Jugend und Arbeit

Publiziert in 2 / 2015 - Erschienen am 21. Januar 2015
Es gibt viele Handlungsfelder, um Jugendlichen den Einstieg in die Arbeitswelt zu erleichtern Schlanders - Was können und müssen die Politik, die Schulwelt und die Eltern tun, um Jugendliche bei der Berufswahl zu unter­stützen und sie beim Übergang von der Schule in das Erwerbsleben zu begleiten? Dies war eine der Kernfragen des Stammtisch-­Gesprächs, zu dem kürzlich der Gemeinde­sozialausschuss Schlanders (GSA) eingeladen hatte. Das Thema hieß „Zukunftssichere Berufe und Ausbildungen“. Als Referenten konnten die GSA-Vorsitzende Kunhilde Von Marsoner und ihr Stellvertreter Emil Unterholzner die Direktorin des Oberschulzentrums ­Schlanders, Verena Rinner, sowie Werner Pramstrahler begrüßen, der für das Arbeitsförderungsinstitut im Jahr 2013 die Studie „Jugend und Arbeit“ koordiniert hatte. Zur Rate der Jugendarbeitslosigkeit, die in Südtirol derzeit bei 12% liegt, ist laut Pramstrahler festzuhalten, dass dieser Prozentsatz alle Jugendlichen im Alter von 15 bis 25 Jahren miteinschließt. Berücksichtige man aber nur jene Jugendlichen, die im Erwerbsleben stehen bzw. eine Arbeit suchen, liege die Rate bei ca. 5%. Das eigentliche und größte Problem seien dabei die „NEETs“, sprich jene Jugendlichen, die nicht arbeiten, nicht zur Schule gehen und sich nicht ausbilden. Einen Anteil an der hohen Anzahl von „NEETs“ habe sicher das italienische Schulsystem. Ohne das duale Ausbildungssystem wäre die Anzahl der „NEETs“ in Südtirol, unter denen sich viele Frauen befinden, noch höher. Übergang Schule-Beruf Als ein weiteres Hauptproblem in Südtirol nannte Pramstrahler die Übergangsphase von der Schule bzw. der Ausbildung in den Beruf. In diesem Punkt habe sich vieles verändert. Im Vergleich zu früher ist der Berufseinstieg heute weit weniger typisch. Der Übergang verläuft heute äußerst ungleichartig. Die Anforderungen und Erwartungen der Wirtschaft haben sich stark geändert. Neben fachlichen Kompetenzen werden vermehrt Flexibilität, Mobilität und Eigeninitiative erwartet. „Man sollte sich aber auch fragen, welche Erwartungen die Jugendlichen der Wirtschaft gegenüber haben und nicht nur umgekehrt“, so der Referent. Bildung sei keine Garantie mehr, automatisch in die Arbeitswelt einsteigen zu können. Das betreffe auch die Akademiker. Besonders achten sollten Jugendliche darauf, sich eine berufliche Kernkompetenz anzueignen. Als Handlungsfelder für die Politik und zum Teil auch für Schule nannte Pramstrahler unter anderem eine stärkere Unterstützung bei der Berufswahl und eine entsprechende Begleitung, geeignete Maßnahmen für Problemgruppen (zum Beispiel für Schulabbrecher), eine Steigerung der Durchlässigkeit des Ausbildungssystems, die Förderung der Mehrsprachigkeit, eine gute Mischung der Zahl von Facharbeitern und Akademikern sowie eine bessere Interaktion zwischen Ausbildungssystem und Arbeitswelt. Tatsache sei, dass sich die Arbeitswelt einschneidend verändern wird. Prognosen zum zukünftigen Arbeitsmarkt in Südtirol seien nicht möglich. Langfristig zeichnen sich ein paar Megatrends ab, etwa Arbeitsplätze im Bereich Gesundheit. Die größten langfristigen Herausforderungen überhaupt sieht Pramstrahler für das künftige Südtirol in der Alterung der Gesellschaft und im Klimawandel. Nach 2020 dürfte es so sein, dass sich in Südtirol ein Arbeitskräftemangel einstellt, denn die Bevölkerungszahl wird abnehmen. „Frühen Stress“ vermeiden Laut Verena Rinner ist es wichtig, dass die jungen Menschen selbst entdecken, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Es werde für viele immer schwieriger, die Richtung zu finden. Das beweise schon der Umstand, dass noch im Oktober ziemlich viele Richtungs-Wechsel zu beobachten sind. Alle Schulen der Oberstufe sollten daher „möglichst breite Wege“ anbieten, sodass ein „früher Stress“ möglichst ausbleibt. Eine gute sprachliche Bildung sei ebenso unabdingbar, wie logisches Denken, das Lernen des Lernens, ein gewisses Maß an Bildung, soziale Kompetenzen, die Kooperation mit der Wirtschaft und nicht zuletzt die Begeisterung. Bei der Diskussion wurde gefordert, dass die Berufsberatung in Südtirol verbessert werden muss: „Viele fühlen sich allein gelassen.“ Ebenso sollten die jungen Menschen beim Übergang bzw. Einstieg in den Beruf begleitet werden. Mehrfach kritisiert wurde, dass die Erfahrungsmöglichkeiten bzw. das Hineinschnuppern in die Arbeitswelt in Südtirol stark eingeschränkt seien, weil man erst ab 16 arbeiten darf. „Nicht einmal Apfelzupfen ist erlaubt“, hieß es. Schulabgänger hätten daher nach dem Abschluss „keine Ahnung von gar nichts.“ Nicht wenige Mittelschulabgänger nutzen die Möglichkeit, auf Almen in der Schweiz etwas Geld für die Schule zu verdienen. Eine Lösung sei auch für jene zu finden, die nur mehr aus Pflichtgründen ein Jahr „absitzen“ und den Unterricht nicht selten stören. Alles eher als leicht mache es der Gesetzgeber für alle jene, die irgendwann im Leben ihren Beruf wechseln wollen. „Diese Leute werden geradezu bestraft“, bestätigte auch Prahmstrahler. Aufs Tapet gebracht wurde in diesem Zusammenhang auch die soziale Absicherung. Die Arbeit von Frauen zum Beispiel, die Kinder erziehen und möglicherweise noch ihre Eltern pflegen, sei entsprechend zu berücksichtigen, „und zwar nicht nur mit Kosmetikmaßnahmen.“ Ganz Südtirol ist Peripherie Auch mehrere Gemeindeverwalter mit Bürgermeister Dieter Pinggera an der Spitze nahmen am Stammtisch teil. Pinggera gab zu bedenken, dass es für Jugendliche schwieriger geworden ist, Arbeit zu finden, speziell in peripheren Gebieten wie es der Vinschgau ist. Besonders für Akademiker sei das Angebot sehr eng bemessen. Dass das Krankenhaus der zweitgrößte Arbeitgeber im Tal sei, spreche schon für sich. „Allerdings habe ich auch den Eindruck, dass viele gar nicht mehr bereit sind, bestimmte Arbeiten zu machen, sofern diese nicht genau ihren spezifischen Wünschen entsprechen,“ sagte Pinggera. Laut Prahmstrahler ist nicht nur der Vinschgau als Peripherie anzusehen, sondern ganz Südtirol. Alles deute darauf hin, dass wir großen Zentralisierungen entgegensteuern, „und unter diesem Blickwinkel ist das ganze Land als peripher einzustufen.“ Chancen für den Vinschgau sahen mehrere Diskussionsteilnehmer in einer Dezentralisierung, sprich in der Ansiedelung von Diensten und Arbeiten, die dank des schnellen Internets nicht nur mehr in Bozen und anderen Zentren, sondern auch in der Peripherie erbracht werden können. Sepp
Josef Laner
Josef Laner

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