Aaron Pircher
Im Bild (v.l.): Philipp Moser, Dietmar Spechtenhauser, Roselinde Gunsch und Dominik Oberstaller.
Beim Netzwerktreffen im Haus der Bezirksgemeinschaft in Schlanders.

„Nur gemeinsam ist es zu schaffen“

hds und Bezirksgemeinschaft laden zu Netzwerktreffen. „Wir brauchen Frequenzen in den Dörfern, nicht an der Straße.“

Publiziert in 3 / 2026 - Erschienen am 10. Februar 2026

Schlanders - Kein Bäcker im Dorf, keine Bar, kein Metzger, kein Lebensmittelgeschäft. Um derartige Szenarien – wie sie zum Beispiel in so manchen Gemeinden in Nord- und Osttirol bereits Wirklichkeit sind – zu verhindern bzw. dagegen vorzubeugen, hat der Bezirk Vinschgau des Handels- und Dienstleistungsverbandes hds und die Bezirksgemeinschaft Vinschgau am 6. Februar ein bisher einzigartiges Netzwerktreffen organisiert. Unter dem Motto „Gemeinsam für lebendige Orte“ waren nicht nur Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sowie Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten eingeladen worden, sondern auch Funktionärinnen und Funktionäre aus dem Tourismus und dem Handel sowie Gemeindesekretärinnen und Gemeindesekretäre. Dass die Teilnehmerzahl nicht gerade überwältigend war, lag zum Teil wohl daran, dass zeitgleich die Olympischen Winterspiele eröffnet wurden. Außerdem fanden im Vinschgau an diesem Abend mehrere Veranstaltungen statt. Zusammen aus dem Pustertal angereist waren hds-Präsident Philipp Moser und Dominik Oberstaller, Bürgermeister von Welsberg-Taisten und neuer Präsident des Südtiroler Gemeindenverbandes.

„Mehr zusammenschauen“

Mit den neuen Gemeindeverwaltungen ins Gespräch kommen und gemeinsam mit dem Handel, dem Gastgewerbe, dem Tourismus, weiteren Wirtschaftssparten und Akteuren noch mehr zusammenschauen und zusammenwirken: So umschrieb hds-Bezirkspräsident Dietmar Spechtenhauser das Ziel des Netzwerktreffens. An die Adresse der Gemeindeverwaltungen richtete er den Appell, das Leben in den Ortskernen und Dörfern im Auge zu behalten: „Wir müssen uns verinnerlichen, wie weitreichend besonders Fehlentscheidungen sein können.“ Damit Orte lebendig bleiben, „brauchen wir Frequenzen in den Dörfern und nicht Handelsflächen an der Straße.“ Den Sieg der Gemeinde Schlanders, die am 28. Jänner in Brüssel den ersten europäischen Wettbewerb zum Einzelhandel in der Kategorie der Kleinstädte gewonnen hat (siehe Artikel auf Seite 26), bezeichnete Spechtenhauser als Ritterschlag für die Südtiroler Handelspolitik. Im Vinschgau und in ganz Südtirol seien in punkto Handelspolitik viele gute Akzente gesetzt worden: „Auch deshalb sind wir noch fast eine Insel der Seligen“, so der hds-Bezirkspräsident. Damit das weiterhin so bleibt und die Ortskerne auch noch in 10, 20 und mehr Jahren nicht Schlafdörfer, sondern lebendige Orte sind, sei die volle Aufmerksamkeit und Unterstützung aller gefragt, speziell der Gemeindeverwaltungen.

Anderswo wird „Feuer gelöscht“

In der Steiermark, genauer gesagt in der Hauptstadt Graz, wurde unlängst die sogenannte Ortskernkoordination aus der Taufe gehoben. Die im Regionalressort des Landes Steiermark verankerte Koordinationsstelle fungiert als zentrale Aktions- und Informationsdrehscheibe für Gemeinden und Städte auf dem Weg hin zu starken Zentren, indem gemeinsam anhand des skizzierten Weges eine bestgeeignete Herangehensweise erarbeitet wird. Laut Spechtenhauser geht es im Kern darum, in Dörfern und Gemeinden, wo es so gut wie keine Nahversorgung mehr gibt, wieder für Leben zu sorgen. Die Ortskernkoordination, die demnächst mit einer Delegation den Vinschgau besuchen wird, spiele de facto Feuerwehr in der Peripherie. Die Bezirkspräsidentin Roselinde Gunsch sagte, dass die Nahversorgung ein großes Thema für die Gemeinden sei, nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit der Erstellung der Gemeindeentwicklungsprogramme. In Taufers im Münstertal, wo Gunsch seit 2015 als Bürgermeisterin wirkt, sei schon vor ca. 20 Jahren mit der Ortskernsanierung begonnen worden. Große Sorgen bereitet der Bezirkspräsidentin der Online-Handel. „Online alle möglichen Sachen bestellen können alle, aber wenn es z.B. darum geht, ein Kind anzumelden, haben manche Leute Schwierigkeiten“, brachte Roselinde Gunsch ihre Bedenken überspitzt auf den Punkt. Es sei auch Aufgabe der Gemeinden, die Nahversorgung aufrecht zu erhalten bzw. besser aufzustellen. Nicht minder wichtig für das Leben in den Dörfern seien die Vereine, Märkte und Kulturveranstaltungen. Dasselbe gelte für das Netzwerken, „wie wir es heute praktizieren.“ Auch laut Gunsch kann der Wettbewerbssieg der Gemeinde Schlanders in Brüssel ein Ansporn sein, ein neues Bewusstsein zu schaffen.

4 Ideen führten zum Sieg

Über die Hintergründe des Sieges des Wettbewerbs „European Capitals of Small Retail (ECoSR) 2026“, ausgeschrieben von der EU-Kommission, informierte der hds-Bezirksleiter Aaron Pircher. Es sei in enger Zusammenarbeit mit BASIS Vinschgau Venosta und anderen Akteuren gelungen, mit 4 Ideen zum Sieg zu kommen: mit „Slow Shopping“, sprich einem bewussten und entschleunigten Ansatz zum Einkaufen, der Impulskäufe reduziert und den Fokus auf Qualität, Nachhaltigkeit und bewusste Konsumentscheidungen legt, mit einem Modell für Betriebsnachfolge, mit der hds-App MIAr (Benefits für den Einkauf vor Ort) und mit der Idee, in der 7-Minuten-Gemeinde Schlanders – in 7 Minuten ist im kompakten Schlanders so gut wie alles zu Fuß erreichbar – Workshops zu Themen zu veranstalten, die den Handel betreffen und Publikum aus ganz Europa anziehen sollen. Der Wettbewerbssieg könnte und sollte der Start für eine neue Definition von Schlanders sein, und zwar aufbauend auf bereits bestehende Stärken in der Nahversorgung. Auch über Trends und mögliche Maßnahmen sowie Hilfestellungen seitens des hds für positive Ortsentwicklungen informierte Aaron Pircher, etwa über das Instrument der Geoanalyse, mit dem Besucherströme und Frequenzen erhoben werden können, oder über den Praxisleitfaden für aktive Dorfentwicklung.

Stärkere Zusammenarbeit mit Gemeinden

Laut Philipp Moser befinde sich Südtirol derzeit zwar noch in einer Art Luxussituation – „in jeder Gemeinde in Südtirol gibt es Nahversorgung“ – aber damit das so bleibt, „braucht es die Energie und den Einsatz von allen.“ Damit meinte er neben den Betrieben selbst nicht zuletzt das Land und die Gemeinden. Die Zusammenarbeit mit den Gemeinden gelte es zu stärken. Das Ziel des hds und aller Wirtschaftssparten sei es, die Orte lebendig zu halten. Dominik Oberstaller teilte diese Ansichten. Was die Förderung von Betrieben in Ortszentren betrifft, so hätte der Vinschgau eine Vorreiter-
rolle übernommen. Die neue Musterverordnung für die Förderung von Betrieben seitens der Gemeinden werde demnächst vorliegen. Klar ausgesprochen hat sich der Präsident des Gemeindenverbandes dafür, dass in bestimmten Gemeinden in Vinschgau eine touristische Entwicklung zugelassen werden müsse.

„Seid nicht zu knauserig“

Im Rahmen eines Austausches im Anschluss an die Kurzvorträge wurden auch konkrete Probleme und Anliegen aus verschiedenen Gemeinden aufs Tapet gebracht. Karl Pfitscher z.B., der Präsident des Tourismusvereins Schlanders-Laas, mahnte an, dass in Sachen Ortsentwicklung und Ortsmarketing am Ende immer die Politik das Um und Auf sei. Als überlebenswichtig für Schlanders nannte er eine Tiefgarage. Mit Beispielen der Betriebsförderung in der Gemeinde Latsch wartete Manuel Platzgummer auf, der als Gemeindereferent u.a. für Ortsmarketing, Eventmanagement und Ortsentwicklung zuständig ist. Der Latscher Gemeinderat hatte schon 2021 eine Verordnung zur Unterstützung von Betrieben (Neueröffnung bzw. Umbau) in Ortskernen genehmigt. Schon seit einiger Zeit sei man verzweifelt auf der Suche nach einem Metzger, der im Dorf Frischfleisch anbietet, so Platzgummer. Grundsätzlich rief er dazu auf, bei der Betriebsförderung nicht knauserig zu sein oder sie anderweitig zu erschweren: „Dem Haushalt tut das nichts. Wir müssen froh sein, dass Betriebe Interesse haben und in den Dörfern etwas geschieht.“ Als besonders lebendiger Ortskern wurde jener von Laas genannt. Das Treffen und die Diskussion haben gezeigt, dass es wertvoll ist, sich auszutauschen und miteinander zu reden, denn auf diese Weise kann man auch voneinander lernen. 

Josef Laner

Diese Seite verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Lesen Sie unsere Cookie-Richtlinien für weitere Informationen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.