Paradoxon

Publiziert in 19 / 2026 - Erschienen am 20. Oktober 2026

Gott sei Dank ist heute niemand hier, der sehen könnte, dass ich verbilligtes Brot von gestern aus dem Korb nehme und nur vor solchen Regalen stehen bleibe, wo es Sachen zu Sonderpreisen gibt: Obwohl sie oft versteckt oder kaschiert wird, gibt es sie, die Armut. Auch im „Wohlstandsland“ Südtirol. Bestimmte Statistiken, wonach zum Beispiel das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in Südtirol zu den höchsten in Italien gehört, mögen zwar stimmen, doch unter der Decke sieht es oft anders aus. Am Glanz der Oberfläche gekratzt hat kürzlich die Journalistin Sascha Britsko bei einer Fortbildung zum Thema „Armut verstehen und sichtbar machen“ in Bozen. Sie prach von einer statistischen Verzerrung, weil das Durchschnittseinkommen von wenigen Höchstverdienern nach oben gezogen werde. Der Immobilienbesitz älterer Generationen helfe jüngeren Menschen ohne Erbe nicht weiter. Haupttreiber der Armut seien der extreme Miet- und Immobilienmarkt, die Teuerung sowie stagnierende Löhne bei rasant steigenden Lebenshaltungskosten. Arbeit schütze in Südtirol nicht mehr vor Armut. Solzialpolitsiche Maßnahmen seien zum Teil nur „reine Symptombekämpfung“. Jenen Menschen, die im „reichen“ Südtirol hart an der Grenze leben, ist mit dem Narrartiv „Uns geht es doch allen gut“ nicht geholfen. Werden arme Menschen von der Gesellschaft zudem noch als „Versager“ stigmatisiert, ist das Wolhlstands-Paradoxon perfekt.

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Josef Laner

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