Sensationeller Wiederfund
Gerhard Tarmann und Joachim Winkler entdecken verschollene Schmetterlingsart in Matsch.
Matsch - Es war Ende Juni 1973, als am Eingang des Matschertales ein „mysteriöser“ Schmetterling gefunden wurde, dessen Vorkommen im zentralen Ostalpenraum als äußerst unwahrscheinlich galt, denn es handelte sich um eine seltene, überhaupt nicht invasive asiatische Steppenart. Der Entdecker war der Südtiroler Schmetterlingsforscher Prof. Fred Hartig. Gefunden hatte er ein Südliches Flockenblumen-Grünwidderchen (Jordanita budensis). Diese Schmetterlingsart aus der Familie der Widderchen (Zygaenide) war aus dem Süd- und Ostalpenraum, aber auch sonst in ganz Italien, unbekannt. Die fachliche Bestimmung des Tieres erfolgte durch Spezialisten des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum in Innsbruck.
Hartnäckige Nachsuche
Um ein Vorkommen einer so zweifelhaften Art zu verifizieren und zu bestätigen, bedarf es gewissenhafter Nachsuche durch Fachleute. Dies geschah durch die Mitarbeiter des Ferdinandeums und zwar besonders durch den damals erst 23-jährigen Schmetterlingsforscher Gerhard Tarmann. Dieser erforscht die Widderchen seit 1966 und beobachtet und dokumentiert die Veränderungen ihrer Populationen im Alpenraum. Seit 1973 besucht Tarmann auch jedes Jahr die Originalfundstelle des Südlichen Flockenblumen-Grünwidderchens in Matsch, wie auch weitere mögliche Lebensräume für die Art im Vinschgau. Nach 52 erfolglosen Jahren führten die kontinuierlichen Untersuchungen im heurigen 53. Untersuchungsjahr zum Erfolg: Die Hartnäckigkeit wurde belohnt!
Ein Weibchen und ein Männchen
Bei einer gemeinsamen Exkursion mit dem Malser Biologen Joachim Winkler konnten am 28. Mai 2026 im Bereich des Ackerwaals nördlich von Matsch zuerst ein Weibchen und einige Tage später auch ein Männchen dieser seltenen Art wiederentdeckt werden, ein echtes Highlight für den inzwischen 76-jährigen Forscher des Ferdinandeums, aber auch für den Malser Biologen Joachim Winkler. Dieser war gerade am Fotografieren einer Ringelnatter im Ackerwaal, als er ein Grünwidderchen auf einer weißen Schirmblüte sitzen sah. Zum Glück konnte der kleine Falter in einem Röhrchen eingefangen und daher in der Folge eindeutig als frisch geschlüpftes Weibchen der so lange gesuchten Art bestimmt werden. Einige Tage später gelang Joachim Winkler dann sogar noch der Fund eines Männchens, das er fotografieren konnte. Im Umfeld der Fundstelle wurde auch die Raupenfutterpflanze, die Rheinländische Flockenblume, gesucht und im Biotop „Matscher Trockenhang“ in stattlicher Anzahl festgestellt.
Kaltsteppenart
Das Südliche Flockenblumen-Grünwidderchen ist eine „Kaltsteppenart“ und kann als solche sowohl in niedrigen Lagen als auch im Hochgebirge überleben. Wichtigster Faktor für ihr Vorkommen sind trockene Schneefreiheit im Winter und Trockenheit im Sommer. Diese Verhältnisse finden sich lokal tatsächlich an einigen Stellen in den Alpen, wie eben im Vinschgau. Kaltsteppenarten sind nach der Eiszeit in Zeitperioden mit kaltem Steppenklima aus Asien nach Europa eingewandert. Trotz der später stattfindenden Klimaerwärmungen konnten kleine Reliktpopulation einiger weniger Arten in bestimmten Sonderlebensräumen bis heute überleben.
Über 1.000 Schmetterlingsarten
Tarmann: „Betrachten wir die Verbreitung der europäischen Schmetterlinge insgesamt, dann sehen wir, dass der Obervinschgau eines der biodiversesten Gebiete der Alpen und Europas ist. Weit über 1.000 Schmetterlingsarten kommen dort auf engstem Raum vor. Besonders bemerkenswert ist die große Zahl von seltenen, zum Teil für die Alpen einzigartigen asiatischen Steppenarten, die dieses Gebiet besiedeln. Ein Hotspot dieser Vielfalt liegt in der Marktgemeinde Mals, wobei dort der sehr seltene Felsenfalter besonders hervorzuheben ist.“ Über ein halbes Jahrhundert wurden vom Ferdinandeum Widderchen für die Beobachtung von Veränderungen untersucht. Diese Schmetterlinge sind eine ganz besondere Modellgruppe, weil sie extrem empfindlich auf Umweltveränderungen, wie etwa Umweltgifte, reagieren. Laut Tarmann ist es ein „Privileg und Verdienst einer kontinuierlich an der Erfassung und Dokumentation von Freilandinformationen arbeitenden und forschenden Landesinstitution, wie der des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum, dass wir heute auf umfangreiche Sammlungen von Daten und originale Beweisstücke zum Vergleichen zugreifen können, ohne die wir wichtige Dinge weder wissen noch erkennen könnten.“ Die langjährige Kontinuität der Freiland-Beobachtungen sei der Schlüsselfaktor. „So wurde eben auch der erstaunliche Wiederfund des Südlichen Flockenblumen-Grünwidderchens in Matsch nach über einem halben Jahrhundert möglich.“ Interessant sei auch, dass der Fund von 2026 fast genau einen Monat früher im Jahr erfolgte als der Erstfund von Hartig Ende Juni 1973. Das decke sich laut Gerhart Tarmann mit den Beobachtungen an anderen Schmetterlingen, die jetzt durchwegs früher fliegen, als noch vor einem halben Jahrhundert. Auch dies sei ein Indiz für die Klimaerwärmung unserer Zeit.