Michael Oberhuber: „Wissenschaftlich analysiert sind die Daten unbedenklich. Die Belastung ist sehr gering“.
Karl Bär: „Von 29 untersuchten Wirkstoffen konnten insgesamt 20 an den Standorten nachgewiesen werden.“
Ulrich Veith: „Was wir schon lange vermutet haben, hat sich jetzt leider bestätigt.“

Belastete Luft

Ergebnisse von Pestizid-Messungen vorgestellt. Veith: „Landespolitik muss handeln.“ LR Arnold Schuler kontert.

Publiziert in 9 / 2019 - Erschienen am 12. März 2019

Mals - Im Vinschgau ist von Mitte März bis Ende August eine dauerhafte Pestizid-Belastung in der Luft festzustellen. Die Wirkstoffe werden teilweise über kilometerweite Distanzen transportiert. Bio-Betriebe müssen im Umfeld konventioneller Obstbauflächen unter erschwerten Bedingungen arbeiten. Zu diesen und weiteren Schlussfolgerungen kam das „Umweltinstitut München e.V.“ nach der Auswertung von Messungen, die im Vorjahr an 4 Standorten mit sehr unterschiedlichen Expositionsszenarien durchgeführt wurden. Je zwei Passivsammler waren im Garten der Apotheke in Mals, in einer Bio-Obstwiese von Ägidius Wellenzohn in Kortsch, auf dem Betriebsgelände des „Kräuterschlössls“ in Goldrain sowie am Rande eines Waldes in Schlinig aufgestellt worden.

Unterschiedliche Balastungen

Zusammenfassend stellte Karl Bär, Referent für Agrarpolitik des Umweltinstituts München und Leiter des Studienprojektes, bei der Vorstellung der Studie am 8. März im Bio Hotel „Panorama“ in Mals fest, dass die höchsten Pestizidbelastungen im „Kräuterschlössl“ auftreten und die zweithöchsten in der Bio-Apfelanlage in Kortsch. „An beiden Standorten wurden die gleichen 20 Pestizide und charakteristische, weitgehend ähnliche Profilverläufe auf unterschiedlichem Niveau festgestellt“, heißt es in der Studie unter anderem wörtlich. Deutlich niedriger sei die Belastung in der Ortsmitte von Mals sowie auch in Schlinig. Allerdings seien auch in diesem abgelegenen Seitental Pestizide festgestellt worden.

„Erheblicher Ferntransport“

Das beweise, dass es einen „erheblichen Ferntransport von Pestiziden“ gebe. Insgesamt zeigen die Ergebnisse laut Bär: „Je weiter der Standort von den konventionellen Obstanlagen entfernt ist, umso geringer wird die Anzahl der nachgewiesenen Wirkstoffe und auch ihre Menge.“ Die 80 Seiten umfassende Studie enthält auch eine Vielzahl von Grafiken, die u.a. das Auftreten der einzelnen Wirkstoffe im Laufe der Messperiode darstellen. Auch auf einen „bisher unterschätzten Risikoaspekt“ wird verwiesen: „Im Vergleich zu einzelnen Wirkstoffen besteht bei der Gesamtbelastung an Pestiziden eine erheblich höhere und über den Saisonverlauf andauernde Belastung.“ 

„Unsere Vermutungen wurden bestätigt“

Laut dem Malser Bürgermeister Ulrich Veith „zeigen die Ergebnisse das, was wir schon lange vermutet haben.“ Als Bürgermeister sei er für die Gesundheit der Bevölkerung zuständig, „und wir werden als Gemeindeverwaltung unseren eingeschlagenen Weg konsequent weitergehen.“ Eindringlich appellierte er an den Landtag und an die Landesregierung, dieses Thema endlich ernst zu nehmen und Maßnahmen zu setzen: „Ziel muss es sein, auf ein pestizidfreies Südtirol hinzuarbeiten.“ Dass das nicht von heute auf morgen geht, liege auf der Hand. Zusammen mit den „Top-Strukturen“, wie es das Versuchszentrum Laimburg, der Bauernbund und der Beratungsring seien, „wäre es ohne weiteres möglich, eine Wende in der Landwirtschaft herbeizuführen.“ Diskussionen rund um Grenzwerte, zugelassene Mittel usw. interessieren Veith nicht: „Es geht darum, dass wir uns im ganzen Land gänzlich von Pestiziden befreien.“ Für ihn sei die Studie ein weiterer Beweis dafür, „dass die Situation weit schlimmer ist, als uns immer gesagt wird.“

Schuler: „Spiel mit Ängsten“

Ganz andere Töne hatte Arnold Schuler, Landesrat für Landwirtschaft und Tourismus, in verschiedenen öffentlichen Stellungnahmen angeschlagen. Bereits vor der Präsentation der Studie hatte er - ohne die Ergebnisse zu kennen - von einem Spiel mit Emotionen und Ängsten gesprochen. In Südtirol gebe es laut Schuler seit Jahren viel genauere Messungen der Luft als sie der Verein aus München durchgeführt habe. Auch Pflanzenschutzmittel würden dabei festgestellt, aber in einem Ausmaß, das von einer Gefährdung der Gesundheit sehr weit entfernt sei. Die festgestellten Rückstände würden weit unterhalb der Grenzwerte liegen. Schuler misst demnach weder dem Verein aus München noch seiner Studie eine besondere Bedeutung bei.

„Für Laien beängstigend“

Ähnlich äußerten sich bei der Präsentation der Studie in Mals auch Michael Oberhuber, Direktor des Versuchszentrums Laimburg, und Klaus Marschall, ebenfalls von der Laimburg. „Für Laien mögen die Ergebnisse dieser Studie beängstigend sein, aber wissenschaftlich analysiert sind die Daten unbedenklich. Es ist die Dosis, die das Gift macht“, sagte Oberhuber. Die Belastung sei „sehr gering“. Zweifel äußerte er auch an der Methodik, genauer gesagt am Einsatz von Passivsammlern (solche Messeinrichtungen sammeln die zu messenden Komponenten ohne Energiezufuhr; Anmerkung der Redaktion). Zuspruch für den „Malser Weg“ kamen bei der Diskussion u.a. von den Landtagsabgeordneten Hanspeter Staffler (Grüne) und Diego Nicolini (5 Sterne Bewegung), vom Bio-Bauern Ägidius Wellenzohn, von Urban Gluderer („Kräuterschlössl“) und vom Apotheker Johannes Fragner Unterpertinger. „Die Ergebnisse sind erschreckend“, meinte Gluderer, der aber auch darauf verwies, dass immer Nachbar-Bauern auf Bio umstellen. Staffler und Fragner Unterpertinger appellierten an das Prinzip der Vorsorge, der „ökologischen Vorsicht“. In der Pflicht sehen sie dabei vor allem die Landesregierung und auch den Landtag.

Josef Laner
Josef Laner
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