Gutes Team (v.l.): Präsident Josef Pramstaller, Direktorin Iris Cagalli und die Bereichsleiterinnen des Betreuungs­bereiches des Seniorenwohnheimes.

Mitten im Dorf

Publiziert in 25 / 2013 - Erschienen am 10. Juli 2013
Selbstbestimmtes Leben im Seniorenwohnheim Latsch. Ein Konzept, das aufgeht. Latsch - Die alte Dame schafft es selten, aus ihrem Bett herauszukommen. Ihre 103 Jahre alten Hände, Spuren eines Jahrhunderts in tausend verschiedenen Farbnuancen, sortieren die zuletzt geschaffenen Werke. Viele davon malte sie im Bett. Der Sonnenberg und steile Wiesen, das scharf-kantige Vinschger Licht: Sie hat es eingefangen. Erst vor wenigen Jahren begann sie zu malen. Neu geweckte Leidenschaften sind nicht selten im Seniorenwohnheim Latsch. Neigungen und Vorlieben können gelebt werden. So weit möglich. Direktorin Iris Cagalli, die seit fünf Jahren das Haus organisiert, stellt klar: „Wer hier her zieht, benötigt Pflege. Der Umzug muss deshalb keine Entwurzelung darstellen“. Damit das nicht geschieht, haben sich der Verwaltungsrat - mit an der Spitze Josef Pramstaller - die Betreuerinnen des Seniorenwohnheimes und Direktorin Cagalli in vielen Treffen und Gesprächen zusammengesetzt und versucht, das Konzept des „Selbstbestimmten Lebens“ in die Praxis umzusetzen. Kurz: das Heim will für die Bewohner da sein und sich nach deren Interessen richten. „So kann passieren, dass ein Herr, der die Tagesbetreuung Demenz besucht, seine Leidenschaft für das Zubereiten von Speisen entdeckt“, erzählt Cagalli. „Wesentlich ist, die Interessen der Menschen kennenzulernen und das Angebot dementsprechend zu gestalten. Und das ist meist sehr individuell“. Dass Transparenz nicht nur in Köpfen verbunkert wird oder auf dem Papier steht, ist ebenso gemeinschaftlicher Vorarbeit im Haus zu verdanken. Und diese Transparenz, die ein offenes Haus für Angehörige und rund 173 Freiwillige, für Dorfbewohner und die Menschen der Tagesaufnahme ermöglicht, sorgt auch dafür, dass Ängste abgebaut werden können. Davon ist Cagalli überzeugt: „Die Klischees gegenüber der Altenbetreuung bestehen größtenteils aus Ängsten. Durch die Betreuungskreisläufe nimmt man die Angst, aber auch die Schuldgefühle. Wir versuchen das zumindest. Eine Familie sollte sich nicht schämen, wenn ein Familienmitglied pflegebedürftig wird und die Pflege nicht übernommen werden kann. Und: Es gehört zur Aufgabe von sozialen Einrichtungen, zu sensibilisieren“. Betreuungskreislauf. Schweres Wort, ein Haufen organisatorische Arbeit und erste Erfolge. Dieser Betreuungskreislauf besteht aus verschiedenen Dienstleistungen. Auf der einen Seite steht jede Leistung für sich selbst: sei es die dauerhafte Aufnahme, eine Kurzzeitpflege, das Wohnen in den Altenwohnungen, das Essen auf Rädern, die Sonderbetreuung für Menschen mit Demenzerkrankungen oder deren Tagesbetreuung. Andererseits bilden genau diese Dienstleistungen Verflechtungen der besonderen Art. Nur ein Beispiel: Eine der aktiven Damen des Wohnheimes war lange Zeit als Freiwillige im Wohnheim tätig. Heute nutzt sie die Tagesbetreuung. Sie kennt das Haus, die Menschen, die Pflegerinnen. Sollte sie eines Tages hier wohnen, wäre der Schritt dorthin ein bekannter. Und einer, der ihr angenehm wäre. Auch Paula Plank, Koordinatorin des Freiwilligenbereiches und der Tagesgestaltung, Initiatorin des funktionierenden Netzes der Freiwilligen, kann sich vorstellen, in einem solchen Heim zu wohnen: „Denn hier kann ich derjenige bleiben, der ich bin“. Ohne die Freiwilligen würde der Kreislauf der Betreuung kaum so kräftig fließen. Sie sind es auch, die teilweise den Kontakt zum Dorf aufrechterhalten. Mit ihrer Hilfe sind Zusatzangebote wie Spaziergänge, Tanzen, Singen, Gedächtnistraining, Sommerfeste, Kinovorführungen oder Malkurse sowie viele individuelle Betreuungen erst möglich. Wie auch die Tatsache, dass das Seniorenwohnheim Latsch organisatorische Rahmenbedingungen dafür schuf. Rund zwei Jahre lang arbeiteten Betreuerinnen und Direktorin an der Verwirklichung des Konzeptes. Welches weniger eine Pflegetheorie, so Cagalli, als eine ethische Grundhaltung sei. Eben die des selbstbestimmten Lebens. Weiterbildungen, Schulungen und die Möglichkeiten der Reflexion ist für die Arbeit sämtlicher Mitarbeiterinnen unabdingbar. Gemeinsam mit einem Referenten aus dem Behindertenbereich, Martin Telser, Präsident der Arbeitsgemeinschaft für Behinderte, langjährig im Behindertenwesen tätig und selbst Betroffener, versuchte das Haus aufgrund bestehender Konzepte jene Maßnahmen zu implementieren, die diesen theoretischen Hintergründen entsprechen. In Zusammenarbeit mit dem Arzt Ugo Marcadent, dem ärztlichen Leiter, und den Hausärzten Pizzecco, Plangger und Donà wird zudem die ärztliche und medizinische Versorgung durch wöchentliche Hausbesuche gewährleistet. Dass die Bewohnerinnen und Bewohner wenn möglich an der Messe im Dorf teilnehmen und zusätzlich eine hauseigene Messe gelesen bekommen, zu der auch andere Dorfbewohnerinnen stoßen, verwundert nicht. „Wir sind im Dorf und gehören zum Dorf“. Ethische Grundhaltung. Das ist auch: Mit Freude bei der Sache zu sein. Für Direktorin Cagalli und die Betreuerinnen ist die Begeisterung für die Arbeit im Haus eine Antriebsfeder, die sich im täglichen Leben ausdrückt. „Weil ich nicht glaube, dass man auf Dauer ein Betreuungsnetz aufrechterhalten könnte, in denen Menschen nur nach der Uhr arbeiten“, meint Cagalli. Auch dieses Konzept geht für 55 Heimbewohnerinnen und Bewohner auf. Katharina Hohenstein
Katharina Hohenstein
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