Der Wahrheit auf den Grund gegangen

Publiziert in 42 / 2014 - Erschienen am 26. November 2014
Die geplante Errichtung einer neuen Struktur für betreutes Wohnen scheidet im Naturnser Gemeinderat nach wie vor die Geister. Naturns - Der vom Ratsmitglied Hans Pöll eingebrachte Beschlussantrag zur Causa „Erweiterung Altersheim – Ankauf von Liegenschaften oder Erhöhung des bestehenden Gebäudes durch Aufstockung“ ließ im Gemeinderat erneut die Wogen hochgehen. Der Einbringer fuhr gleich mit schweren Geschützen auf und sprach von Nacht- und Nebelaktionen. In der Ratssitzung vom 17. Februar sei explizit gesagt worden, eine Aufstockung ist nicht möglich und wird vom Land nicht bezahlt. Rücksprachen bei den Landesämtern und eine von ihm in Auftrag gegebene Studie hätten jedoch das Gegenteil ergeben. „Wir wurden angelogen“ „Das heißt, wir sind vor der Grundsatzentscheidung bei der Sitzung vom 17. Februar angelogen worden“ warf Hans Pöll der zuständigen Referentin Marianne Holzeisen Bauer samt Gemeindeverwaltung vor. „Die Kurzzeit- und Tagespflege ist für mich von höchster Notwendigkeit“, betonte er. Das betreute Wohnen habe mit alldem aber nichts zu tun. Es sei ein kostspieliges Wohnangebot für privilegierte Hypochonder und ein Superangebot für Leute, die sonst nicht ins Altersheim gehen würden. Seiner Meinung nach brauche es gegenwärtig weder eine Aufstockung noch einen Zubau. Die notwendigen Räume für die Kurzzeit- und Tagespflege wären ja vorhanden. Mit der Unterbringung der Kitas wurde jedoch ein „künstlicher“ Raumnotstand herbeigeführt. Anstelle der geplanten Altersheimerweiterung wäre der Neubau des Kindergartens mit Räumlichkeiten für die Kitas weitaus dringlicher. Alle, die das Projekt „betreutes Wohnen“ vorantreiben, wären seiner Meinung nach gut beraten gewesen, auf die Bremse zu treten und über die in seiner Studie aufgezeigte Alternativlösung nachzudenken. „Aber die Verantwortlichen wollten Fakten schaffen, haben sofort Gas gegeben und eine Bauleitplanänderung für das Grundstück ‚Trenkerwiese’ in die Wege geleitet.“ Gott sei Dank sei diese äußerst fragwürdige Vertragsurbanistik nicht zustande gekommen, das wäre nicht vertretbar gewesen. Skandalös sei auch das Verhalten des Referenten Valentin Stocker, anstatt die Priorität auf den Neubau des Kindergartens zu richten, setzte er sich für diesen Neubau ein. Referentin weist Anschuldigungen zurück Die Referentin Marianne Holzeisen Bauer ließ diese Anschuldigungen nicht auf sich sitzen. Der ehemals zuständige Landesrat Richard Theiner habe klar und deutlich erklärt, eine Aufstockung der Pflegebetten werde nicht finanziert, sehr wohl aber die Einrichtung für das betreute Wohnen. Sehr verwundert zeigte sich Holzeisen Bauer, dass ausgerechnet Ingenieur Herbert Mantinger als ehemaliger Statiker nun einen Aufbau für möglich hält. Bei der Übersiedlung in das neue Altersheim bestand noch kein Bedarf für die Kurzzeit- und Tagesbetreuung, deshalb habe man diese Räume für die Kitas hergenommen. „Hans, du redest an der Realität vorbei, wenn du sagst, wir locken die Leute von zu Hause weg“, kritisierte Holzeisen Bauer. Das erklärte Ziel der Altenpflege ist, dass der ältere Mensch solange wie möglich in seiner vertrauten Umgebung bleiben kann. Ein weiterer Grund, dass man eine Aufstockung nicht bevorzugt, sei einfach die Grundfläche. „Wir haben beim Haus kein Stückl Grünfläche. Der Erwerb des Grundes wäre die beste Investition für die Gemeinde“. Zukunftsträchtiges Projekt Die dargelegten Argumente der Referentin Marianne Holzeisen Bauer seien überzeugend, bei diesem Konzept handle es sich um ein zukunftsträchtiges Projekt, meinte Bürgermeister Andreas Heidegger. Er stellte dann auch einen Vergleich zwischen der Machbarkeitsstudie für betreutes Wohnen und der von Pöll in Auftrag gegebenen Studie an: „Als Bürgermeister habe ich großen Respekt, wenn sich Gemeinderäte mit viel Zeit, Energie und Kraft mit einem Projekt auseinandersetzen und dabei sogar Geld investieren, wie es Hans Pöll getan hat“. Es sei jedoch schade, wenn man nach knappen Mehrheitsentscheidungen die Worte Lügen und Staatsanwalt in den Mund nimmt. Für und Wider Während sich SVP-Ratsmitglieder für die Beibehaltung des Gesamtkonzeptes aussprachen, stellte sich die Opposition hinter Hans Pöll. Franz Gritsch (BürgerUnion) warnte davor, diesbezüglich überhaupt etwas zu tun, „wir haben ja das Loch voll Schulden“. Dietmar Rainer (Süd-Tiroler Freiheit) kritisierte die fragwürdige Vorgangsweise und den voreiligen Verkauf des alten Altersheimes. Wolfgang Stocker (unabhängiges Ratsmitglied) meinte, man sollte alles über den Haufen werfen und neue Überlegungen anstellen. Rudi Fasolt (Zukunft Naturns) sagte, neun Wohnungen für 20 Leute seien ein enormer Aufwand, gegenwärtig könne er sich weder für das eine, noch für das andere Konzept entscheiden. Hans Unterthurner (SVP) betonte, in der SVP-Fraktion habe man sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, denn das, was Hans Pöll da vorgelegt hat, ist etwas Neues. Vielleicht hätte man das alles anders angehen können. Margot Tschager (Zukunft Naturns) unterstrich die Notwendigkeit von Strukturen für betreutes Wohnen. Sie könne jedoch auch den Argumenten von Hans Pöll einiges abgewinnen und sitze deshalb zwischen zwei Stühlen. Astrid Pichler (SVP) unterstrich, dass sie den Grundankauf und Verwirklichung des Gesamtkonzeptes grundsätzlich befürwortet, allerdings sollte geprüft werden, ob man alles braucht. Im gleichen Sinn äußerte sich Christa Klotz Gruber (SVP). Barbara Wieser Pratzner und Hermann Wenter (SVP) zeigten sich vom Gesamtkonzept total überzeugt, sie hätten ein Problem mit dem betreuten Wohnen auf dem Dach. „Was mir zu denken gibt, ist, dass man dieses Projekt so blockiert, das ist bei anderen kostspieligen noch nie der Fall gewesen“, kritisierte Vizebürgermeister Helmuth Müller. Er forderte mehr Wertschätzung für die älteren Menschen. Bei der Abstimmung verließen Margot Tschager und Rudi Fasolt den Saal. Valentin Stocker hatte sich schon vor der Behandlung dieses Punktes verabschiedet. Vier Ratsmitglieder sprachen sich für die Annahme des Beschlussantrages von Hans Pöll - Aufstockung des Altersheimes - aus, 12 Anwesenden stimmten dagegen, Hans Pöll enthielt sich der Stimme. Oskar Telfser
Oskar Telfser
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