Zeitdiagnostik mit Blick nach vorne
30. Marienberger Klausurgespräche mit renommiertem Referentenstab.
Schlinig - Bereits zum 30. Mal trafen sich vom 16. bis zum 18. April im Kloster Marienberg Vertreter und Vertreterinnen aus Kultur, Wirtschaft, Schule und Kirche zu den Klausurgesprächen, bei denen über gesellschaftspolitisch relevante Themen referiert und diskutiert wurde. Den Veranstaltern gelang und gelingt es bereits seit 3 Jahrzehnten, immer wieder renommierte Referentinnen und Referenten aus dem In- und Ausland zu den Gesprächen einzuladen.
Impulse für eigenverantwortliches Handeln
Zu Beginn der Präsident der Klausurgespräche, Günther Andergassen, an die Anfänge zu Beginn der 1990-er Jahre zurück: „Marienberg sollte Raum und Gelegenheit bieten, abseits vom politischen Alltag und seiner Hektik Fragen der Zeit interdisziplinär zu erörtern und in Reflexion des alltäglichen Handelns neue Impulse für eigenverantwortliches Handeln zu geben.“ Andergassen schlug einen Bogen von den ersten Klausurgesprächen im Jahr 1992 bis heute: „Heuer soll eine Zeitdiagnostik mit dem Blick nach vorne gewagt werden, und zwar mit Vorträgen und Diskussionen zum Tagungsthema „Wie weiter? Zukunft denken – Verantwortung übernehmen! Was können wir voraussehen? Was müssen wir fürchten? Was dürfen wir hoffen?“
Grundhaltung des „Hörens“
In seinen Grußworten verwies Abt Philipp Kuschmann auf die Regel des hl. Benedikt. Ein zentraler Punkt bei Benedikt sei die Grundhaltung des „Hörens“, und zwar die Fähigkeit, andere Meinungen aufzunehmen, zu prüfen und zu unterscheiden. In der Tradition von Benedikt sei nicht das Zukunftswissen entscheidend, nicht das Fragen, was wird geschehen, sondern die Frage, „was ist gut und wahr – was ist gut, zu tun. Im Heute handeln, im Heute das Morgen gestalten. Wer im Heute hört und handelt, der kann Zukunft gestalten.“
Über wessen Zukunft reden wir?
Eröffnet wurden die Gespräche mit einer Textperformance von Lene Morgenstern, der zweifachen Südtiroler Poetry-Slam-Landesmeisterin. Sie ging unter Titel „Wessen Zukunft und wie viele?“ der Frage nach, über wessen Zukunft wir Menschen reden. In einer Art Litanei reihte sie alles aneinander, das Wer und das Wie und das Was, das in der Zukunft eine Rolle spielen könnte. Morgenstern setzte einen eindrücklichen, kritischen Impuls, wobei sie Fragen nach Teilhabe und Perspektivenvielfalt aufwarf. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin sprach zum Thema „Der Epochenbruch – auf dem Weg in eine neue Weltordnung“. Nida-Rümelin war Professor für Philosophie und politische Theorie in München. Bevor er einen Blick in die Zukunft richtete, machte er einen geschichtlichen Abriss, indem er auf die Epochenbrüche in den vergangenen Jahrhunderten hinwies. Die Zukunft der Welt sieht Nida-Rümelin multipolar, wobei er glaubt, dass die Vormacht des Westens nicht bestehen bleiben wird. Nur wenn die Demokratie ihre Faszination entfaltet, dann kann man hoffen, dass es Chancen für eine friedliche Weltordnung gibt.
Welche Zukunft mit KI?
Die Philosophin und Theologin Claudia Paganini referierte zum Thema „Zwischen Hoffnung und Sorge - Wie wir eine Zukunft mit KI gestalten können“. Künstliche Intelligenz eröffne große Chancen, von medizinischen Fortschritten bis zu neuen Formen der Wissensvermittlung, stelle uns aber zugleich vor grundlegende ethische Fragen: Wer trägt Verantwortung für Entscheidungen von Maschinen? Wie bleiben Wahrheit, Vertrauen und menschliche Würde in einer automatisierten Medienwelt geschützt? KI sollte man weder als Heilsversprechen noch als Bedrohung wahrnehmen, „sondern als Gestaltungsaufgabe unserer Zeit – eine Aufgabe, bei der die Vergewisserung über das, was uns wertvoll ist und auch in Zukunft wertvoll bleiben soll, eine zentrale Rolle spielt.“ Technologie passiere nicht einfach, „wir sind verantwortlich, was wir daraus machen, und es ist notwendig, unseren kritischen Blick auf die Entwicklungen zu richten.“
Zukunftskompetenz stärken
Die Autorin und Beraterin für Nachhaltigkeit Tina Teucher sprach über „Megatrends und Nachhaltigkeit in der Krise“. Sie verband systemische Perspektiven mit konkreten Beispielen und Handlungsansätzen für Transformation. Teucher zeigte auf, wie sich Zukunftskompetenz stärken lässt. Unternehmen stellten sich zukunftsfähiger auf, wenn sie sich mit ihrem Kerngeschäft, Klimaschutz, Kultur, Kreislaufwirtschaft und Kooperation auseinandersetzten. Bei In der anschließenden Diskussion bewegte die Teilnehmenden, wie sich begründete Hoffnung schaffen lässt und was der Einzelne für strukturellen Wandel tun kann.
Zwischen Ordnung und Zerfall
Letzter Referent der Klausurgespräche, die von der Journalistin Anita Rossi moderiert wurden, war der Geschichts- und Wirtschaftswissenschaftler Werner Plumpe. Sein Thema: „Strukturwandel der Weltwirtschaft zwischen Ordnung und Zerfall – ein Blick zurück und ein Blick in die Zukunft“. Laut Plumpe ist freier ökonomischer Austausch wohlstandsfördernd. Damit dieser Austausch auch in Zukunft möglich ist, bedarf es robuster Regeln der Konfliktregulierung, die aber diesseits der militärischen Schwelle bleiben. „Politisch-militärische Konflikte besitzen ein erhebliches Eskalationspotential gerade in wirtschaftlicher Hinsicht, da wirtschaftliche Stärke als wesentliche Größe der eigenen Handlungsfähigkeit begriffen wird“, so Plumpe. Die abschließende Diskussionsrunde verdichtete die unterschiedlichen Perspektiven zu einem gemeinsamen Nachdenken über individueller und struktureller Verantwortung und Gestaltungskraft. Abseits des Programms boten Gelegenheiten wie eine Führung durch die Krypta und die Klosterbibliothek sowie Gottesdienste in der Klosterkirche genügend Raum, die Atmosphäre des Klosters näher kennenzulernen und den Austausch informell zu vertiefen.