprojekt von medica mondiale, der Universität Trient, dem Forum Prävention und dem Frauenmuseum Meran, wurde kürzlich mit einem Informationsabend in der BASIS in Schlanders abgeschlossen. Der Abend bot die Möglichkeit, sich dem Thema sexualisierte Gewalt aus verschiedenen Perspektiven zu nähern. Moderatorin Christa Ladurner vom Forum Prävention zeigte sich erfreut über die wertvollen Ergebnisse, die diese Studie gebracht habe und dankte allen Beteiligten für ihre Gesprächsbereitschaft und konstruktive Mitarbeit. Landeshauptmannstellvertreterin Rosmarie Pamer lobte die Studie und die dazugehörige Ausstellung als Maßnahmen für Prävention und Sensibilisierung. Jetzt gelte es, im Netzwerk mit den zuständigen Landesämtern die Maßnahmen strukturiert weiterzuführen. Die Studie wurde vom Land Südtirol sowie der Stiftung Südtiroler Sparkasse finanziert.

Gewalt ist systemisch und global

Die Frauenrechtsaktivistin und Ärztin Monika Hauser bezeichnete sexualisierte Gewalt als kein moralisches Versagen einzelner Männer, sondern als ein Werkzeug patriarchalischer Strukturen. Dabei beginne sexuelle Gewalt nicht erst mit einer extremen Tat, sondern in abwertenden Haltungen, Bagatellisierungen, in stereotypen und frauenfeindlichen Aussagen. Sie endet auch nicht mit dem körperlichen Übergriff, sondern in der Zerstörung und Traumatisierung der Frau. Wenn solche Traumatisierungen nicht aufgearbeitet werden, tauchen psychische oder chronische Erkrankungen auf, suizidale Gedanken, Essstörungen usw. In den Gesprächen mit den 31 Frauen unterschiedlichen Alters konnten erstaunliche Veränderungen zwischen den Generationen festgestellt werden: die Kriegsgeneration konnte mit niemandem über sexualisierte Gewalt reden, im Gegenteil, männliche Übergriffe waren ein Kavaliersdelikt. Sünde, Schuld und Unterwerfung waren tief verinnerlicht und Schweigen ein Teil des Systems.

Schuld, Scham und Angst

Eine Generation später wurde das Geschehene zwar sagbarer gemacht, aber Schuld, Scham und Angst saßen noch tief. Die Kirche hat bei diesen beiden Generationen eine ambivalente Rolle gespielt: zum einen übte sie starken Druck aus und zum anderen war sie kraftgebend. Spiritualität und Glaube waren noch stark vorhanden. „Die Kirche hat weggesehen, sie hat Missbrauch systematisch vertuscht und das Schweigen legitimiert“, so Monika Hauser. „Und auch das Rechtssystem stand nicht auf der Seite der Opfer!“ Die Täter blieben in der Dorfgemeinschaft anerkannte Mitbürger, die Betroffenen wurden beschämt und isoliert. Erst die jüngere Generation suchte sich Hilfe bei den Fachdiensten; rechtliche Reformen und Strafverfolgung werden eingeführt. Ein verändertes Verständnis von Weiblichkeit und weibliche Solidarität nehmen zu.

Was braucht es jetzt?

Aufgrund der Ergebnisse brauche es nun eine zügige strukturelle Umsetzung der Präventionsvorschläge und deren Finanzierung, forderte Christa Ladurner. „Die Prävention ist vielschichtig und arbeitet landesweit. Wir müssen noch verstärkt an der gesunden Emotionalität von Kindern und Jugendlichen arbeiten und einen respektvollen Umgang miteinander einfordern. In Zukunft muss die Thematik in Aus- und Fortbildungen mehr angesprochen werden, in der Schule, bei der Polizei und Justiz. Auch Traumawissen muss immer wieder in die Prävention einfließen“, so Ladurner.

 Verstehen & handeln

Ingrid Kapeller und Corinne Bertoncini vom Forum Prävention stellten das neue Booklet „Sexualisierte Gewalt – Verstehen & handeln“ vor, eine praxisorientierte Informationsbroschüre für Fachpersonen, Interessierte und die breite Öffentlichkeit (kostenlos auf der Webseite des Forum Prävention oder auf Anfrage in Print in deutsch und italienisch verfügbar). Lena Ortenzi vom territorialen Antigewaltnetzwerk Vinschgau ViA! (Vinschgau in Aktion!) und Sara Bagozzi vom Verein Frauen gegen Gewalt Meran gaben abschließend einen Überblick über die Beratungsangebote für Frauen in Gewaltsituationen im Vinschgau. „Die Selbstbestimmung der Frauen ist unser oberstes Prinzip!“, sagte Sara Bagozzi. In der anschließenden Diskussion ging es um die zerstörerische Macht der Sozialen Netzwerke, wie Cybergrooming, Deepfake und andere mehr. Auch hier seien patriarchalische Strukturen an der Macht, die diese neuen Formen sexualisierter Gewalt zulassen, so Monika Hauser.

Ingeborg Rainalter Rechenmacher

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