Die Besucher in Mals erfuhren den Ernst der Lage. Blick aus dem „Lärchenwald“ im Zivilschutzgebäude.

„Es passiert Schreckliches, wenn nichts passiert“

Publiziert in 43 / 2013 - Erschienen am 4. Dezember 2013
Das Projekt „LärchenSchutzWaldVinschgau“ brachte es an den Tag: den Schutzwäldern im Vinschgau geht es extrem schlecht. Mals - Das Thema scheint gefühlt zu sein, stellte Forstinspektor Mario Broll fest, als er in den übervoll besetzten Saal im Zivilschutzzentrum blickte. Bürgermeister, Fraktionsverwalter, Forstbeamte, Jäger, Naturschützer, Vertreter mehrerer Landesämter, des Nationalparks, Abordnungen aus Nordtirol und aus Graubünden verfolgten aufmerksam Impulsreferate und Projektdaten. Kurt Ziegner, Vorsitzender der Schutzwald-Plattform Tirol, stellte nicht nur den Wald als Schutzsystem vor, das „um ein Vielfaches mehr leistet, als es kostet“, sondern warf auch die Frage in den Raum: „Was passiert, wenn nichts passiert?“ Den Leistungen des Schutzwaldes und den bisherigen Investitionen von 2,5 Millionen Euro jährlich widmete Forstinspektor Broll seine aufrüttelnde Einführung. Über eine ­Risikobewertung legte er Einflüsse von Klimawandel und Beweidung auf die Baumbestände dar. Der Vortrag „Schutzwald im Vinschgau wohin?“ endete mit der Feststellung: „Schutzwald kostet, keiner kostet mehr“. Auf die Hintergründe des Projekts „LärchenSchutzWaldVinschgau“ mit Zielen, Ergebnissen, Maßnahmen und Finanzierungsbedarf ging der stellvertretender Amtsdirektor Georg Pircher ein. „Akuten Handlungsbedarf im Hinblick auf Bestandserneuerung“ sah er für 1.409 von insgesamt 39.500 Hektar an Lärchenschutzwäldern. Dabei handle es sich um Wälder an Hängen mit mehr als 60% Steilheit und „lockerer bis aufgelöster Struktur“. Pircher erwähnte die „waldbauliche Situation“ am Beispiel des vierfach erhöhten Schadholzaufkommens gegenüber der „planmäßigen Holzauszeige“ in den letzten Jahren. Im Maßnahmenplan berechnete er für Aufforstung und Durchforstung 2,3 Millionen, für technische Maßnahmen 9 ­Millionen Euro. Jäger wurden zu Gejagten Niemand im Saal zweifelte an der Notwendigkeit eines „leistungsfähigen Schutzwaldes“. Jeder war sich im Klaren, dass der Ausweg nur eine „natürliche Verjüngung“ des Waldbestandes sein kann. Warum es dazu nicht kommen konnte und kann, schienen alle zu wissen. ­Pircher beschränkte sich auf Zahlen und Prozente zur „Wald-Weide­-Trennung“, zum Thema „Wild­regulierung“ projizierte er eine weiße Folie. Im Publikum wollte man wissen, warum die Wildregulierung nicht angesprochen wurde, Es fielen Zahlen zur Wilddichte, die im Vinschgau doppelt so hoch sei wie dem Wald zumutbar, und es fiel der provokante Satz: „Wenn man die Wildregulierung will, muss man den Jägern die Macht nehmen“. Damit war - um bei der Jagd zu blieben - die Jagd nach den Schuldigen eingeleitet. Dazu stellte der Leiter des Nationalparkaußenamtes Glurns, Hanspeter Gunsch, fest, dass es im Jagdbezirk an einer Zielsetzung fehle. Helmut Oberkofler vom Amt für Forstplanung schlug vor, eine Resolution zu verfassen; weder die Jäger, noch die Abschussplankommission hätten in den letzten Jahren ihre Pflicht erfüllt. Ein Jäger hielt dagegen, dass es nicht so einfach sei hinzugehen und abzuknallen. Für den Landecker Forstinspektor Peter Hauser stand fest: „Die Hiebsätze reduzieren ist ein Schritt zurück. Es gibt nur Verjüngung, wenn der Wildbestand sinkt. Weil die Tiere immer schlauer werden, muss wieder mit dem Hund gejagt werden.“ Landesjägermeister ­Berthold Marx hielt dagegen: „Wir im Vinschgau erfüllen immer unsere Abschusspläne, auch wenn es längst kein Hobby mehr ist, sondern harte Arbeit. Wir sind täglich am Berg.“ Sowohl Forstinspektor Broll, als auch Landesjägermeister Marx bemühten sich, die Situation zu entspannen. Broll versuchte auf finanzielle Ressourcen und Synergien für die Aufforstung überzuleiten, Marx ließ durch einen überraschenden Vorschlag aufhorchen: „Wir sollten Ruhezeiten einführen. Unser Jagddruck ist zu hoch. Im Wald herrscht zu viel Unruhe. Machen wir es doch den Schweizern nach, die in drei Wochen das schaffen, was wir in sechs Wochen nicht schaffen.“ Der Abend endete versöhnlich mit dem Dank an den Gastgeber, Fraktionsvorsteher Armin Plagg, einem Umtrunk und einem Zirbelkieferklötzchen als Andenken mit der Aufforderung: „Schütz den Wald, der Wald schützt dich!“ Günther Schöpf
Günther Schöpf
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Vinschger Sonderausgabe

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