Der Informations- und Diskussionsabend in Prad war sehr gut besucht.

Null Toleranz für „schwarze Schafe“

Publiziert in 24 / 2013 - Erschienen am 3. Juli 2013
Bauernbund bemüht sich um Aufklärung und Sachlichkeit. Fragen bleiben zum Teil offen. Prad - Wie sehr und wie vielen Menschen das Thema Pflanzenschutzmittel unter den Nägeln brennt, zeigte sich am 18. Juni bei einem Info-Abend mit Podiumsdiskussion im bis auf den letzten Platz besetzten Nationalparkhaus „aquaprad“ in Prad. „Wir wollen informieren, aufklären und die Diskussion auf eine sachliche Ebene bringen,“ schickte Bauernbundbezirksobmann Andreas Tappeiner voraus. Organisiert hatte den Abend der SBB-Bezirk Vinschgau. „Wir tun alles, damit die Lebensmittel sicher sind. Die Pestizid-Rückstände haben wir gut im Griff,“ sagte Hermine Reich, Wissenschaftlerin der EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in Parma. Aufgabe der EFSA sei es, der EU-Kommission „sachlich fundierte Grenzwerte“ vorzuschlagen. Den Beweis, dass bestimmte Pestizid-Rückstände keine gesundheitliche Gefährdung für die Konsumenten darstellen, haben die Hersteller der Pflanzenschutzmittel zu erbringen. Auch von regelmäßigen Kon­trollen und einem europaweiten Pestizid­-Monitoring berichtete Reich. Durchschnittlich würden bei 2 bis 3 Prozent der Proben die Grenzwerte überschritten. Wie unabhängig ist die EFSA? Bei der Diskussion wurde ge­äußert, dass die EFSA laut Medienberichten ein Naheverhältnis zur Agrarchemie habe. Der Europäische Rechnungshof habe die EFSA unlängst im Zusammenhang mit dem Umgang mit Interessenkonflikten kritisiert. Reich dementierte: „Wir sind unabhängig, es gibt keine direkten Kontakte zu Firmen.“ Über den Pflanzenschutz im integrierten Obstbau in Südtirol informierte Robert Wiedmer, Koordinator des Südtiroler Beratungsrings für Obst- und Weinbau. Die integrierte Produktion sei auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, im Pflanzenschutz werde seit Jahren versucht, vermehrt auch auf alternative Methoden zu setzen. Als Beispiele nannte Wiedmer die Nützlinge und Verwirrungstechnik. Den Einsatz von Spritzmitteln bezeichnete er als notwendiges Übel. Südtirol habe in Sachen integrierte Produktion eine lange Tradition, der Weiterbildungsstandard bei den Bauern sei hoch, die Pflanzenschutzmittel werden in der Regel professionell eingesetzt. Wenn in Italien mit Jänner 2014 der nationale Aktionsplan zum nachhaltigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln verpflichtet eingeführt wird, „kommen auf die Südtiroler Obstbauern kaum Veränderungen zu, denn 97% produzieren bereits jetzt nach diesen Richtlinien.“ Der integrierte Anbau sei ein Projekt, das sich stets in der Entwicklung befindet: neue Schädlinge, neue Krankheiten, neue Pflanzenschutzmittel, neue Bekämpfungsmethoden. Auch über Bemühungen, das Problem der Abdrift in den Griff zu bekommen, informierte Wiedmer, etwa über technische Anpassungen der Sprühgeräte oder das Projekt „abdriftmindernde Hecken.“ Wie sieht es mit Rückständen in den Äpfeln aus? Mit Ergebnissen des Apfel-Monitorings (Insektizide, Fungizide, Akarizide) - einer Eigenkontrolle, wie sie seit 12 Jahren auf Initia­tive der Obstverbände VOG und VI.P durchgeführt wird -, wartete Roland Zelger auf, Amtsdirektor und Pflanzenschutzexperte des Versuchszentrums Laimburg. Zusammenfassend hielt Zelger fest, dass bei rund 90% der Proben Rückstände festgestellt wurden, im Schnitt 2,6 bis 2,8 Rückstände je Probe. Die Rückstände stammen im Durchschnitt von 23 Wirkstoffen, vorwiegend von Fungiziden. Rund 75% der Rückstände stammen von 5 Wirkstoffen, rund 15% von mehr als vier. Ca. 85% der Rückstände liegen innerhalb eines Zehntels des zulässigen Höchstwertes, ca. 98% innerhalb von 30% des Höchstwertes. „Schwarze Schafe“ werden ausgeschlossen Bei der Podiumsdiskussion ­saßen neben den drei genannten Referenten auch der Humantoxikologe Hermann Kruse als Vertreter der Umweltschutzgruppe, Andreas Tappeiner, VI.P-Obmann Karl Dietl sowie Laimburg-­Direktor Michael Oberhuber am Tisch. Laut Dietl werde schon seit einiger Zeit versucht, gemeinsam Lösungen zu finden. Erste Maßnahmen seien gesetzt worden. Der VI.P-Obmann erinnerte etwa an die Abstandsregelungen und die Vorschrift für Heckenpflanzungen. Auch bezüglich der Sprühtechnik sei man um Verbesserungen bemüht. An die Adresse von „schwarzen Schafen“ innerhalb der eigenen Reihen richtete Dietl klare Wort: „Wer sich nicht an die Vorgaben hält, wird aus dem AGRIOS-Programm ausgeschlossen.“ Auch mit Konsequenzen als Genossenschaftsmitglieder hätten „schwarze Schafe“ zu rechnen. Kruse bedauerte, dass man Untersuchungsergebnisse, wie sie der EFSA vorgelegt werden, häufig geheim hält. Als großes Problem werte er im Obervinschgau die Abdrift. Er habe beobachtet, dass sich Obstwiesen zum Teil in unmittelbarer Nähe von Kindergärten befinden. „Und auch als Radfahrer oder Fußgänger möchte ich nicht im Abdrift-­Nebel stehen.“ Bedenklich sei zudem, wenn Wohnungen, private Gärten oder Futter von Grünwiesen kontaminiert werden. In einem Nachgespräch sagte Kruse, dass er vor allem den Einsatz von Captan und Chlorpyrifos für bedenklich halte sowie die teils noch nicht vollständig erforschten Wirkungen von „Cocktails“, sprich ­Mischungen von Wirkstoffen. Die „Giftcocktails“ seien ein ernstes Thema, meinte auch Michael Oberhuber. Sehr intensiv nehme sich die Laimburg auch des Themas Abdrift an: „Wir überprüfen abdriftmindernde Techniken und forschen auch im Bereich von biologischen Alternativen, um den Pflanzenschutz weiter verbessern zu können.“ Als langfristiges Ziel nannte er die richtige Sorte für den richtigen Standort. Wie Oberhuber unterstrich auch Andreas Tappeiner, „dass es innerhalb der Landwirtschaft keine Unterschiede geben soll.“ Dem Viehbauer komme derselbe Stellenwert zu wie dem Obstbauer, dem Biobauer oder anderen Sparten. Ein respekt­volles Nebeneinander sollte es nicht nur innerhalb der Landwirtschaft geben, sondern in der gesamten Gesellschaft. Wenige Antworten auf viele Fragen Dass es gerade in diesem Punkt und noch in vielen weiteren derzeit speziell im Obervinschgau zum Teil arg hapert, zeigten viele Wortmeldungen aus dem Publikum. Es wurden Fragen aufgeworfen, auf welche die angesprochenen Gesprächspartner am Podium nicht zufriedenstellend bzw. nur ausweichend antworten konnten: Wer kontrolliert die vielen „schönen“ Vorgaben? Was mache ich mit meinem „Bio“-Heu, in dem hohe Rückstände von Chlorpyrifos nachgewiesen wurden? Kann ich mein Getreidefeld weiterhin als solches bearbeiten, wenn in Kürze in unmittelbarer Nähe eine Apfelplantage angelegt wird? Wer übernimmt die Verantwortung, wenn ich kontaminierte Tomaten aus meinem Garten verzehre? Auch Feststellungen und besorgniserregende Aussagen wurden getätigt: Das Problem der Abdrift ist angesichts des Windes, der im Obervinschgau fast immer weht, nie und nimmer zufriedenstellend zu lösen. Die Politik ist ratlos und hat bisher versagt. Von Heckenpflanzungen wird oft nur geredet, in Wirklichkeit nehmen diese Maßnahme nur die wenigsten Obstbauern wirklich ernst. Den Biobauern ergeht es wie einst den Indianern in Nordamerika, die ebenfalls an eine „gute Nachbarschaft“ mit den Siedlern glaubten. Die Qualität der Spermien von Männern, die häufig mit Pestiziden arbeiten, nimmt nachweislich Schaden. Wenn der Beratungsring per SMS zum Spritzen rät, rücken die Bauern ohne Zaudern oder Nachdenken mit den Sprühern aus, egal zu welcher Uhrzeit oder bei welchen Windbedingungen. Es geht auch anders Das es auch möglich ist, auf Pestizide teilweise zu verzichten bzw. sie so einzusetzen, dass es kaum Beeinträchtigungen gibt, schilderte ein konventioneller Bauer aus Schlanders: „Ich habe Fußgänger und Radfahrer in der Nähe, ­Wohnungen, Gärten und Bio-Anlagen.“ Dank einer rücksichtsvollen Arbeitsweise, der Einhaltung von Vorgaben und eines teilweisen Verzichts auf Pestizide gebe es ein konfliktfreies Nebeneinander aller Beteiligten. Auch Kruse isst Vinschger Äpfel Auf die Frage, ob er Angst hat, in einen konventionell angebauten Vinschger Apfel zu beißen, sagte Kruse dem der Vinschger: „Ich habe keine akuten Bedenken, Vinschger Äpfel zu essen.“ Was er befürchte, sei die Langzeitwirkung sowie die Kombinationswirkung von Schadstoffen. Kruse rät, bei der Auswahl von Pestiziden sehr vorsichtig vorzugehen. Bezüglich Rückstände im Heu fordert er die Einführung von Grenzwerten. Grundsätzlich steht Kruse dafür ein, so wenig Spritzmittel wie nur möglich einzusetzen und sich als Alternative in Richtung Bio-Anbau zu entwickeln. Hält er ein Nebeneinander von Vieh- und Obstbauern im Obervinschgau überhaupt für möglich? Kruse: „Ja. Allerdings muss gewährleistet werden, dass Grünwiesen, andere Kulturen und Gärten unberührt bleiben und auch sonst keine gesundheitsgefährdende Beeinträchtigungen entstehen.“ Den Info- und Diskussionsabend in Prad wertete Kruse als insgesamt sachlich und fruchtbringend. Wie Andreas Tappeiner abschließend ankündigte, wird es in Zukunft weitere Veranstaltungen dieser Art geben. Sepp Laner
Josef Laner
Josef Laner

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