Im Bild (v.l.): Ulrike Spiess, Christian Sölva, die Moderatorin Judith Bertagnolli, Tanja Ortler, Heinrich Fliri, Ulrich Veith und Armin Bernhard.

Familienpolitik muss auf Gemeindeebene ansetzen

Publiziert in 3 / 2015 - Erschienen am 28. Januar 2015
„Gemeinde braucht Familien, Familien brauchen Gemeinde“. Interessanter, aber schwach besuchter Diskussionsabend in Prad. Prad - Was können die Gemeinden tun, um Familien zu unterstützen? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Diskussion, zu welcher der Katholische Familienverband (KFS) am 21. Jänner nach Prad eingeladen hatte. Der Sozialwissenschaftler Armin Bernhard zeigte einleitend auf, welchem Druck und welchen Herausforderungen die Familien heutzutage in ganz Europa ausgesetzt sind. Die Familie werde heute eher als Solidargemeinschaft angesehen. Der Aspekt der Verwandtschaft rücke in den Hintergrund. Dass sich die Politik überhaupt um die Familie kümmern muss, ist vor allem auf die Alterung der Bevölkerung zurückzuführen. In der heutigen Gesellschaft sind die Familien vielen Benachteiligungen ausgesetzt: „Familien mit vielen Kindern sind armutsgefährdet.“ Familien sind vielen Benachteiligungen ausgesetzt Die Leistungen, welche die Familien für die Gesellschaft erbringen, werden kaum anerkannt. Die meiste Arbeit in den Familien lastet noch immer auf den Frauen. Der gesellschaftliche Druck auf Leistung, Konsum, Erwerb und Effizienz ist groß, „so dass in viele Familien beide Elternteile gezwungen sind, zu arbeiten.“ In peripheren Gebieten wirke sich der Druck auf die Familien noch stärker aus. „Die Fami­lienpolitik wird in ihrer Komplexität oft unterschätzt“, sagte Bernhard. Familienpolitik dürfe man nicht an Absichten messen, sondern an Wirkungen: „Die Politik muss sich fragen, welche Maßnahmen den Familien tatsächlich helfen und ob sie von den Familien auch genutzt werden.“ Familienpolitik sei eine Querschnittsaufgabe und müsse auf Gemeindeebene ansetzen: Gibt es Lebensräume für Kinder und Familien? Wie steht es um die Festkultur? Ist die Nahversorgung gewährleistet? Wie stark sind die kleinen regionalen Kreisläufe? Können die Familien als Experten in ihrer Lebenswelt auch mitreden und mitbestimmen? „In Mals steht der Mensch im Mittelpunkt“ Wie Ulrike Spiess, Gründungsmitglied des VKE Mals, ausführte, hat sich in der Gemeinde Mals seit dem Amtsantritt des Bürgermeister Ulrich Veith und seiner Mitverwalter vieles gebessert: „Bei der Dorfanger-Idee zum Beispiel wurden uns damals Prügel in die Wege gelegt. Man nannte uns frustrierte Hausfrauen, die sich nicht in die Politik einzumischen haben. Nach dem Wechsel der Verwaltung konnten wir das Vorhaben problemlos gemeinsam umsetzen.“ Die Gemeinde Mals sei in den vergangenen jahren viel menschen- und bürgerfreundlicher geworden. Spiess erinnerte auch an die Einführung der Fußgängerzone, die Dorfbelebung und weitere Maßnahmen. Die derzeitige Verwaltung lasse auch Diskussionen zu Themen zu, die den Leuten tatsächlich unter den Nägeln brennen. Auch Tanja Ortler, Gemeindereferentin in Prad, unterstrich, dass die Miteinbeziehung der Bürger und Familien unabdingbar sei. Ebenso wichtig seien die Netzwerkarbeit und ein vorausschauendes Handeln. Als Beispiel dafür nannte sie die Kindertagesstätte in Prad. Heinrich Fliri, Familienreferent in Schlanders, berichtete von familienfreundlichen Maßnahmen im Vinschger Hauptort. Man versuche seit über 10 Jahren, die Gebühren möglichst familienfreundlich zu gestalten. Auch von den Strukturen her habe sich vieles getan. Als jüngstes Beispiel nannte der das Eltern-Kind-Zentrum Schlanders. Christian Sölva gab sich in Vertretung des VKE-Geschäftsführers Roberto Pompermaier überzeugt davon, dass es in vielen Gemeinden zusätzlich zu klassischen Spielplätzen auch mehr Spiel- und Freiräume braucht, wo zum Beispiel Kinder mit den Eltern Ball spielen können. Sölva bedauerte, dass Kinder oft schon sehr früh „auf die Arbeitswelt hin gedrillt werden.“ Kinder und Jugendliche hätten oft aufgrund übertriebener Regelungen und Vorgaben zu wenig Räume und Möglichkeiten, Risiko zu erfahren und mit Risiko umzugehen. „Fallen lernt man durch Fallen“, so Sölva. „Die Bürger sind weitsichtiger als die Politiker“ „Die Familie ist der Ort, in dem das Fundament für starke Jugendliche und Erwachsene gelegt wird“, gab sich der Malser Bürgermeister Ulrich Veith überzeugt. Daher sei es wichtig, dass die Politik schon dort ansetzt. „Für uns als Politiker ist das aber oft schwierig. Wir laufen oft hinten nach. Dabei wäre Agieren besser als Reagieren.“ Die Bürger seien oft viel weitsichtiger als die Politik. In seiner Gemeinde gebe es eine sehr aktive Bürgerschaft. Die Verwaltung bemühe sich, möglichst viel zuzulassen und weniger zu reglementieren. In der Gesellschaft von heute gebe es immer mehr Individualisten. Daher sei es umso wichtiger, offene, ruhige und familienfreundliche Räume der Begegnung zu schaffen, damit soziale Kontakte zwischen Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und älteren Menschen wieder vermehrt möglich werden. Veith: „Wir müssen verhindern, dass das Leben in den Zentren stirbt. Wir müssen den Leuten wieder Flächen zurückgeben und versuchen, uns von der Schnelligkeit, der Hektik und dem Druck ein bisschen zu befreien.“ „Familien sind oft auf sich allein gestellt“ Bei der Diskussion wurde unter anderem beanstandet, dass sich Familien oft auf sich allein gestellt fühlen und dass sich immer stärker eine Unlust breit mache, Familien zu gründen. Zu dieser Unlust meinte Bernhard, dass zwar die meisten Jugendlichen eine Familie wünschen, diesen Wunsch aber erst umsetzen wollen, wenn sie eine stabile Beziehung und ein stabiles Arbeitsverhältnis haben. Dies führe dazu, dass die Familiengründung zeitlich immer länger hinausgezögert werde. Auch die Benachteiligungen, gegen die Familien zu kämpfen haben, spielen eine Rolle. Angesprochen wurde auch das Thema Jugend und Arbeit. Es sei bedauerlich, dass Jugendliche erst ab 15 Jahren ein Betriebspraktikum absolvieren können. Mehrfach angeregt wurde, dass die Gemeinden einen Beratungsdienst für Familien anbieten sollten. Zudem sollten die Gemeinden ihre Möglichkeiten für eine stärkere finanzielle Unterstützung von Familien besser nutzen, etwa bei der Immobiliensteuer GIS oder bei anderen Gebühren. Bedauert hat ein Diskussionsteilnehmer, dass sich nicht viel mehr Gemeindeverwalter und auch Bürger die Zeit genommen hatten, an der Diskussion zu einem so wichtigen Thema teilzunehmen. Als einziger Bürgermeister im Publikum war Erwin Wegmann auszumachen, der mit weiteren Vertretern aus Schluderns ins Nationalparkhaus gekommen war. Die Landesräte Arnold Schuler und Waltraud Deeg hatten sich aus terminlichen bzw. gesundheitlichen Gründen entschuldigen lassen. Wie KFS-Präsidentin Angelika Mitterrutzner vor den ca. 50 Anwesenden ausführte, habe sich die neue Landesregierung einiges vorgenommen und u.a. erstmals ein Ressort für Familie geschaffen. „Weil vieles jahrelang brach lag, wird es nicht möglich sein, alles in wenigen Jahren nachzuholen“, so Mitterrutzner. Als weitere Themen der landesweiten KFS-Diskussionsreihe kündigte sie „Migration und Integration“ (24. Februar in Vahrn) an, sowie „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ (24. März in Reischach). Die KFS-Bezirkspräsidentin Priska Theiner überreichte den Gästen auf der Couch je einen KFS-Fastenwürfel für das Jahr 2015. Sepp
Josef Laner
Josef Laner
Vinschger Sonderausgabe

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