Der Zeitzeugen-Abend in Kortsch stieß auf reges Interesse.
Oskar Niedermair und Heinrich Lechthaler vom Bildungsausschuss.

„Ragazzino, ti facciamo cantare“

Das BAS-Mitglied Oskar Niedermair erzählt von der Feuernacht und ihren Folgen.

Publiziert in 7 / 2026 - Erschienen am 8. April 2026

Kortsch - Er war noch ein Jugendlicher, als der in Kortsch geborene und aufgewachsene Oskar Niedermair dem Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) beitrat. Am 27. März berichtete der „jüngste politische Häftling der 1960er-Jahre“ im vollbesetzten Haus der Dorfgemeinschaft in Kortsch über seine Erfahrungen und Erlebnisse aus der Zeit vor und nach der Feuernacht. Zum Zeitzeugen-Abend eingeladen hatte der Bildungsausschuss Kortsch. Bevor Niedermair, der sich schon vor langer Zeit eine Existenz in Bozen aufgebaut hat, auf die Feuernacht und die folgenden Ereignisse einging, erinnerte er an die Geschichte bzw. das Schicksal Südtirols im Vorfeld der 1960er Jahre. „Die Misere für Südtirol hat im Ersten Weltkrieg begonnen“, sagte Niedermair, „und zwar mit dem Einmarsch der Italiener im November 1918 in Bozen. In diesem Jahr wurde die ‚heilige Grenze‘ am Brenner gezogen. 2020 wurde Südtirol vom Staat Italien einverleibt.“ Mit der Machtergreifung Mussolinis und dem Wirken von Tolomei, dem „Totengräber Südtirols“, setzte eine „aggressive Assimilierungspolitik“ ein. Auch an die „Eliminierung“ der deutschen Schulen in Südtirol, den Bau der Industriezone in Bozen und den Zuzug tausender italienischer Arbeiter erinnerte Niedermair.

Vom Regen in die Traufe

Nach dem Tod Mussolinis kam das nächste Übel, die Nazis. Niedermair: „Man kam vom Regen in die Traufe.“ Die Option habe viel Leid gebracht, das zum Teil bis heute zu spüren sei. Zum Gruber-De-Gasperi-Abkommen meinte er: „Es wurde viel versprochen, aber wenig eingehalten.“ Südtirol sei von De Gasperi schlauerweise zusammen mit dem Trentino zu einer Region zusammengeführt worden und die Assimilierungspolitik habe man fortgesetzt. „All dies und mehr hat einigen Leuten sehr gestunken. Nicht so sehr Politikern, sondern einfachen Leuten mit Hirn“, führte Niedermair aus. Damals hätten sich viele junge Leute gezwungen gesehen, auszuwandern, weil es in Südtirol keine Arbeit gab. Sepp Kerschbaumer und Gleichgesinnte gründeten den BAS. Es wurden Flugblätter, Rundbriefe und Aufschriften unter die Leute gebracht. Bei der Großkundgebung 1957 auf Schloss Sigmundskron forderte Silvius Magnago das „Los von Trient“ und eine echte Autonomie für Südtirol.

„Zum Glück kein Partisanenkampf“

Ein Glück sei es laut Niedermair gewesen, dass sich im BAS unter der Führung von Sepp Kerschbaumer und Sepp Innerhofer die Absicht durchgesetzt habe, bei den geplanten Anschlägen zu versuchen, keine Menschen zu Schaden kommen zu lassen. Hätten andere BAS-Mitglieder das Sagen gehabt, hätte es zu einem Partisanenkampf kommen können. 1961 wurde in Waidbruck das faschistische Reiterstandbild „Al genio del fascismo“ gesprengt. Es folgte ein Bombenanschlag auf das Haus von Ettore Tolomei in Montan. Den Höhepunkt erreichten die Anschläge in der Feuernacht in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1961. Niedermair: „48 Masten wurden in Bozen und Umgebung gesprengt, um die Stromzufuhr zur Industriezone und nach Mailand zu unterbrechen.“ Weil ein Mast nicht umfiel, sei dieses Ziel nicht erreicht worden. „Die Italiener waren von den Anschlägen schockiert“, sagte Niedermair. Weitere Masten wurden im Juli 1961 gesprengt. Rund 15.000 Sicherheitskräfte seien nach Südtirol geschickt worden. 

Viele Festnahmen in kurzer Zeit

Der Großteil der aktiven BAS-Mitglieder wurde in kurzer Zeit festgenommen. Niedermair wurde in Jesolo verhaftet und in eine Kaserne nach Meran gebracht. Viele Verhaftete seien gefoltert worden, um sie zum Reden zu bringen: „Einige haben geredet, andere haben Märchen erzählt, um weitere Folterungen zu vermeiden.“ Er selbst habe Dank des Schutzes eines Carabinieri-Beamten Glück gehabt. Als ihn eine „Spezialeinheit“ zum Reden bringen wollte („Ragazzino, ti facciamo cantare“), sei er mit ein paar Ohrfeigen und Fußtritten davongekommen, weil es in der Nähe der Kaserne plötzlich zu einer Explosion gekommen ist und allgemeine Aufregung herrschte.  Auch mit vielen Details aus den Jahren der Haft – er selbst war 2 Jahre und 11 Monate eingesperrt – wartete Niedermair auf. Die Tränen kamen ihm, als er berichtete, wir grausam und brutal mit Sepp Kerschbaumer, Franz Höfler und anderen umgegangen wurde. „Franz Muther aus Laas wurde zum Krüppel gemacht“, sagte Niedermair. Beim Mailänder Prozess wurden am 16. Juli 1964 35 BAS-Mitglieder schuldig gesprochen, 13 davon jedoch sofort begnadigt. Weitere 27 angeklagte BAS-Mitglieder wurden freigesprochen. Niedermair sprach von einem „fairen Prozess“. 

„Wählt nicht zu weit rechts“

Zur heutigen Situation in Südtirol meinte Niedermair, „dass Geld, Gier und Geit“ vorherrschen. Das Land sei zu schnell reich geworden und habe das nicht vertragen. Einander die Schuld zu geben oder auf die Politik zu schimpfen, bringe nichts, „denn es sind ja wir, die die Politiker wählen.” Er rief dazu auf, „nicht zu weit rechts zu wählen, denn das ist nicht gut.“ Man habe das mit dem Faschismus in Italien und dem Nazismus in Deutschland erleben müssen. An die Jugend richtete er den Appell, die deutsche Sprache zu pflegen und nicht zu verwässern. „Wir müssen alle zu dem stehen, was wir sind“, so Niedermair. Die Absicht, „uns als Südtiroler ‚abwürgen‘ zu wollen“, bestehe zum Teil bis heute. Bei der Diskussion wurde mehrfach geäußert, dass die Anschläge nicht umsonst gewesen seien, sondern positive Entwicklungen in Richtung Autonomie angestoßen hätten. 

Beim Goaßlschnölln „ertappt“

Mit Erinnerungen und Erfahrungen aus der konflikt- und spannungsgeladenen Zeit in den Jahren vor sowie nach der Feurnacht warteten drei weitere Kortscher auf: Karl Dietl, Karl Stricker und Karl Prieth. „Viele sprachen damals von der Italianisierung und auch in uns Jugendlichen wuchs ein Hass gegen die Italiener. Wir brachten ihn zum Ausdruck, indem wir die Italienischlehrerin ‚seggierten‘“, so Dietl. Er erinnerte aber auch an positive Erfahrungen, die man mit Italienern gemacht habe, etwa beim Meliorierungs-Projekt. Zum Schmunzeln brachte Stricker das Publikum, als er erzählte, wie eine Gruppe von Goaßlschnöllern auf dem Sparkassenplatz von einer ganzen Schar von Carabinieri in die damalige Schlanderser Kaserne gebracht wurde. Die Leute wären beinahe auf die Carabinieri losgegangen. Vor der Kaserne riefen die Leute: „Lasst sie frei!“ Das geschah dann auch „und am nächsten Tag um 10 Uhr durften wir die Goaßln in der Kaserne abholen.“

Josef Laner

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