Cornelia Eichner
Cornelia Eichner

Wo Worte sich finden

Ein „literarischer Rückblick“ von Cornelia Eichner auf Mals und den Vinschgau.

Publiziert in 15 / 2025 - Erschienen am 26. August 2025

Mals/Dresden - Die Autorin Cornelia Eichner war eine der 4 Hauptpreisträgerinnen des Lyrikwettbewerbs, den das Kreativkollektiv a.réa im Vorjahr veranstaltet hat. Die Preise wurden von Malser Hotels in Form eines verlängerten Wochenendes gestiftet. Cornelia  Eichner – Erzieherin, Erziehungs- und Literaturwissenschaftlerin, Schreibpädagogin, Lehrkraft an der Fachschule für Sozialwesen sowie Autorin und Doktorandin an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle – war im Biohotel „Panorama“ und hat unter dem Titel „Im grünen Herzen des Vinschgaus – wo Worte sich finden“ folgenden Rückblick verfasst: „Was passiert, wenn ich, rund 700 Kilometer entfernt in Dresden auf meinem Balkon sitze, die Augen schließe und an den Vinschgau, an Mals denke? Ich denke: Grün! Und ich rieche Wiesen und Wälder, schmecke Lagrein rosé, höre Stille, sehe Berggipfel mit Nadelbäumen und Schnee, fühle Sonne gepaart mit Wind – und ich seufze. Ich kannte diesen Landstrich nicht, kannte Südtirol nur vom Namen her - und dann stand ich mitten im Vinschgau, in Mals, wo das Gedicht ‚Cafefragment‘ mich hinführte wie ein eigensinniger Wind. Die Reise selbst war poetisch: Als Dresdnerin kenne ich Berge, dachte ich, die Sächsische Schweiz ist mir vertraut, auch das Erzgebirge. Dann brachten mich Züge über München, Innsbruck, Salzburg, Meran in Berglandschaften, die mir den Mund offen stehen ließen, die alte, traumartige, fast exotische Bilder in mir erzeugten. Dann, nahe dem zartromantisch-mondänen Passeiertal, Umstieg in die Vinschger Bahn, die sich wie ein feiner Faden entlang der Etsch durchs Tal der prächtigen Berge zieht, Pinienwipfel, steile Felswände, Schnee auf den Gipfeln wie weiße Schriftsilhouetten. Mals te Vinschgau é n‘loc incanté. Im Vinschgau schlägt die Zeit in ihrer eigenen Frequenz, zwischen alten Apfelbäumen und sonnensattwarmen Wiesen liegt Geschichte, ebenso eingewoben in den Stein der Burgen und Kirchen, Spuren der Römer, die einst hier die Via Claudia Augusta pflasterten. Die Sprache ist mehr als Kommunikation – ein vielstimmiges Geflecht aus Deutsch, Italienisch, Ladinisch, das sich vermählt wie die Wurzeln alter Kastanien, tief verankert im Boden - De la bela val a l’Etsch, a s’ascend in de le monts intorn a Mals - und doch biegsam wie junge Triebe, die sich dem Licht entgegenstrecken. Mals empfing mich wie eine alte Freundin, grün und lebendig, voller stiller Kraft. Die Menschen im Ort sind ein Mosaik aus Tradition und Aufbruch, verbunden mit der Erde und offen für das Neue – ein Spannungsfeld, in dem Geschichte nicht erstarrt, sondern lebendig bleibt. Theateraufführungen des a.réa Kollektivs Vinschgau wirken, als seien sie ausgelassene Träume, kühne Aufbrüche ins Fantastische, ins Urmenschliche, getragen von Humor, der das Leben umarmt und hinterfragt zugleich, ein Spiel mit Identitäten, ein Dialog zwischen gestern und morgen. Dann die Begegnung mit den drei Frauen der Prugger-Familie, große Malser Seelen – sind Brückenbauerinnen zwischen Welten, zwischen Generationen, die den Geist des Vinschgaus atmen, kulturell beleben und weitertragen lassen.  Mein Gedicht führte mich ins Panorama-Bio-Hotel – ein Refugium, in dem Körper und Geist genährt werden, wo Spitzenküche mit regionalen Schätzen ein Fest der Sinne entfacht, und der Lagrein, tief und samtig, erzählt von Erde und Sonne, ein Wein, der das Tal in seinen Schatten, seine Wärme in jedem Tropfen trägt. Gleich nebenan in Glurns, nur einen Apfelkernflug entfernt, entdecke ich die Raben – dunkle Wächter der Legenden, Meister des Rätsels, gezeichnet von Paul Flora, sie erzählen in Bildern, flüstern von der Magie, die hier in der Luft liegt, vom Geist, der alles verbindet, - Paul Floras Raben volen tras Vinschgau, portan segrets da casa a casa.  Die alpine Landschaft hier ist mehr als Kulisse, ist Spiegel innerer, tiefstmenschlicher Zustände, die schroffen Felsen und sanften Hügel, der stille Schnee und das lebendige Grün – alles wird zum Sinnbild für das komplexe Geflecht aus Stärke und Verletzlichkeit, aus Tradition und Wandel, aus Loslassen und Festhalten. Das Tal pulsiert zwischen Bewahrung und Erneuerung, die Menschen weben ihre Geschichte in ein lebendiges Netz, in dem Altes nicht verblasst, sondern neue Facetten gewinnt, in dem Moderne und Brauchtum sich nicht ausschließen, sondern ergänzen. Und immer wieder das Grün – ein alles durchdringendes Grün, in dem die Muse wohnt, wo Worte Wurzeln schlagen und wachsen, wo die Kultur atmet, lebt und sich entfaltet, aus der Verbindung von Natur, Geschichte, Sprache und Herz. Hier, wo das Land selbst Leinwand ist, die man sich dupliziert in ferne Heimaten trägt, um die Sehnsucht zu nähren, war es ein Leichtes, zu zeichnen, zu drucken, was bezaubert: Äpfel, Wiesen, Bäche, Hänge, Gipfel, Wanderwege, Vogelwelten (ja, Raben, aber auch Spatzen und was sonst noch so fliegt) – kleine Drucke, die vom Leben hier erzählen, vom Zauber, der entsteht, wenn Natur und Kultur sich befruchten. Wo, wenn nicht hier, sind Musen zu Hause, wo, wenn nicht hier, werden Seelen berührt, sich sehen und zu äußern. Der Vinschgau ist mehr als ein Ort, er ist ein Versprechen – ein stilles, kraftvolles Gedicht, das mich einlädt, zu lauschen, zu fühlen, zu schreiben, - und letztendlich zu weinen, wenn’s an den Abschied geht. Noch einen Moment lang halte ich die Augen geschlossen, meiner Erinnerung an den Vinschgau nachzufühlen, - dann ist es Zeit, sie zu öffnen und eine neue Reise zu buchen, - nach Südtirol, der tiefen Sehnsucht gehorchend.“ 

Redaktion

Diese Seite verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Lesen Sie unsere Cookie-Richtlinien für weitere Informationen. Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden.