„Wir alle sind privilegiert“
Cuno Tarfusser referierte in Latsch über Kriegsverbrechen und internationale Strafverfolgung.
Latsch - „Wir müssen alle zum Bewusstsein kommen, dass für uns alle jeder Tag ein Urlaubstag ist, während andere täglich die Hölle erleben“, fand Cuno Tarfusser beim Vortrag zum Thema „Kriegsverbrechen und Hunger: Möglichkeiten und Grenzen der internationalen Strafverfolgung“, zu dem der Weltladen Latsch am Freitag, 30. Oktober, ins CulturForum geladen hatte, klare Worte. Es war harte Kost, die der renommierte Meraner Jurist, der viele Jahre als Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gearbeitet hat, zu bieten hatte. So war es insbesondere ein Brief zum Abschluss der Veranstaltung, der nachdenklich stimmte: Diesen hatte Tarfusser vor über 10 Jahren geschrieben, als er noch als Richter am Strafgerichtshof tätig war. Eine Einladung einiger gut situierter Personen musste er damals aufgrund eines großen Verfahrens wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gegen einen berüchtigten ugandischen „Warlord“ absagen. Er berichtete von Kindersoldaten, missbrauchten Frauen und vielem mehr. „Ich glaube, dass man in unserer Überflussgesellschaft immer wieder zum Nachdenken anregen muss“, wollte er eben auch mit diesem Brief damals unterstreichen. Wir alle seien privilegiert. „Wir haben hier heute nicht nur einen brillanten Juristen zu Gast, sondern auch einen großartigen Menschen“, fand Weltladen-Obmann
Richard Theiner lobende Worte.
Fehlende Kooperation
Tarfusser, ein „halber Vinschger“ (seine Mutter stammt aus Schlanders), erklärte den zahlreichen Gästen eingangs, was es mit dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auf sich hat. So erfuhren sie, dass dieser überstaatliche, unabhängige Strafgerichtshof 1998 durch die Verabschiedung des Römischen Statuts auf einer Staatenkonferenz ins Leben gerufen wurde. Innerhalb von nur vier Jahren ratifizierten die notwendigen 60 Staaten den Vertrag, sodass der Gerichtshof im Juli 2002 seine Arbeit aufnehmen konnte. Mittlerweile gehören ihm 125 Staaten an – die USA sind bis heute kein Mitglied. Vor allem die fehlende Kooperation der Staaten stuft Tarfusser als eine der größten Schwächen und Grenzen des Gerichtshofs ein. Als drastisches Beispiel erinnerte er an den libyschen General Osama Almasri Njeem: Obwohl gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs vorlag und er in Turin verhaftet worden war, ließ die italienische Regierung ihn aufgrund angeblicher juristischer Formalitäten nach nur zwei Tagen wieder frei. Er wurde daraufhin nach Libyen zurückgeflogen. „Eine Sauerei“, so Tarfusser.
„Etwas Großartiges“
Die Gäste im voll besetzten Fraktionssaal konnten Genaueres über die verschiedenen Völkerrechtsverbrechen – Völkermord (Genozid), Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Aggression – erfahren. Tarfusser, der von 2001 bis 2009 als leitender Staatsanwalt in Südtirol arbeitete und 2009 zum Richter in Den Haag ernannt wurde, legte die unterschiedlichen juristischen Hintergründe dar. Die Existenz eines solchen Gerichts allein sei schon „etwas Großartiges“, so Tarfusser. Man müsse sich vorstellen: „Es gibt auf der Welt ein Gericht, das die Mächtigen zur Rechenschaft ziehen kann.“ Dass er als einer von 18 Menschen – so viele Richter zählt der Internationale Strafgerichtshof – diese Arbeit gemacht habe, habe ihn motiviert. „Ich bin immer mit großem Tatendrang hingegangen“, erklärte der 72-Jährige, der bis 2019 in Den Haag und danach noch einige Jahre als stellvertretender Generalstaatsanwalt in Mailand tätig war.