„Viecher“ und …
… jede Menge Kultur. Erste Auflage des Festivals „suido“ trifft mit „a Viecherei“ voll ins Schwarze.
Schluderns/Obervinschgau - Geführte Wanderungen, Musikwerkstätten, Konzerte mit Musikern und Musikerinnen aus dem Dreiländereck, Straßenkunst, wertvolle Begegnungen und Diskussionen darüber, wie sich der Obervinschgau aus eigener Kraft im Bereich der Landwirtschaft und darüber hinaus in Zukunft nachhaltig entwickeln könnte und sollte. So lässt sich die erste Auflage des neuen, auf 12 Jahre ausgelegten Festivals „suido“ beschreiben. Das Thema der Jungfern-Ausgabe, die vom 20. bis zum 26. September viele Interessierte aus nah und fern vor allem nach Schluderns, aber auch in weitere Obervinschger Gemeinden lockte, lautete „a Viecherei“. Hautnah und greifbar im Mittelpunkt standen die „Viecher“ am letzten Festival-Tag auf dem Dorfplatz in Schluderns. 20 Kühe verschiedener Rassen waren unter dem Motto „Meine Lieblingskuh” für diese besondere Triple-A-Ausstellung angemeldet worden.
„Eine kleine Weltpremiere“
Wie die zwei Preisrichter Jake Lohmöller aus Deutschland und Theo Pieters aus den Niederlanden bestätigten, „ist diese Art der Tierschau, wie sie heute hier in Schluderns stattfindet, eine kleine weltweite Premiere.“ Triple-A steht für „Animal Analysis Associates“. Es handelt sich um eine in den 1950er Jahren in den USA entwickelte Anpaarungsmethode in der Rinderzucht. Im Gegensatz zu reinen Zuchtwertschätzungen oder der Betrachtung einzelner Leistungsmerkmale analysiert Triple-A den gesamten Körperbau sowie die Anatomie einer Kuh als Einheit. Jake Lohmöller: „Triple-A dient dazu, Kühe und Bullen so miteinander anzupaaren, dass ausgeglichene, langlebige und funktionelle Tiere entstehen. Dabei werden nicht Zuchtwerte oder Rassen bewertet, sondern die Körperform und ihre Funktion.“ Raphael Agethle, der die einzigartige Viehschau zusammen mit Leonhard Stocker organisiert hatte, erhofft sich von der Ausstellung einen Impuls für die Zukunft der Rinderzucht im Obervinschgau. Teilnehmen konnten alle Viehrassen, einschließlich Kreuzungstiere. Gewonnen hat die Viehschau die Braunviehkuh „Glocke“ von Albert Hilber aus Schluderns. Zur Reservesiegerin wurde „Elbe“ von Eduard Marth vom Bio-Migihof in Schleis gekürt. Die Braunviehkuh – abstammend von der seit 1949 bestehenden Mutterlinie – wird im Dezember zum 10. Mal abkalben.
„Für ein besseres Leben für alle“
Voll des Lobes für die außergewöhnliche Viehschau, das Festival „suido“ insgesamt und die mutigen Initiativen, die im Obervinschgau immer wieder von unten, sprich von Bürgerinnen und Bürgern, ausgehen, war der frühere Meraner Bürgermeister Paul Rösch, der die Viehausstellung moderierte und zwischendurch immer wieder einige der Hauptakteure von „suido“ auf die Bühne bat. Michael Hofer, der Geschäftsführer der Bürgergenossenschaft Obervinschgau (BGO), der Trägerin der Festivalreihe, freute sich über den gelungenen Auftakt und dankte allen Mitwirkenden sowie den öffentlichen Geldgebern (Landesamt für Kultur, Gemeinde Schluderns) und allen privaten Sponsoren. Das Ziel der BGO sei es, die Qualitäten und Ressourcen im Obervinschgau als Basis für eine ganzheitliche, nachhaltige und solidarische Entwicklung zu nutzen. Auch auf die Gründung der BGO vor 10 Jahre und bisherige Erfolgsprojekte blickte Michael Hofer zurück. Die bisher auf den Weg gebrachten Projekte seien eng mit der Landwirtschaft, mit Handarbeit, mit Qualität und mit der Vision eines „guten und besseren Lebens für alle“ verbunden. Als besondere Projekte nannte Hofer die Bio-Dorfsennerei Prad und das Kulturcafé Salina in Glurns.
„Der Rinderstall der Zukunft in den Alpen“
So lautete das Thema eines eineinhalbtägigen Symposiums, das im Rahmen des Festivals stattgefunden hat. Laut Alexander Agethle, Landwirt, Agronom, und Koordinator des Symposiums, haben sich Fachleute aus verschiedensten Bereichen mit der Frage auseinandergesetzt, wie der Rinderstall der Zukunft in den Alpen aussehen könnte oder sollte. Mitgedeacht und mitdiskutiert haben Landwirte, Klimaforscher, Biologen, Vertreter von Banken, Architekten, Tierärzte, Beamte, Forscher und auch Stallplaner. Das Symposium wurde von Mitarbeitenden des Institutes für Regionalentwicklung der EURAC moderiert. Auf die Ergebnisse darf man schon jetzt gespannt sein. Mit ersten Einblicken warteten im Rahmen der Viehschau neben Alexander Agethle auch die Biobergbäuerin Anja Matscher Theiner (Lechtlhof), Janine Braun von der Berner Fachhochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften sowie Thomas Streifeneder von der EURAC Bozen auf.
Kultur, Tradition und Zukunft
Bürgermeister Heiko Hauser freute sich, dass die Gemeinde Schluderns als Gastgeberin der ersten Ausgabe des Festivals fungieren durfte: „Eine Woche lang wurde Schluderns zum lebendigen Mittelpunkt vieler schöner Veranstaltungen für Groß und Klein.“ Die Vision von „suido“, das tief verwurzelte Obervinschgauer kulturelle Erbe mit kreativen sozialen Impulsen zu verknüpfen, habe ihn sofort begeistert. Gerade dieser Mut zu neuen Wegen zeichne den Obervinschgau aus. In der Kultur sieht Heiko Hauser das Fundament und den sozialen Kitt der Gesellschaft: „Kultur bringt Menschen zusammen, regt zum Nachdenken an, bricht verkrustete Denkmuster auf und schafft Identität.“ Auch Heiko Hauser dankte allen Initiatoren, Mitwirkenden und Freiwilligen. Mit verschiedenen Aktionen mitgewirkt haben u. a. die Grundschule Schluderns und der Kindergarten, das Martinsheim Mals, der Theaterbezirk Vinschgau, die Ferienregion Reschensee, Zuchtverbände, das Vintschger Museum, die Fachschule Fürstenburg und weitere Organisationen, Vereine und Private.
Nächstes Thema ist „mitnond“
Das nächste Thema der Festivalreihe steht bereits fest. Es lautet „mitnond“. Gastgeber der zweiten Auflage von „suido“, die im nächsten Jahr stattfindet, sind Taufers im Münstertal und Müstair.