Queeres Leben ohne Vorurteile
Das Audio-Projekt „Immer Hier“ macht die Lebensgeschichten queerer Menschen aus Südtirol hörbar. In Prad wurde darüber diskutiert.
Prad - „Wir sind hier, wir waren immer hier und wir werden immer hier bleiben. In den Dörfern, in den Städten, in jedem Tal“: Das ist die Botschaft, die „Immer Hier“ vermitteln will. Das Projekt von Regisseurin, Künstlerin und Kulturarbeiterin Martine De Biasi will die queere Geschichte und LGBTQIA+ Geschichten mehrerer Generationen aus ganz Südtirol sichtbar machen. Oder besser gesagt hörbar. Im Audio-Projekt kommen nämlich Menschen aus verschiedenen Teilen des Landes – auch aus dem Vinschgau – in Interviews zu Wort und erzählen ihre Geschichten; Lebensgeschichten von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*, queeren, intergeschlechtlichen Menschen aus der LGBTQIA+ Gemeinschaft in ganz Südtirol. Vollinhaltlich und ungekürzt werden die Interviews wiedergegeben. Diese sollen ein umfangreiches und generationenübergreifendes Bild des queeren Südtirol abgeben, schließlich beteiligten sich daran Menschen im Alter von 25 bis 77 Jahren. In einer zweiten Projekt-Phase kommen die Geschichten direkt in die Gemeinden, begleitet wird dies vom Forum Prävention. Vor Ort kann mit Betroffenen diskutiert werden. Unlängst war „Immer Hier“ zu Gast in der Bibliothek Prad. Der Abend wurde vom Bildungsausschuss Prad in Zusammenarbeit mit der Gemeinde und der Bibliothek Prad organisiert.
„Berechtigung, da zu sein“
„Ich bin überwältigt, dass so viele hier sind“, freute sich De Biasi über das große Interesse. Das Projekt sei in ihrem Kopf entstanden, als Projektträger fungiert die von ihr, Karmen Höllrigl und Katharina Burger gegründete Sozialgenossenschaft eklektika. „Ich habe gemerkt, dass wir darüber reden müssen“, so De Biasi über ihre Intention. Insgesamt seien rund 20 Menschen interviewt worden, 16 Beiträge wurden veröffentlicht. Weitere sollen folgen, das Ziel seien bis zu 50. Durch Flyer mit QR-Codes bzw. über den Link eklektika.it/immer-hier/de/ geht es zu den Audio-Interviews, Schautafeln mit den Codes sind in öffentlichen Räumen, wie eben in der Bibliothek Prad, dem bisher noch einzigen Stationspartner im Vinschgau, aufgestellt. „Es ist eine mutige Sache, die eigene Geschichte als queerer Mensch in Südtirol zu erzählen“, lobte De Biasi. Madu Alber vom Forum Prävention unterstrich, dass queere Menschen schon immer zu Südtirol gehörten und immer dazugehören werden. Die queere Aktivistin, die non-binär ist und sich keinem Geschlecht wirklich zugehörig fühlt, betonte: „Ich bin eine Person, wie jede andere auch“. Jedoch hätten es queere Menschen generell leider oft noch schwierig in Südtirol. „Man muss sich oft zwischen queer und Südtirol entscheiden“, sagte sie. Es sei wichtig, dass man Kraft und Zuversicht habe, auch wenn politische Entwicklungen mit Sorge zu betrachten seien. Nach wie vor gebe es in Südtirol leider viel Diskriminierung, bewusste, aber auch unbewusste. „Wir haben eine Berechtigung da zu sein und wir selbst zu sein, so wie alle anderen auch“, so Alber.
Diskriminierung bei Kinderwunsch
Drei Betroffene, die in den Audio-Interviews zu Wort kommen, waren in Prad anwesend, um ihre Geschichten zu erzählen und mit den Gästen in Austausch zu treten. Es brauche Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen, unterstrich Moderator Alex Giovanelli vom Forum Prävention. So hatten sich die Naturnserin Karmen Höllrigl und ihre Frau Denise Piazzi sowie Thomas Andreaus aus Margreid in Prad eingefunden. Höllrigl und Piazzi berichteten über die nach wie vor unglaublichen Hindernisse, die ein gleichgeschlechtliches Paar in Italien bei Kinderwunsch überwinden müsse: Von Kinderwunschklinik im Ausland bis hin zu Adoptionsverfahren für die Partnerin; bürokratische Hürden, die es für heterosexuelle Paare in diesem Zusammenhang nicht gebe. Dass es sich hierbei um eine ungerechte Diskriminierung handle, darüber waren sich alle einig. „Nichtsdestotrotz haben wir nun einen wunderbaren Sohn und sind auf dem Papier beide Eltern“, freute sich Karmen Höllrigl. Vor allem die Vereinigung der Regenbogenfamilien (Famiglie Arcobaleno) sei eine große Hilfe gewesen.
Respekt als Voraussetzung
Auch über ihre Erfahrungen in Südtirol berichteten die Gäste. Thomas Andreaus, mittlerweile 48 Jahre alt, erinnerte sich an die späten 1990er. „Damals war einfach wenig los. Die Kontaktmöglichkeiten fehlten, insbesondere in den Dörfern. Es gab ja noch keine Online- oder auch Offline-Plattformen“, so Andreaus. Vor allem der Verein Centaurus habe damals schon eine wichtige Rolle gespielt, vieles habe sich auf Bozen konzentriert und freilich auch auf Städte wie Innsbruck oder München. Daran, Südtirol zu verlassen, habe er nie gedacht. „Ich hatte hier mein Umfeld, und mir selbst gegenüber auch keine größeren Probleme mit meiner Homosexualität“, erzählte er. Auch Denise Piazzi, die in Lana aufgewachsen ist, habe sich in Südtirol immer wohl gefühlt. „Ich hatte Rückhalt in der Familie“, unterstrich sie. Es gebe aber auch viele, wo dies leider nicht der Fall sei. In Naturns sei das Paar gut aufgenommen worden. Als Gründe, einen Ort bzw. ein Land zu verlassen, wurden Mobbing sowie insbesondere etwaige politische Umschwünge genannt. Schlussendlich waren sich alle einig, dass queeres Leben auch in Südtirol jederzeit angstfrei, sicher und frei von Vorurteilen möglich sein muss. Respekt sei die Grundvoraussetzung. „Am besten schon morgen, nicht erst in Jahrzehnten“, betonte Karmen Höllrigl.
Weitere Stationspartner gesucht
Prad soll nicht die einzige Vinschger Station von „Immer Hier“ gewesen sein. Weitere Gesprächsabende im Rahmen des Projekts sollen im kommenden Jahr folgen. Wer Interesse hat, Stationspartner zu werden bzw. einen Diskussionsabend zu veranstalten – seien es öffentliche Institutionen, Bildungsausschüsse, Vereine und Co. –, kann sich bei den Verantwortlichen von eklektika (online unter eklektika.it) melden.