Christoph Prantner, Journalist beim Standard: „Südtirol lebt zu viel in der Vergangenheit.“

Schlanders von außen

Publiziert in 7 / 2012 - Erschienen am 22. Februar 2012
Schlanders - Er reist viel, kennt China und Taiwan, Boston und Kasachstan und trifft viele interessante Menschen rund um den Globus. Ganz so wie man es sich von einem Leiter des Außen­politikressorts einer nationalen Zeitung erwartet. Christoph Prantner, gebürtiger Schlanderser, hat es in Studienzeiten nach Wien verschlagen und nach einem Praktikum beim damals jungen „Standard“ fand er als Journalist eine Anstellung. Seit nunmehr zehn Jahren leitet er das Auslandsressort der Zeitung. Geprägt von der ­liberalen Ausrichtung des ­Blattes, sprach Christoph Prantner bei den Schlandersburger Gesprächen von „der Wahrheitsfindung“ als wichtigste Aufgabe des Journalisten, damit der Leser sich selbst seine Meinung bilden kann. „Ich glaube, ich könnte auch gar keiner anderen Arbeit nachgehen“, meint Prantner mit Verweis auf ein gewisses Suchtpotenzial, das die Arbeit bei einer Tageszeitung - trotz Stress und vieler Flugkilometer - in sich birgt. Vorausgesetzt, man hat eine verständnisvolle Frau, fügt er hinzu. Was aber denkt der Weitgereiste über Südtirol, über seinen ­Heimatort Schlanders, wo Jahrgangskollege Dieter Pinggera inzwischen die Gemeindepolitik bestimmt? Entsprechend seinen Grundsätzen widerspricht der „Gorilla“ Athesia mit seinen gezielten Medienkampagnen jedem journalistischen Ethos, aber er glaube, dass die Südtiroler zunehmend ein kritisches Bewusstsein entwickeln und unterscheiden können, wem oder was sie glauben können, so Prantner. Überhaupt stehen seit zehn Jahren in der Südtiroler Politik die immer gleichen Themen zur Diskussion, weshalb Prantner den Südtirolern eine gewisse „Rückwärtsgewandtheit“ bescheinigt. „Wir leben zu viel in der Vergangenheit, anstatt mit der globalisierten Welt. Wir müssen mehr Welt hereinlassen“, analysiert er. Nicht mehr ganz so nüchtern fällt dann sein Urteil über Schlanders aus, wo es trotz seiner langjährigen Abwesenheit immer wieder „huamalet“, wenn er sich in eine Bar hockt und Bekannte trifft. Positiv sieht er die Entwicklung von Schlanders, wo derzeit größere Investitionen im Bildungsbereich geplant sind oder gar die Ansiedlung eines Universitätsablegers angedacht wird. „Das Hirnschmalz ist Europas Vorsprung gegenüber anderen Ländern.“ Gerade weil er in der globalisierten Welt zu Hause ist, besinnt sich Prantner auf seine Wurzeln und kehrt gemeinsam mit Ehefrau Ulrike ­Gemassmer und den beiden Söhnen gern nach Hause zurück. Und trotz aller „Vorwärtsgewandtheit“ kann Christoph Prantner der von konservativen Kreisen angestrebten Doppelstaatsbürgerschaft Österreich-Italien Positives abgewinnen: „Auf Reisen wäre es für mich manchmal von Vorteil, auch auf dem Papier ein Österreicher zu sein, obwohl ich gern ein Italiener bin.“
Andrea Kuntner

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