„Bis 25 gehst du in die Lehre“
Publiziert in 19 / 2005 - Erschienen am 6. Oktober 2005
Die beiden sind ein eingespieltes Team, das spürt man sofort. Klar, sind Thomas und Barbara Moriggl doch Geschwister, beinahe Zwillinge, würde sie nicht ein Jahr trennen. Gemeinsam teilen sie sich nicht nur die Liebe zum Langlaufsport, bis vor einem Jahr verlief auch ihre sportliche Karriere beinahe parallel. Beide besuchten die Sportoberschule in Mals, gemeinsam fuhren sie zu Trainingslagern der Nationalmannschaft. Gemeinsam sorgten sie sogar für Schlagzeilen: Im Februar des heurigen Jahres waren sie beide unter dasselbe Schneebrett geraten, Barbara hatte sich am Becken schwer verletzt, Thomas war mit dem Schrecken davon gekommen. Tage später belegte er im Weltcuprennen in Lathi, Finnland, den hervorragenden dritten Platz.
Aufgewachsen sind die beiden im Bergdorf Schlinig. Treten sie aus der Haustür, stehen sie mitten auf der Loipe. Automatisch, dass der Langlaufsport zu einer ihrer wichtigsten und liebsten Freizeitbeschäftigungen wurde. Und mit dem Vater Florin als Langlauflehrer, … wie könnte es anders sein. Wir bewegen uns in den späten 1980er Jahren als Klara Angerer und Christian Saurer die Vinschger Elite im Langlaufsport stellten. Von Vorbildern will Thomas nicht sprechen, aber beeinflusst haben sie die beiden Jungen trotzdem.
Irgendwann und aus keinem triftigen Grund haben sie für ein Jahr ihr Training unterbrochen. Gerade in diesem Jahr fanden die Langlauf-Landesmeisterschaften in Schlinig statt und die beiden Moriggl-Kinder sollten ohne Training an dieser teilnehmen, quasi als Schliniger Feigenblatt. Heute erzählen die beiden Moriggls, dass die eine ohne den anderen nicht starten wollte. Ein ausschlaggebendes Moment in ihrer sportlichen Karriere, denn an den Start gingen letztlich beide. „Eigentlich haben mich Rennen nicht interessiert“, erinnert sich Barbara, und man nimmt es ihr fast ab, dass sie das heute auch noch denkt. Sie überzeugt in ihrer sympathischen Natürlichkeit und ihrer Gradlinigkeit. Von da an wurden die beiden unter den Fittichen des SC Sesvenna trainiert, die Erfolge stellen sich ein.
Der Langlaufsport ist kein Massensport, bei dem Siegerprämien in der Höhe von Tausenden von Euros winken. Wer Leistung erbringt, verdient sich eine goldene Nase im Skisport, im Fußball, im Motorsport. Nicht so beim Langlauf. „Die Prämien machen ein Fünftel im Vergleich zu anderen Sportkategorien aus“, erzählt Thomas Moriggl leicht verbittert und resigniert. Trotz seiner sportlichen Erfolge - zwei dritte Plätze im Weltcup - ist es schwer, gewichtige Sponsoren zu finden. Er ist zu gutmütig und zu bescheiden. Denn ein Sportler muss wie jeder Arbeiter oder Angestellte für seine Zukunft vorsorgen. Warum sollte er nicht für seine Leistung entsprechend verdienen? Er arbeitet und die Geldgeber verdienen ja mit. In der Wintersportwelt ist es jedoch so, dass der Langlaufsport am unteren Ende der Beliebtheitsskala der Zuschauer rangiert. Selten spritzig ist der Sport vorwiegend auf Ausdauer ausgerichtet.
Thomas trainiert im A-Kader, Barbara in der B-Nationalmannschaft, somit haben sich seit heuer ihre Wege getrennt. Thomas wurde in die Sportmannschaft der Finanzwache aufgenommen und bezieht ein monatliches Gehalt. Barbara hat, weil sie einen Zentimeter zu klein ist, die Aufnahme in eine der Sportmannschaften nicht geschafft. Sie hat zwar einen Sponsor, betreibt aber praktisch auf eigene Kosten ihren Sport.
Einzelne heimische Betriebe unterstützen die beiden, jedoch sind es keine Beträge, von denen Spitzensportler, die täglich mehrere Stunden trainieren, leben können. Den hochleistungssportlichen Jugendlichen, selbstbewusst und überzeugend, brauchen zudem Bestätigung und Anerkennung von außen, wie jeder, ansonsten verlieren sie die Freude und Motivation am Sport. So auch Barbara. Entsprechen die heurigen Leistungen nicht ihren hohen Erwartungen, die sie sich selbst, streng wie sie zu sich ist, gesetzt hat, dann fasst sie einen Ausstieg ins Auge. Ganz einfach weil sie es sich finanziell mit 23 Jahren nicht leisten kann, nur aus altruistischen Gründen Langzulaufen. Denn „bis 25 bist du im Langlaufsport ein Lehrbub, dann kommen erst die Ergebnisse in diesem Ausdauersport. Nur die meisten geben bis dahin auf“, beobachtet Thomas Moriggl. Er ist knapp davor, den Anschluss an die Weltspitze zu schaffen. Er geht nun seinen Weg, Barbara geht den ihren.
Nach dem Lawinenunglück war die Saison für sie vorzeitig zu Ende, lange kämpfte sie mit gesundheitlichen Problemen. Sie raffte sich auf und kämpfte sich durch hartes Training zurück in die Sportwelt. Ihr Weg ist hart und unerbittlich, wird sie doch ständig mit ihrem ein Jahr älteren Bruder verglichen, obwohl sie Geschwister, aber keine Zwillinge sind.
Im Oktober bzw. November startet die neue Weltcupsaison. Halten wir den beiden die Daumen. „Der Vinschger“ wird in jedem Fall über ihre Leistungen berichten.
Andrea Kuntner
Andrea Kuntner