Mit seiner Position zum Thema „Großumfahrung im Obervinschgau“ steht der Schludernser Bürgermeister Erwin Wegmann so ziemlich alleine da.

Große Umfahrung so gut wie „tot“

Publiziert in 19 / 2012 - Erschienen am 16. Mai 2012
Schlanders – In etwa auf Halbweg befinden sich die Gemeinden bei der Umsetzung des Vinschger Verkehrskonzeptes. Etliche Maßnahmen wurden gesetzt, weitere stehen noch aus. „Die Beteiligung der Bevölkerung an der Verkehrsstudie war außergewöhnlich groß“, sagte der Verkehrsexperte Hermann Knoflacher am Freitag am Sitz der Bezirksgemeinschaft. Der Professor zog zusammen mit Bezirks- und Gemeindeverwaltern eine Zwischenbilanz über die Umsetzung des Verkehrskonzeptes. Dass man sich im Vinschgau bereits vor der Wiederinbetriebnahme der Bahn für eine ­„sozialverträgliche Mobilität“ entschieden habe, sei beispielhaft. Knoflacher erinnerte daran, dass sich 2004 ganze 84% der Befragten gegen den Ausbau der Staatsstraße zur Schnellstraße ausgesprochen hatten, 66% gegen den Ausbau der Töll und 67% gegen den „Neubau der Staatsstraße Mals-Spondinig.“ Mit dem Bau von Fuß- und Radwegen, der Verbesserung des ­öffentlichen Personennahverkehrs, der Errichtung von Kreisverkehren sowie mit Geschwindigkeitsbegrenzungen in den Ortszentren und weiteren Maßnahmen sei ein nicht unerheblicher Teil der im Konzept vorgesehenen Maßnahmen umgesetzt worden. Der Bau weiterer Kreisverkehre ist laut Knoflacher etwas ins Stocken geraten. Das LKW-Nachtfahrverbot sei ebenso wenig umgesetzt worden wie die Entschärfung gefährlicher Strecken, wie es etwa die „Laaser Gerade“ ist. Auch das im Konzept vorgeschlagene „Tor zum Vinschgau“ in Graun bzw. am Reschen stehe noch aus, ebenso die Elektrifizierung der Vinschgerbahn. Den weiteren Ausbau der Strecke Forst-Töll hält Knoflacher für gefährlich: „Erst wenn die noch geplanten Kreisverkehre gebaut und somit wirksam sind, können die Nachteile, welche die Umfahrung Forst mit sich bringen würde, aufgefangen werden.“ 8 neue Kreisverkehre 8 neue Kreisverkehre seien im Vinschgau vorgesehen, so etwa in Schluderns, Spondinig, Vetzan und Kastelbell. Laut dem BM von Kastelbell-Tschars, Gustav ­Tappeiner, ist im Zuge des Baus der Umfahrung Kastelbell-Galsaun ein Kreisverkehr am Ostportal geplant. Obschon die Landesregierung dagegen ist, auch im Bereich „Sand“ ein Rondell zu errichten, wolle die Gemeinde dieses Vorhaben nicht aus den Augen verlieren. Mit dem Baubeginn der Umfahrung sei frühestens Mitte 2014 zu rechnen. Wie der Schlanderser BM Dieter Pinggera informierte, wird der Kreisverkehr Vetzan in Kürze gebaut. Die Errichtung eines Kreisverkehrs an der Göflaner Kreuzung stoße bei Landespolitikern und -beamten leider auf Widerstand. Die von Knoflacher für ­Schluderns vorgesehenen Maßnahmen (Kreisverkehr und Lärmschutz) reichen laut Bürgermeister Erwin Wegmann bei weitem nicht aus, um die Verkehrsbelastung in den Griff zu bekommen. Für einen Kreisverkehr sei zu wenig Platz, speziell für LKWs, die von den Handwerkerzonen Schluderns und Glurns kommend in Richtung Reschen fahren. „Die Gemeinde ­Schluderns wird kurzfristige Maßnahmen setzen und dafür auch Studien in Auftrag geben“, kündigte Wegmann an. Er habe nichts gegen die Umfahrungen von Kastelbell-Galsaun und auch Tartsch, aber mittel- bzw. langfristig sei eine große, möglichst landschaftsschonende Umfahrung ins Auge zu fassen. Bezirkspräsident Andreas Tappeiner sagte, dass es bezüglich einer großräumigen Umfahrung im Obervinschgau keinen Konsens unter den betroffenen Gemeinden gibt. Daher stehe man weiterhin hinter dem Vorschlag, Tartsch zu umfahren. Der Malser BM Ulrich Veith wurde noch klarer: „Aus heutiger Sicht ist die große Umfahrung im Obervinschgau gestorben. Warum soll man die Landschaft zerstören, wenn das keine Vorteile bringt?“ „Es gibt keinen Wirtschaftsbetrieb, der von einer großen Umfahrung einen Vorteil hätte“ (BM Ulrich Veith) Der Prader Bürgermeister ­Hubert Pinggera schloss sich diesen Argumenten an: „Für mich ist die große Umfahrung kein Thema mehr.“ Der Prader Verkehrsreferent Manfred Lechner informierte, dass entlang der Landesstraße 50 zwei Kreisverkehre errichtet wurden. Ein dritter Kreisverkehr werde heuer im Sommer an der Einmündung ins Gewerbegebiet gebaut. Für Glurns schlägt Knoflacher vor, die Stadt für den Verkehr zu sperren. Eva Prantl, die Vor­sitzende der Umweltschutzgruppe Vinschgau, kritisierte einmal mehr die geplante Umfahrung Forst, „denn sie bringt Nachteile für den Vinschgau.“ Prantl regte weiters an, auch nachts Geschwindigkeitskontrollen durchzuführen, die Zugverbindung zu verbessern (der letzte Zug in Mals sollte später abfahren), die Busanbindung nach Landeck weiter zu optimieren sowie eine Bürgerversammlung zum Thema Verkehrskonzept abzuhalten. Bestätigt hat Knoflacher, das der Durchzugsverkehr am Reschen nicht zugenommen hat, im Bereich Töll aber sehr wohl. Das deute darauf hin, dass der Großteil des Verkehrs hausgemacht ist. Andreas Tappeiner schlussfolgert daraus, „dass es keinen Zusammenhang mit Töll-Forst gibt.“ Der Professor aus Wien lobte den Vinschgau als „Schrittmacher für eine zukunftsorientierte Verkehrspolitik.“ Die neue Gesellschaft brauche weniger Straßen. Diese Einsicht sei in Südtirol insgesamt noch nicht gegeben. Es gehe schlicht und einfach um die Frage, ob die ungehinderte Maschinenmobilität Vorrang haben soll, oder der Schutz des menschlichen Lebens und der Gesundheit. Je höher die Geschwindigkeiten sind, desto mehr kommen Werte wie Lebensqualität, belebte Ortszentren, Bindung der Kaufkraft, kleine Kreisläufe und lokale Wertschöpfung unter die Räder.
Josef Laner
Josef Laner

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