Sommer 2013: Die Landschaft im ­Obervinschgau erfährt eine einschneidende Veränderung.

Vielfalt statt Einfalt

Publiziert in 36 / 2013 - Erschienen am 16. Oktober 2013
Die Problematik des intensiven Obstbaus (Teil 1 von 6) Mals - Der Biologe und Lehrer Joachim Winkler aus Mals hat sich mit der Problematik des intensiven Obstbaus auseinandergesetzt. Seine Schlussfolgerungen und Vorschläge, was getan werden könnte, hat er in einem Text zusammengefasst, den der Vinschger in einer kleinen, 6-teiligen Serie veröffentlicht. Wie Winkler schreibt, „soll der Text zum Nachdenken anregen, mit dem Ziel, ein besseres Verständnis für die Belange von Natur und Gesellschaft zu erreichen und sich für Lösungsansätze einzusetzen.“ Er stellt den Obstbau nicht generell in Frage, „wohl aber den Umgang mit Natur und Landschaft. Hier sind mehr Einfühlungsvermögen, Rücksicht, ein gewisser Verzicht, aber auch mehr gegenseitiger Respekt gefordert.“ Nachfolgend der erste Beitrag zum Thema „Vielfalt statt Einfalt“. Die weiteren Beiträge sind den Themen „Authentische Landschaft ist touristisches Potential“, „Alarmierende Schmetterlingsstudie“, „Unbemerkt - Schleichender Verlust an Biodiversität“, „Artenschwund auch bei den Pflanzen“ sowie „Biodiversität ist eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit“ gewidmet. Neben der Toxizität vieler Spritzmittel ist es vor allem die Sorge um die Landschaft und das Landschaftsbild, die vielen Menschen zu schaffen macht. Don Paolo Renner (Dekan der Theologischen Hochschule Brixen) hat anlässlich der Vintschger Kulturlandschaftstage betont: „Die Landschaft ist Quelle von Schönheit und der Mensch braucht diese Schönheit“. Er sagte auch: „Landschaft hat mit Erinnerung zu tun, sie ist ein Identität stiftendes Element“. Der intensive Obstbau geht sehr oft rücksichtslos mit der Landschaft um und ordnet alles der Produktion und dem maximalen Gewinn unter. Im Obervinschgau finden sich genug Beispiele dafür aus der jüngsten Zeit (auch mit Fotos belegbar). Da gibt es keinen Platz mehr für Bienen oder Schmetterlinge, die Blumen und Hecken brauchen. Gerade Imker beklagen zunehmend, dass den Bienen ihre Weiden abhanden kommen. Auch Wanderwege werden abschnittsweise zu Maschendrahtkorridoren umfunktioniert, wie wir sie kaum in Ballungszentren der Großstädte vorfinden (siehe z.B. Mitterwaalweg zwischen Mals und Tartsch im Bereich des Bunkers). Darunter leidet nicht nur die Bevölkerung, auch der Tourismus und vor allem die Natur mit den Tieren und Pflanzen sind betroffen. So wie sich der eintönige intensive Obstanbau im Mittel- und Untervinschgau präsentiert, sind Nachhaltigkeit und Langfristigkeit nicht möglich. Die Böden werden bis an ihre Grenze belastet und es stellt sich die Frage, wie lange sie ihre Funktion noch erfüllen und die Bodenfruchtbarkeit erhalten können. Auch die unsichere Preisentwicklung und die zunehmende Konkurrenz aus Osteuropa und anderer Gebiete sprechen nicht dafür, die Karten einseitig auf den Obstbau zu setzen. Was kann getan werden? Es sind schleunigst klare Rahmenrichtlinien für die Erstellung neuer Obstanlagen im Obervinschgau zu erlassen, mit dem Ziel der Erhaltung einer lebenswerten und intakten Landschaft für Mensch und Natur: • In direkter Dorfnähe sollen Bannzonen für den intensiven Obstbau ausgewiesen werden, wie in Glurns bereits geschehen. • Richtlinien mit nicht zu knapp bemessenen Grenzabständen zu Feldwegen, Wanderwegen und Nachbarsgrundstücken sind zu erlassen und einzuhalten. • Auch müssen Maßnahmen ergriffen werden, um Häuser, Spielplätze, Gärten, Wanderwege, Gewässer, Wiesen, Äcker und andere Kulturen vor Spritzeinträgen zu schützen. • Trockenmauern, Hecken, Feldgehölze u.a. Elemente der Kulturlandschaft sind zu erhalten und dürfen nicht bei der Errichtung neuer Plantagen entfernt werden, oder in besonderen Fällen nur bei vorher bestimmten Ersatzmaßnahmen. • 5 - 10% der Obstanbaufläche eines jeden Betriebes sollen als ökologische Ausgleichsflächen zur Erhaltung und Förderung der Biodiversität vorgesehen werden, indem Feldraine, Hecken usw. erhalten oder neu angelegt werden (entsprechend den Agrios-Richtlinien für den integrierten Kern­obstbau). • Neben der Erlassung der Richtlinien sind auch deren Kontrolle und die Maßnahmen bei Nichteinhaltung klar zu regeln. Es muss klar sein, wer für die Kontrollen zuständig ist und wie sie zu machen sind. Bei landschaftlichen Vergehen soll nicht die Strafe im Vordergrund stehen, sondern die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes. Joachim Winkler, Mals, Herbst 2013

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