Ungewöhnliche Orte brachten ungewöhnliche Gesprächsrunden zusammen: (Hintere Reihe von links) Andreas Nagl, Walter Gufler, Petra Flieger, Konrad Meßner, Martin Haller, Bernhard Weidhofer, Hans Rungg, Alexander Wurzer, Alfred Stricker.

Wie geht’s den Lehrlingen und Berufsschülern?

Publiziert in 43 / 2010 - Erschienen am 1. Dezember 2010
Latsch – „Es geht ihnen grundsätzlich gut und es ist erstaunlich, wie aktiv sich die Jugendlichen beteiligen, wenn man sie ernst nimmt, aber…“, leitete die Sozialwissenschaftlerin aus Innsbruck, Petra ­Flieger, ihren Bericht ein. Auf den positiven Auftakt folgten die überdenkenswerten und zum Teil überraschenden Ergebnisse eines ungewöhnlichen Projektes, in dem zum ersten Mal die Befindlichkeiten von Lehrlingen und Berufsschülern zum Thema gemacht worden waren. Die Tatsache, dass die Untersuchten auch die Untersuchenden waren, war das Besondere. Ungewöhnlich war der Ort, an dem die Projektergebnisse vorgestellt wurden, und ungewöhnlich die Diskussionsrunde, die sie in einem Arbeitsraum der Firma „Fiberplast“ zur Kenntnis nahm. Gastgeber in der Industriezone Latsch war der neu bestellte Obmann des Handwerkerbezirks Untervinschgau, ­Andreas Nagl (im Bild). Den Kreis jener, die sich die Ergebnisse des Projektes „Lehrlinge und BerufsschülerInnen im Vinschgau“ anhörten, bildeten neben der wissenschaftlichen Begleiterin Projektleiter Walter Gufler von der deutschen und ladinischen Berufsbildung, der Kulturwirt Konrad Meßner als Koordinator, die ehemals Studierenden Simone Hellrigl aus Tartsch und Elisabeth ­Ranalter aus Feldthurns, die Gewerkschafter Hans Rungg und Alexander Wurzer, Obmann der Gewerkschaftsjugend, die Verantwortlichen der Jugenddienste Naturns, Ober- und Mittelvinschgau, Günther Fieg, Stefan Hellweger, Myriam ­Sanzio und Michael Kneissl, die Verantwortlichen der Kolping-Jugend Verena Kapauer und Mirko Turato, der Obmann der Junghandwerker Martin ­Haller, der Obmann der Maschinenbauer im LVH, Bernhard Weidhofer, der Obmann der Althandwerker Latsch, Alfred Stricker, und die Wirtschaftsreferenten Barbara Pratzner (Naturns) und Hermann ­Raffeiner Kerschbaumer (Latsch). Vertreten waren natürlich auch die Forscher und Erforschten, Lehrlinge und Berufsschüler. An überdenkenswerten Erkenntnissen, gewonnen mit Unterstützung von sechs Studierenden aus Fragebogenaktionen, über Video- und Forschungstagebücher und aus Diskussionen, erwähnte Petra Flieger die 10 Prozent ­wöchentlich oder täglich von Lehrern oder Lehrerinnen „Schikanierten“, den Druck durch Wettbewerbe, die stark reglementierten Hausordnungen der Heime, die überraschend geringe Beschäftigung mit Büchern (6,8 zu den 40 Prozent Jugendlicher landesweit) und „die unterdurchschnittliche Verfügbarkeit von modernen Informations- und Kommunikationstechnologien“. Konrad Meßner präzisierte: „Ziel war es, nicht Lehrlinge isoliert zu betrachten, sondern auch mit sämtlichen Jugendorganisationen in Kontakt zu treten“. Er kündigte den ersten Südtiroler Lehrlingstag und ein Theaterprojekt an, in dem nach dem Beispiel des „Theaters der Unterdrückten“ von Augusto Boal die Realität „Berufsschüler und Lehrlinge ihre Situation selbstkritisch“ darstellen und den Satz vieler Eltern und Erzieher „dann bleibt nur mehr die Berufsschule“ hinterfragen. Dass sich die Geister in der Bewertung von Wettbewerbs­situationen im Handwerk scheiden, kam in der nachfolgenden recht regen Diskussion an den Tag und war von Bezirksobmann Nagl angestoßen worden. „Was für den einen wie eine Belohnung wirken kann, ist für den anderen eine Diskriminierung“, meinte ein Teilnehmer zum Thema. Petra Flieger empfahl in ihren Ausblicken folgende „Handlungsinitiativen“: Regelmäßige Lehrlingstreffen in einem Jugendzentrum des Tales, verstärkte Öffentlichkeitsarbeit, vielleicht in Form einer Homepage, die Überarbeitung der Heimordnungen und den Aufbau eines Südtirol weiten Netzwerkes von Jugendorganisationen.
Günther Schöpf

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