Vom Zivi zum Bereichsleiter
Georg Horrer verabschiedet sich nach 40 Jahren Lebenshilfe. Stabübergabe an Martin Nagl.
Schlanders - „Ich gehöre schon zum Inventar“, lacht Georg Horrer. Als das Haus Slaranusa der Lebenshilfe in Schlanders erbaut und im März 1986 mit der Werkstätte eröffnet wurde, war er bereits als Zivildiener für die Lebenshilfe im Einsatz. „Mit einem kleinen Team sind wir damals gestartet – drei Angestellte und ich als Zivi“, erinnert er sich. Acht Klienten galt es zu betreuen. Schon zu dieser Zeit war Horrer für viele Dinge zuständig und kümmerte sich neben der Betreuung von Menschen mit Beeinträchtigung auch um die Verwaltung. Vielleicht wollte es der Zufall, das Schicksal so, dass er dabei blieb. „Eigentlich war ich nach dem Zivildienst mit einem Fuß schon bei der Raiffeisenkasse, dann haben mich die Sekretärinnen der Lebenshilfe in Bozen überredet, dass ich bleibe.“ Daraus wurden 40 Jahre. 40 Jahre, in denen Horrer das Haus in Schlanders wesentlich mitprägte. Auf seine Art – auf die menschliche. „Das war mir immer sehr wichtig“, unterstreicht er.
Ein Abschied auf Raten
Mit Ende Jänner geht Horrer in den wohlverdienten Ruhestand. Einen „Abschied auf Raten“ nennt er es. Ein Weggang, der durchwegs emotional ist. „Wenn ich gehen würde und es würde nichts mit mir machen, dann wäre das schon kurios. Ich habe die Arbeit schließlich immer mit Freude gemacht“, sagt er. Je näher es dem Ende zugehe, „desto schwieriger wird es“. Kein Wunder, schließlich habe er in den vergangenen Jahrzehnten viel erlebt. Vieles habe sich getan. „Gemeinsam haben wir in der Lebenshilfe so einiges erreicht – viele Leute weitergebracht, vielen Menschen geholfen und viele Familien unterstützt. Das ist es, was zählt.“
Ein Haus, das gewachsen ist
Heute arbeiten im Haus Slaranusa rund 60 Angestellte, viele davon in Teilzeit. 19 Menschen mit Beeinträchtigung wohnen direkt im Haus. Das Wohnhaus wurde – genauso wie die Tagesstätte – 1988, zwei Jahre nach den Werkstätten, in Betrieb genommen. Vier weitere Klienten leben derzeit in einer Wohngemeinschaft neben der Feuerwehrhalle. In den Werkstätten bzw. im Arbeitsverbund im Haus Slaranusa haben momentan 45 Menschen ihren Arbeitsplatz. In der Tischlerei, Flechterei, Weberei sowie in der Kreativgruppe, der Wachsgruppe, der Nähgruppe und weiteren Bereichen entstehen hochwertige Produkte. Einerseits werden eigene Artikel hergestellt und verkauft, andererseits Dienstleistungen angeboten, darunter auch maßgeschneiderte Auftragsarbeiten für Firmen.
Verantwortung übernommen
Begonnen hatte Horrer unter Karl Pobitzer, dem ersten Leiter des Hauses Slaranusa in Schlanders. Nach Maria Hofer und der langjährigen Leiterin Rosa Moser wurde ihm 2006 schließlich selbst die Leitung des Hauses anvertraut. „Ich kam sozusagen von heute auf morgen zum Handkuss“, blickt er zurück. Gleich nach der Übernahme der Leitung absolvierte er berufsbegleitend den „Qualifizierungslehrgang für Führungskräfte von Dienstleistungsbetrieben“ in der Landesfachschule für Sozialberufe „Hannah Arendt“. 2009 wurde er Bereichsleiter für Arbeit und Wohnen der Lebenshilfe Südtirol. Empfohlen worden war er von Felix Finster, der damals als Berater für die Lebenshilfe tätig war und eine Evaluation durchführte. Schnell wurde klar, dass Horrer die richtige Person für diese Aufgabe war. Verschiedene Einrichtungen im ganzen Land fielen in seinen Verantwortungsbereich. 2021 konnte er den Bereich Wohnen an Franca Marchetto übergeben.
Weitblick aus dem Vinschgau
„Schon immer ging vieles von Schlanders aus“, unterstreicht Horrer. Im Vinschgau seien nicht selten Weichen für den südtirolweiten Verband der Lebenshilfe gestellt worden, der heuer 60-jähriges Bestehen feiert. „Ich denke, dass wir Vinschger ohnehin immer sehr weitsichtig waren, immer weit nach vorne geschaut haben: Was gibt es Neues, welche Methoden entstehen, wie können wir uns weiterentwickeln? Ob uns das immer gelungen ist, müssen andere beurteilen. Aber wir waren ständig bemüht, Paradigmenwechsel mitzumachen – und wenn möglich auch vorauszugehen.“
Vom Umgang mit Menschen
Was ihn all die Jahre getragen habe, sei die Arbeit mit den Menschen selbst gewesen. „Ich hatte anfangs schon Respekt“, erzählt Horrer offen. „Ich wusste nicht, wie man auf Menschen mit Behinderung zugeht.“ Im Zivildienst sei er ins kalte Wasser geworfen worden. Bald habe er jedoch gemerkt: „Je normaler man miteinander umgeht, desto besser ist es.“ Diese Haltung, die Geselligkeit und die Freude im Umgang mit Menschen haben ihn durch all die Jahre begleitet – nicht nur im beruflichen Alltag, sondern auch außerhalb, etwa als langjähriger Kapellmeister der Bürgerkapelle Schlanders. Nähe, Verlässlichkeit und Gemeinschaft prägten das Haus Slaranusa, wobei auch schwere Momente dazugehören. Rund 20 Bewohnerinnen und Bewohner seien in dieser Zeit verstorben. „Der Tod nimmt einen immer persönlich mit. Wir sind hier eine Gemeinschaft – fast wie eine Familie.“
Private Struktur, öffentliche Verantwortung
Die Lebenshilfe ist ein sozialer, nicht gewinnorientierter Verband, der Menschen mit Beeinträchtigung in allen Lebenslagen unterstützt und sie auf ihrem Weg zu einem möglichst selbstbestimmten Leben begleitet. Als privater Verein agiert sie dabei im Spannungsfeld mit öffentlichen Körperschaften. Die Zusammenarbeit mit der Bezirksgemeinschaft beschreibt Horrer als konstruktiv. Vorteile bringe die Eigenständigkeit – etwa, dass die Gebäude der Lebenshilfe selbst gehören. Gleichzeitig sei man finanziell von Tagessätzen abhängig. „Wenn wir nicht voll besetzt sind, fehlt uns Geld, die Mitarbeitenden brauchen wir trotzdem.“ Budgetverantwortung sei daher stets Teil der Führungsarbeit gewesen.
Der Blick nach vorne
Über seine Nachfolge begann sich Horrer frühzeitig Gedanken zu machen. „Mir war wichtig, dass es gut weitergeht.“ Relativ schnell fiel seine Wahl auf Martin Nagl, der seit 2017 im Arbeitsverbund tätig ist. Der studierte Sozialarbeiter hatte zuvor in Wien gearbeitet und war bewusst nach Südtirol zurückgekehrt. Seit 1. Jänner ist Nagl Bereichsleiter für den Bereich Arbeit der Lebenshilfe. Sechs Einrichtungen in ganz Südtirol fallen in seinen Verantwortungsbereich; neben dem Haus Slaranusa das Hotel Masatsch in Oberplanitzing, das Café Prossliner in Auer, die Tagesstätte für Menschen mit Autismus in Bruneck, die Kunstwerkstatt Akzent in Bruneck sowie die Einrichtung Prihsma in Brixen. Rund 100 Mitarbeitende sind es insgesamt. Zwar gibt es für jede Struktur eine eigene Einrichtungsleitung, für die inhaltliche und organisatorische Ausrichtung zeichnet aber Nagl verantwortlich. Mit seinem Wechsel wurde eine neue Leitung für den Arbeitsverbund in Schlanders notwendig. Diese Aufgabe übernahm im Herbst die Laaserin Christine Gruber. Die ausgebildete Sozialarbeiterin war zuvor 20 Jahre bei der Bezirksgemeinschaft tätig, zuletzt als Leiterin der Dienststelle für Erwachsene. „Es war Zeit für neue Perspektiven“, sagt sie. Besonders schätzt sie an der Arbeit mit Menschen mit Behinderung deren Offenheit: „Sie sind ungefiltert, ehrlich, direkt – das schafft viele schöne, manchmal auch herausfordernde Momente.“
Gut bestellt
Auch im Wohnbereich ist Kontinuität gegeben: Seit 2016 leitet Wilfried Kaserer diesen Bereich – begonnen hat er 1993 als Zivildiener im Haus Slaranusa. Für Georg Horrer ist das ein gutes Zeichen. „Ich hatte immer ein starkes Team, auf das ich mich verlassen konnte.“ Das mache den Abschied nicht leichter, aber stimmig. Für Ratschläge bleibe er weiterhin erreichbar. „Ich bin aber überzeugt, dass die Lebenshilfe gut aufgestellt ist“, betont Horrer. Und sagt dann den Satz, der vieles zusammenfasst: „Das Feld ist bestellt, diejenigen, die jetzt da sind, werden es weiter gut beackern.“