Josef Gruber findet klare Worte.

„Für viele Arten kein Lebensraum“

Josef Gruber über Artensterben, Verkehr und Klimaschutz.

Publiziert in 7 / 2026 - Erschienen am 8. April 2026

Vinschgau - Seit 2025 steht Josef Gruber aus Schleis an der Spitze der Umweltschutzgruppe Vinschgau. Der 64-Jährige folgte damals auf Eva Prantl. Die Umweltschutzgruppe Vinschgau besteht seit rund 43 Jahren und zählt derzeit etwa 230 Mitglieder. Brennende Themen gibt es einige – wir haben mit Gruber darüber gesprochen.

der Vinschger: Welches sind derzeit die wichtigsten Themen in Sachen Umweltschutz?

Josef Gruber: Es gibt global zwei große Herausforderungen: den Klimawandel und die Bewahrung der Biodiversität. Das sind die zwei dringendsten Aufgaben, denen wir uns weltweit stellen müssen. Wir im Vinschgau bilden dabei keine Ausnahme. Wir müssen global denken und lokal handeln.

Wie greifbar sind diese Probleme im Vinschgau?

Die Biodiversität, also die Artenvielfalt in der Pflanzen- und Tierwelt, ist speziell in der Talsohle des Vinschgaus ein Problem. Die Eurac führt ein Monitoring dazu durch. Die Ergebnisse bestätigen leider das Verschwinden der Artenvielfalt. Dabei geht es um Wildbienen, Schmetterlinge, Vögel, diverse Kleintiere, Blumen usw. Laut Eurac ist die Talsohle in einem armen Zustand und bietet für viele Pflanzen und Tiere keinen Lebensraum mehr. Von rund 100 möglichen Schmetterlingsarten etwa ist praktisch nur noch der Kohlweißling dauerhaft da. Eine Ursache ist die Monotonie der Landschaft. Tausende Hektar sind durch die Apfelproduktion geprägt und bieten keine geeigneten Bedingungen und Rückzugsorte für Flora und Fauna. Die Zielvorgabe im integrierten Obstbau wären eigentlich drei Prozent naturnahe Ausgleichsflächen. Selbstverständlich stellt auch der Einsatz chemisch-synthetischer Gifte und Dünger ein Problem dar. Diese beeinträchtigen Luftqualität, Bodenqualität und auch die Gewässer. In der Viehwirtschaft stellen sich zwei wichtige Herausforderungen. Zum einen die steigende Ausbringung von Gülle, welche die Pflanzenvielfalt reduziert. Dadurch entstehen auch in Berggebieten eine zunehmend monotonere Flora und Fauna. Zum anderen gibt es die sogenannten Bagatelleingriffe, die von den Gemeinden selbst genehmigt werden können. In Südtirol fehlt im Gegensatz zu Nordtirol eine systematische Erfassung der artenreichen, schützenswerten Lebensräume etwa in Form von Trocken- und Feuchtorten. Aufgrund dieser fehlenden Kartierung genehmigen viele Gemeinden jedes Jahr Landschaftseingriffe, die summiert negative Folgen für die Biodiversität haben.

Welche Lösungen sehen Sie? 

Ein wichtiger Ansatz wäre eine Diversifizierung der landwirtschaftlichen Produktion, weg von der Monoproduktion, hin zu einer vielfältigen Landwirtschaft. Diese Diversifizierung sollte im Einklang mit Gastronomie, Hotels und Detailhandel passieren. Diese Branchen können ihren Bedarf ermitteln, und der lokalen Landwirtschaft Abnahmegarantien bieten. Es braucht eine gezielte Auftragsproduktion. Man kann nicht erwarten, dass Bauern etwas produzieren, wenn nicht klar ist, ob es auch gekauft wird. Weiters muss die biologische Anbauweise viel stärker gefördert werden. Das bringt Vorteile für die Artenvielfalt, unsere Gesundheit und das Klima.

Sie haben auch den Verkehr angesprochen. Welche Maßnahmen wären hier notwendig?

Die Umweltschutzgruppe hat bereits 2007 eine Verkehrsstudie angeregt, die von der Bezirksgemeinschaft in Auftrag gegeben und finanziert wurde. Die Studie wurde von der Universität Wien erstellt. Neben dem hausgemachten Verkehr belasten uns der Gütertransit und der Tourismusverkehr. Transit kann man erfahrungsgemäß verringern, indem man die Durchfahrtszeit verlängert. Die Studie empfiehlt unter anderem möglichst viele Kreisverkehre. Je flüssiger und schneller, desto anziehender. Im Vinschgau gibt es mehrere aktuelle Beispiele, die den Durchfahrtsverkehr beschleunigen, etwa die neue Südausfahrt in Schluderns und die beiden Untertunnellungen bei Laatsch und Schleis. Das bringt zwar kurzfristig eine Entlastung, langfristig führt es aber zu mehr Verkehr. Vorhaben, in Ortszentren wie in Schlanders oder Naturns neue Parkplätze zu bauen, sind aus unserer Sicht nicht mehr zeitgemäß. Wenn man die Lebensqualität der Dorfbewohner verbessern will, muss man den Verkehr möglichst aus den Ortskernen heraushalten. Wichtige konkrete Maßnahmen wären daher eine Verlangsamung der Hauptstraße, eine stärkere Förderung und ein weiterer Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs sowie bessere Anbindungen zur neuen Bahn. Öffentliche Verkehrsmittel müssen noch attraktiver sein, um den hausgemachten Verkehr zu reduzieren. Die Verkehrsstudie sähe übrigens eine periodische Auswertung vor. Auch die Regionalisierung der Wirtschaftskreisläufe würde den Verkehr reduzieren, je kürzer die Wege, desto besser für uns und die Umwelt.

Ein Dauerthema ist der Verkehr am Stilfser Joch. Was fordert die Umweltschutzgruppe hier?

Beim Stilfser Joch ist es so, dass keine Daten über den Verkehr auf Südtiroler Seite zur Verfügung stehen. Von der italienischen Seite wissen wir aber, dass im Sommer an Werktagen rund 7.000 motorisierte Fahrzeuge unterwegs sind, Tendenz steigend. Eine Maßnahme wäre die Einführung einer gestaffelten Maut pro Fahrt – wer mit einem Ferrari oder Camper fährt, sollte mehr bezahlen als jemand mit einem Punto. Die Einnahmen sollten dann für Umweltmaßnahmen eingesetzt werden, beginnend mit der Einrichtung und Finanzierung einer eigenen Dienststelle mit Verwaltungspersonal, Polizeikräften und technischer Ausrüstung, um Lärm, Geschwindigkeit und letztlich auch den Verkehr zu reduzieren. Die Maut würde viel Geld einbringen, damit ließen sich solche Maßnahmen problemlos finanzieren. Zusätzlich braucht es ein Nachtfahrverbot zum Schutz der lärmgeplagten Bevölkerung und der Fauna im Nationalpark. Man darf nicht vergessen: Wir befinden uns hier in einem Nationalpark.

Der zweite große Faktor im Hinblick auf den Klimawandel ist laut Studien die Bauwirtschaft.

Genau, diese ist auch in Südtirol für rund 40 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Die größten Probleme verursachen Stahl, Beton sowie Kunst- und Dämmstoffe. Das sind schwerwiegende Faktoren in Bezug auf die Klimabelastung. Ein wichtiger Ansatz wäre, wo immer möglich natürliche Baustoffe zu verwenden, etwa Holz, Lehm, Kalk, Ziegel, Hanf etc. und auf Stahlbeton zu verzichten, wo es Alternativen gibt. Stahl und Beton sind extrem energieaufwändig in Herstellung und Transport. Man muss nicht für jeden Gartenzaun eine Betonmauer errichten. Sehr wichtig ist auch die Erhaltung alter Bausubstanz. Jedes Gebäude, das nicht neu gebaut werden muss, bedeutet enorme Einsparungen bei Energie und Ressourcen. Die Ökobilanz einer Altbausanierung ist meist deutlich besser als jene eines Neubaus. Zudem sollte man verstärkt auf Aufstockungen setzen, also in die Höhe bauen, anstatt neue Flächen zu verbrauchen, und dies möglichst in Holzbauweise.

Welche Rolle spielt die öffentliche Hand? 

Gerade die öffentliche Verwaltung müsste hier eine klare Vorbildrolle einnehmen. Müsste! Ein positives Beispiel ist der neue Kindergarten in Schluderns, der in Holzbauweise errichtet wurde. Ein negatives Beispiel hingegen der neue Kindergarten in Naturns, der gänzlich aus Stahlbeton gebaut wird. Ein weiteres „Mahnmal“ ist das Naturparkhaus Texelgruppe in Naturns, im Widerspruch zu seinem Zweck ebenfalls ein Vollbetonbau. Ähnlich ist es beim Heim der Fürstenburg: Dort leben viele Kinder von Waldbesitzern, trotzdem wurde das Gebäude von unten bis oben aus Beton errichtet, statt mit Holz aus unseren eigenen Wäldern.

Michael Andres
Michael Andres

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