Weiterbauen ist das neue Bauen
Tagung und Wanderausstellung „Gut bauen für alle” als Auftakt einer Veranstaltungsreihe zu Baukultur und nachhaltigem Bauen.
Schlanders - „Ein Rundgang durch unsere Dörfer macht deutlich, wie sehr sich Ortsbilder verändern. Auffallend ist dabei ein wachsendes Maß an Material- und Energieeinsatz im Bauwesen, mit entsprechenden Folgen für Ortsgestaltung und Umwelt. Bauen ist damit nicht nur eine Frage der finanziellen Möglichkeiten, sondern eine kulturelle Herausforderung. Das Beste, was wir bauen können, ist oft das, was schon da ist“. Dies sagte Claudia Plaikner, Vor-
sitzende des Heimatpflegeverbandes Südtirol bei der Tagung „Zweite Chance für große Areale“ in der BASIS in Schlanders. Allen voran sollten öffentliche Bauträger ihrem Vorbildauftrag gerecht werden und auf den Erhalt charakteristischer Ortsmerkmale und auf umweltschonende Bauweisen setzen, forderte Josef Gruber, Vorsitzender der Umweltschutzgruppe Vinschgau, welche die Tagung mit veranstaltet hat.
In großen Arealen steckt viel Potential
Bei einem Rundgang durch das Gelände der ehemaligen Drususkaserne, die Palazzina Tagliamento sowie die Palazzina Servizi erklärte Hannes Götsch die verschiedenen Funktionen der Gebäude, „die alles hergeben für eine Nachnutzung“. Besonders angetan war das Publikum vom Kasino, der ehemaligen Turnhalle bzw. Kinoraum für die Soldaten. „Dieser 90 Jahre alte Raum hat eine europaweit einzigartige technische Qualität“, freute sich Hannes Götsch. Im Kasino sprach Landeskonservatorin Karin Dalla Torre über Erhalten oder Abreißen und den Umgang mit dem Gebäudebestand. „Unsere Vorfahren haben ihre Häuser und Gebäude stets weiterentwickelt. Ein Gebäude abzureißen, das hätte es nie gegeben“, so Dalla Torre. Am Beispiel Drususkaserne Schlanders gestand die Landeskonservatorin ein denkmalfachliches Scheitern, wolle es aber besser als konstruktiven Prozess sehen. Die Haltung zu den großen Arealen wie in Schlanders solle dazu dienen, einen Bewusstseinsprozess zu aktivieren. „Zwischen Tabula rasa und Musealisierung liegen viele Möglichkeiten und ein großes Potential für die Gesellschaft“, so Karin Dalla Torre. Gerade große Areale wie die Drususkaserne, andere Militäranlagen, Fabriken, Klöster usw. können umgenutzt werden in Wohnanlagen, Parks, Kulturzentren, Gewerbegebiete oder soziale Einrichtungen. Am besten sei es, wenn diese Gebäude noch in der öffentlichen Hand sind. „Auch Kasernenareale haben ein enormes Potential für die urbanistische Entwicklung.“
Beispiele aus Südtirol
Architektin Susanne Waiz steuerte zwei Beispiele aus Südtirol bei. Für die Kaserne von Eppan wurde in einem Wettbewerb ein schönes Projekt für eine Nachnutzung zwar nominiert, allerdings nicht realisiert, da die Gemeinde die Entwicklung des Areals in die Hände eines Investmentfonds übergeben hatte. Die Nachnutzung eines Offiziersgebäudes mit architektonischem Anspruch in Vahrn hingegen wird von der Gemeinde schrittweise selbst durchgeführt; es könnten Räume für die Jugend, Kunst- oder Sozialprojekte und günstige Mietwohnungen entstehen. Susanne Waiz dankte dem anwesenden Bürgermeister Andreas Schatzer für den Weitblick der Gemeinde Vahrn.
Die BASIS als dritter Ort
„Die BASIS ist wie ein dritter Ort, ein öffentlicher oder halböffentlicher Ort, der sich von Zuhause und Arbeit unterscheidet und an dem sich Menschen treffen, Kontakte knüpfen und eine Gemeinschaft aufbauen können“, zitierte Hannes Götsch Ray Oldenburg. Aber die Vision der BASIS Vinschgau Venosta geht weiter: 10 Jahre BASIS Vinschgau Venosta, 150 Projekte im Jahr, ca. 100 Events pro Jahr, 5.000 Nutzerinnen und Nutzer des Hub pro Jahr, 16 nationale und europäische Netzwerke und 4200 m² geteilter Raum und Kleingewerbeplätze. Das ist die Bilanz der BASIS Vinschgau Venosta, die Hannes Götsch anschließend dem Publikum vorstellte. „Die BASIS wird in Europa als Veranstaltungsort wahrgenommen und auch unser Dorf Schlanders. Wir vergessen oft, wie viele positive Seiten, wie viel Möglichkeiten und Angebote Schlanders hat. Schlanders ist Preisträger als Europäische Kleinsthandelsstadt; wie wird sich Schlanders als Wirtschafts- und Schulstandort in den nächsten Generationen entwickeln?“ warf Hannes Götsch in den Raum.
Orte schaffen
Der Bündner Architekt Gion A. Caminada, bekannt für die preisgekrönte Erneuerung seines Heimatdorfs Vrin und Professor für Architektur und Entwurf an der ETH Zürich, sprach zum Abschluss über „Orte schaffen“. „Ein Ort ist für mich eine Lebendigkeit, ein Ereignis, das stattfindet. Sind wir heute noch imstande, Orte zu schaffen? Nur ein schönes Gebäude ist kein Ort“, so der Architekt, der im Vinschgau viele gute Kontakte pflegt. Gion A. Caminadas vielleicht bekanntestes Werk ist die Totenstube oder „Stiva da morts“ in Vrin. Viele von Caminadas Projekten bestehen aus Holzbau in einem minimalistischen Stil, der modernes Design mit traditionellen Schweizer Methoden und Materialien kombiniert.
Gut bauen für alle
Im Laufe der Tagung wurde die Wanderausstellung „Gut bauen für alle” eröffnet. Ihre Schautafeln illustrieren jene Aspekte der Bautätigkeit, die sich in besonderem Maß auf Klima und Umwelt auswirken. Der 40-Prozent-Faktor zeigt, weshalb der Bausektor jener Wirtschaftszweig ist, der rund 40 Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes verursacht und entsprechend viel zum Klimaschutz beitragen kann. In jedem Bau steckt neben Beton und Stahl ein mehr oder minder großes Maß an grauer Energie, also an Rohstoff- und Energieaufwand für Herstellung, Transport und Entsorgung. Die Ausstellung gibt einen Überblick über Baustoffe, mit denen sich umweltschonend und werterhaltend investieren lässt. Ihre Botschaft: Die Erhaltung bestehender Gebäude und ihre Renovierung oder Erweiterung mit passenden Baustoffen bleibt in vielen Fällen die bessere Wahl, und moderne Bautechnik und Tradition können sich dabei bestens ergänzen. Die Wanderausstellung ist seit dem 3. November im Foyer des Kulturhauses Karl Schönherr zu sehen.