Die Straße als politische Bühne
Proteste in Frankreich und Italien Thema am OSZ Schlanders
Schlanders - Am vergangenen Donnerstag, einem Tag vor den Protesten von Schüler/innen und Student/innen in Bozen, gingen alle 5. Klassen des Oberschulzentrums Schlanders gemeinsam mit der Direktion, den Lehrpersonen und den Sozialpädagogen auf das Thema „Proteste in Frankreich und Italien“ ein. Das Treffen in der Aula der TFO fand im Rahmen des Politikcafés statt, einem Format, das sich seit einigen Jahren am OSZ etabliert hat. Als Expertin dazu eingeladen war Anna Wolf, Juristin, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Eurac Bozen und fundierte Frankreich-Kennerin. „Mir war es ein Herzensanliegen, mit euch über die Schülerproteste zu reden und ich bedanke mich insbesondere bei den beiden Lehrpersonen Emanuel Gemassmer und Julian Lahner, die gemeinsam mit den Sozialpädagogen unserer Schulen, Benjamin Öster und Florin Lehmann, dieses Thema so wunderbar aufgegriffen haben. Das Thema ist mir deshalb wichtig, da ihr - wie wir alle - über verschiedene Kanäle Informationen darüber bekommt, was passiert, was erreicht werden will und diese Informationen oft widersprüchlich sind. Es ist mir wichtig, dass ihr vorbereitet und gut informiert seid, dass ihr gut gerüstet diskutieren könnt und unsere Werte wie Meinungsfreiheit, Toleranz und Frieden stark in die Zukunft tragt“, sagte die Direktorin Verena Rinner.
Für gewaltfreies Diskutieren
Nach der Einführung durch den Sozialpädagogen Florin Lehmann wurde ein Film mit Gewaltszenen während der Studentenproteste der vergangenen Wochen in Frankreich gezeigt. Die Referentin Anna Wolf ging der Frage nach, wie es zu solchen Bildern kommen könne und warum die Menschen überhaupt die Straße als politische Bühne nutzen. An einer Schule in einem Vorort von Paris war es zu Protesten gekommen, da es an Lehrkräften und Sozialarbeitern mangelte, die Schuleinrichtung veraltet und unzureichend war, ja sogar das Toilettenpapier fehlte. Die Schülerinnen und Schüler fühlten sich nicht gehört. Über die sozialen Netzwerke funktionierte die Mobilisierung in kürzester Zeit und zu den friedlichen Demonstranten gesellten sich die vermummten „black blocs“ und die gewalttätigen „casseurs“, die nicht für die Werte der Demonstration einstehen, sondern nur die Konfrontation suchen, plündern und Gewalt ausüben (siehe auch Kommentar auf Seite 3). Hinzu kamen noch die „Gelbwesten“, die gegen die hohen Lebenshaltungskosten und die Wohnungsnot protestierten. Die Konvergenz aller sozialen Kräfte löste diese fürchterlichen Protestaktionen der Gewalt, Vandalenakte und Verhaftungen aus.
Es gibt keine Chancengleichheit
„Die Bevölkerung ist frustriert, die Werte der Französischen Revolution werden im Alltag nicht gespürt, es gibt keine Chancengleichheit“, so die Referentin. In Frankreich gebe es einen großen Unterschied, wo man lebt. Das bestimme oft darüber, welche Chancen die Menschen im Leben haben. Sie nannte als positives Beispiel die Stadt Wien, wo sehr viele auch gut situierte Menschen in Sozialwohnungen leben. „Dennoch protestieren auch bei uns viele für bessere Bildungschancen, gegen Militärausgaben auf Kosten der Bildung, soziale Ausgrenzung usw,“, so Anna Wolf. Die Proteste seien auch keine Islamisierung Frankreichs, wie Donald Trump behauptet. Es gebe zwar Probleme mit islamistischen Gruppen, aber die meisten Emigranten empfänden sich als Franzosen, und überhaupt habe Frankreich in Bezug auf Religion und Herkunft ein ziemlich offenes Konzept.
Wo sind die Grenzen?
Manchmal stellt man sich die Frage, ob der Polizeieinsatz notwendig und verhältnismäßig ist. Bei den jüngsten Demonstrationen in Frankreich wurden sehr viele friedliche Demonstranten von Tränengas und Polizeigewalt getroffen und auch verhaftet. Das Recht auf Meinungsäußerung und die Versammlungsfreiheit müssen in einem Rechtsstaat erlaubt sein, sagte Anna Wolf. Sie forderte die Jugendlichen auf, seriöse Berichterstattungen anzuschauen, sich eine Meinung zu bilden und das, was dahintersteht, zu analysieren. In Gruppenarbeiten überlegten die Schülerinnen und Schüler, was sie als Schulgemeinschaft, als Klasse oder Einzelne tun können angesichts der Vorfälle in Frankreich und Italien. Sie suchten Antworten auf die Fragen: Wann ist Protest notwendig, wann problematisch? Gibt es einen Unterschied zwischen Protest für private und öffentliche Themen? Wie weit darf der Staat gehen, um Ausschreitungen zu verhindern? Dürfen das Demonstrationsrecht und die Versammlungsfreiheit zugunsten der öffentlichen Sicherheit und Ruhe eingeschränkt werden? Wie kann ich zwischen Fake News und Wahrheit in Social Media unterscheiden und welche Gefahren bringen sie? Eines steht für das OSZ Schlanders klar: Die Schulgemeinschaft steht geschlossen „GEGEN GEWALT“!