Hier ist der Mechaniker Mario Gianordoli zu sehen. Für ihn wurde der Film zu einer emotionalen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.
Der Blick in den Saal zeigt das große Interesse an lokaler Geschichte.
Gerührte Zeitzeugen (v.l.): Maria Lechner (Lichtenberg), Martina Schiefer (Prader Berg), Paula Thöni, Heinrich Renner (Lichtenberg), Mario Gianordoli (Prad), Marisa Pignedoli (Sulden), Otto Angerer (Stilfs), Max Kuntner (Sulden), Ernst Reinstadler (Gomagoi).
Ein Film, der berührt und zum Lachen bringt. Das Publikum reagiert bewegt auf die Premiere von „Dozumol“.
Erleichterte Gesichter nach der erfolgreichen Premiere (v.l): Samuel Gianordoli (Kamera), Daniel Parth (Kamera), Gabriel Pinggera (Kamera/Schnitt), Elias Gianordoli (Kamera), Hansjörg Stecher (Regie/Produzent) und Waltraud Telser (Projektbetreuung).

Geschichten, die berühren …

… werden zu Erinnerungen, die bleiben.

Publiziert in 7 / 2026 - Erschienen am 8. April 2026

Prad am Stjilfserjoch - Der Andrang war größer als erwartet. Der Saal im Nationalparkhaus aquaprad füllte sich rasch, zusätzliche Stühle wurden aufgestellt, dennoch mussten viele Besucher stehen, weil sie keinen Sitzplatz fanden. Bereits vor Beginn der Premiere von „Dozumol“ am Freitag, 13. März, wurde deutlich, wie groß das Interesse an lokaler Geschichte ist.

Als im Saal das Licht erlosch, wurde es still. Auf der Leinwand erzählten vertraute Gesichter aus Prad, Lichtenberg, Stilfs und Sulden aus ihrem Leben. Persönliche Erinnerungen, prägende Momente und Zeiten des Umbruchs wurden lebendig. Immer wieder wurde gelacht, dann legte sich wieder eine spürbare Stille über den Raum.

Der Film greift lokale Erinnerungen auf und hält Lebensgeschichten fest, bevor sie verloren gehen. Eindringlich und bewegend erzählt, kommen unterschiedliche Stimmen zu Wort. Initiiert wurde das Projekt vom Bildungsausschuss Prad mit Werner Altstätter und Waltraud Telser als treibende Kräfte. In zahlreichen Gesprächen öffneten sich Menschen aus Prad und Stilfs und teilten ihre persönlichen Erfahrungen. Diese Geschichten wurden vom Filmteam Cinemepic rund um den Regisseur und Produzenten Hansjörg Stecher aufgenommen und zu einer filmischen Erzählung verdichtet. So ist ein vielschichtiges Bild der regionalen Zeitgeschichte entstanden, das im oberen Vinschgau beheimatet ist und neue Perspektiven auf unsere Vergangenheit eröffnet.

Ergänzend zum Film entsteht derzeit ein Buch von Astrid Kofler mit weiteren Stimmen und Geschichten, das im Herbst beim Verlag Menschenbilder in Innsbruck erscheinen soll. Nach der erfolgreichen Premiere folgen zwei weitere Aufführungen: am Freitag, 15. Mai, um 19.30 Uhr in Stilfs sowie am Samstag, 16. Mai, um 20 Uhr in Lichtenberg, jeweils im Haus der Dorfgemeinschaft.

„Mit jedem Menschen geht ein Stück Geschichte“

Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt, als der Dokumentarfilm „Dozumol“ in Prad Premiere feierte. Regisseur Hansjörg Stecher zeigte sich nach der Premiere erleichtert und erfreut über die große Resonanz. der Vinschger sprach mit ihm nach der Vorführung über den Abend und die Hintergründe des Films.

der Vinschger: Herr Stecher, wie haben Sie die Premiere von „Dozumol“ erlebt?

Hansjörg Stecher: Ich muss gestehen, ich bin mit einem leicht mulmigen Gefühl in den Abend gegangen. Als ich den Saal eine Dreiviertelstunde vor Beginn betreten habe, standen da unglaublich viele leere Stühle – und ich habe mich gefragt, ob sich der Raum wohl füllen wird. Doch dann war der Saal innerhalb kürzester Zeit voll, und am Ende wurden wir tatsächlich überrannt.

Noch eindrücklicher als dieses Bild war für mich die Reaktion des Publikums während des Films. Dieses Wechselspiel zwischen Lachen und völliger Stille, diese Spannung im Raum, das war für mich etwas ganz Besonderes. Am Ende dann der Blick in das Menschenmeer mit vielen vertrauten Gesichtern, unseren Zeitzeugen und der Filmcrew. In diesem Moment wird einem bewusst, was wir als Team geschaffen haben. Den Applaus am Schluss habe ich stellvertretend für alle entgegengenommen, die am Projekt mitgewirkt haben.

Was steht im Mittelpunkt des Filmprojektes?

Der Film knüpft stark an meine bisherigen Arbeiten an. Im Zentrum steht für mich die Frage nach Erinnerung und dem Umgang mit unserer Geschichte. Es ist mir ein Anliegen, die Erinnerungen der Zeitzeugen festzuhalten, bevor sie verloren gehen, denn mit jedem Menschen geht auch ein Stück Geschichte. Gerade heute erscheint mir das wichtiger denn je: Je leiser die Stimmen der Zeitzeugen werden, umso lauter werden die Stimmen des Krieges.

Viele Zeitzeugen öffnen sich im Film sehr persönlich. Wie gelingt es Ihnen, dieses Vertrauen aufzubauen?

Ich bin bis heute selbst erstaunt, wie sehr sich die Zeitzeugen uns gegenüber geöffnet haben. Viele dieser Menschen haben mich ein- oder zweimal in ihrem Leben gesehen, und trotzdem haben sie mir sehr persönliche, oft auch schmerzhafte Erinnerungen anvertraut. Dieses Vertrauen weiß ich sehr zu schätzen.

Ich glaube, es hat viel damit zu tun, dass ich mir Zeit nehme und vor allem zuhöre. Ich versuche, den Menschen das Gefühl zu geben, dass ihre Geschichte es wert ist, erzählt zu werden – auch dann, wenn sie vielleicht auf den ersten Blick unscheinbar wirkt.

Was hat Sie besonders berührt? 

Besonders bewegt hat mich eine Zeitzeugin, die offen über häusliche Gewalt gesprochen hat. Mit einer Klarheit und Entschlossenheit, die mich tief beeindruckt hat. Ein weiteres Gespräch, das mir nachgeht, war das mit einem Mann, der als Kind ausgegrenzt und beschimpft wurde, weil seine Familie italienische Wurzeln hatte. Man hat gespürt, wie sehr ihn das bis heute begleitet. Viele dieser Geschichten wurden bis heute in dieser Offenheit nicht einmal im engsten familiären Umfeld erzählt.

Solche Begegnungen zeigen, wie viel Vertrauen in diesen Gesprächen liegt. Und sie eröffnen auch neue Perspektiven: Dass Geschichte nicht nur in eine Richtung erzählt werden kann, sondern dass es immer auch andere Blickwinkel gibt, die gehört werden sollten. Mir ist es wichtig, auf alte Fragen neue Antworten zu finden und zugleich neue Fragen zu stellen.

Was wünschen Sie sich, dass der Film bei den Menschen auslöst?

Ich wünsche mir, dass der Film die Menschen dazu anregt, darüber nachzudenken, was sie aus der Geschichte für die Gegenwart mitnehmen können. „Dozumol“ erzählt Lebensgeschichten aus Prad und Stilfs – vom Faschismus, von der Option, vom Krieg, aber auch vom Aufbruch in den Nachkriegsjahren. Es sind Erinnerungen, die berühren und ein Stück Vergangenheit sichtbar machen. Auch wenn die Geschichte im oberen Vinschgau verwurzelt ist, weist sie doch weit darüber hinaus und steht exemplarisch für die Südtiroler Zeitgeschichte.

Günther Schöpf

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