Wenn die Scheiben fliegen
Das Scheibenschlagen in Vetzan hat Tradition. Und zwar eine ganz besondere.
VETZAN - „Reim, Reim, wem keart eppr dia Scheib“, hörte man es von den Ausrufern am Vetzaner Sonnenberg bis ins Dorf hallen. An jenem Sonntag, dem ersten Fastensonntag, stand das traditionelle Scheibenschlagen auf dem Programm. Ein uralter Feuerbrauch, der in vielen Vinschger Dörfern gepflegt wird, u. a. um den Winter zu vertreiben. In Vetzan wird diese Tradition des „Scheibnschlogns“ auf eine besondere Art und Weise gepflegt. Wie auch in anderen Orten wird eine runde oder quadratische Holzscheibe entzündet und hinuntergeschleudert: Hier geschieht dies jedoch nicht mit Stöcken oder Ruten, sondern mit der Hand. „Ohne Handschuhe, mit den bloßen Händen, die kurz ins Wasser getaucht werden“, wie Norbert Ratschiller erklärt. Er ist eines der zahlreichen Mitglieder des „Fuirer Klubs“, wie sich die Scheibenschlager-Gruppe in Vetzan nennt, und schon seit jeher mit dabei. Dabei handelt es sich nicht um einen offiziellen Verein, sondern um eine Gemeinschaft, die den Brauch des Scheibenschlagens in Vetzan – talauf- bzw. westwärts das erste Dorf, in dem diese Tradition gepflegt wird – erhalten möchte. Als Initiatoren des Scheibenschlagens in Vetzan gelten der 2019 verstorbene Konrad Raich und Luis Ratschiller, die den Brauch vor rund 60 Jahren wiederbelebt haben. „Früher haben auch wir die Scheiben noch mit Stöcken ins Tal geschlagen, aber aufgrund der Gefahr, dass glühende Scheiben auf Dächern landen, sind wir davon abgekommen“, blickt Ratschiller zurück.
Gesellschaftliches Ereignis
Das Scheibenschlagen ist auch immer ein gesellschaftliches Ereignis und von großer Bedeutung für die gesamte Dorfgemeinschaft. Zahlreiche Vetzanerinnen und Vetzaner sowie auch einzelne „Auswärtige“ beteiligen sich daran. Ein bis zwei Wochen vor dem eigentlichen Fastensonntag wird das Kreuz aus langen Latten und Stacheldraht zusammengestellt. Am Samstag vor dem Scheibenschlagen wird es mit Stroh gewunden und mit Drahtseilen versehen, die das über 23 Meter hohe Kreuz, sobald es steht, in alle Richtungen sichern. Aufgestellt wird die sogenannte „Larmstange“ schließlich am Sonntagvormittag während des Kirchgangs. Richtig los geht es mit dem Scheibenschlagen gegen 19 Uhr, nach dem Läuten des Ave Maria. Dabei werden die brennenden Holzscheiben zu Tal geschleudert, wobei jede Scheibe einer Person oder einer Familie gewidmet ist. Begleitet wird dies vom traditionellen Ausspruch, der durch große Trichter aus Blech gerufen wird: „Reim, Reim, wem keart eppr dia Scheib, dia Scheib keart in (Name der Familie oder der Person) … zu a’nar Kniascheib, geats ihnan guat, geats ihnan schlecht, schaug wia des Scheibele außigeat, außigeat, außigeat.“ Zuerst werden die Scheiben für die Dorfgemeinschaft und die Familien geschlagen, danach für jene, die oben mitgeholfen haben, aber nicht im Dorf wohnen und als Spender/innen den Brauch unterstützen. Den Abschluss bilden traditionell die Scheiben für Liebespaare. „Auch Personen von außerhalb, etwa aus Morter oder Latsch, beteiligen sich am Scheibenschlagen und spenden für unsere Gruppe, um die Tradition zu erhalten“, erklärt Norbert Ratschiller. Nach rund zwei Stunden, sobald alle Scheiben zu Tal befördert sind, wird die „Larmstange“ entzündet, was einen stimmungsvollen Abschluss des Abends bildet. Von der Holzhütte im Dorfzentrum aus konnten auch heuer wieder jene, die nicht direkt am Scheibenschlagbichl dabei waren, das Spektakel in gemütlichem Ambiente bei heißen und kalten Getränken beobachten.