Kaspar Santer, Jahrgang 1884, Taleingang.
Im Bild (v.l.): Dietmar Rainer, Hubert Steiner, Gabriele Crepaz, Helmuth Moroder, Eva Götsch, Peter Stürz, Siegfried Gurschler, Benjamin Raffeiner und Georg Kaser

Auch Bergtäler sind keine Inseln

Kulturverein Schnals erinnert an 151 Jahre Schnalser Straße.

Publiziert in 17 / 2026 - Erschienen am 22. September 2026

Unser Frau - Das Schnalstal war in früheren Zeiten nur schwer erreichbar. Vor allem die Eingangsschlucht war unzugänglich. „Die ersten Menschen, die sich im noch wilden Tal niedergelassen haben, sind vermutlich vom Vinschgau über den Naturnser Sonnenberg, über das Niederjöchl (Penaud), über das Taschljöchl (Schlandrauntal) oder das Bildstöckl- bzw. Langgrubjoch (Matscher Tal) ins Tal gelangt“, schreibt der Chronist Siegfried Gurschler im „Schnolser Blattl“. In der Eingangsschlucht gab es schon in früher Zeit zwei Zugänge, und zwar einen gefährlichen, ausgesetzten Steig durch die Felswände hoch über der Schlucht des rauschenden Talbaches an der orografisch linken Talflanke, den sogenannten „Verbothenen Steig“. Er war nur für schwindelfreie Leute benutzbar, die keine Gefahr scheuten. Für Zug- und Tragtiere war er wegen der Stufen und Engstellen unpassierbar; auch ein Viehtrieb kam hier nicht in Frage. Die Benützung wurde später sogar von der Behörde untersagt. Der zweite Zugang war ein beschwerlicher, anfangs steiler Saumpfad, der von Staben bis unmittelbar unterhalb des Schlosses Juval führte und schließlich in Ratheis endete. 

„Die kühne Felsenstraße kam erst in den 1870er Jahren zustande. Die feierliche Eröffnungsfeier fand am 9. Sept. 1875 im Gasthaus ‚Zur Post‘ in Naturns statt. Die weitsichtige und mutige Entscheidung des damaligen Gemeindevorstandes, die zur Verwirklichung dieses technischen Meisterwerkes geführt hat, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden“, so der Chronist. 

Bedeutsame Funde aus der Vergangenheit

151 Jahre später, an einem Abend im September, erinnerte man sich auf Initiative des Kulturvereins Schnals in der Diskussionsrunde „Alte Wege – neue Wege“ in Unser Frau an den Bau dieser Straße und warf gleichzeitig einen Blick in die Zukunft der Mobilität im Schnalstal. Moderiert wurde die Veranstaltung von Gabriele Crepaz. Der Chronist und Architekt Siegfried Gurschler wiederholte die obige Erzählung vor einem zahlreichen, interessierten Publikum. Dass Mobilität die Voraussetzung war für die Nutzung der Ressourcen, bestätigte auch Hubert Steiner vom Landesamt für Archäologie. Sämtliche Übergänge im Schnalstal wurden über Jahrtausende genutzt, davon zeugen bedeutsame archäologische Funde am Langgrubenjoch, am Gurgler Eisjoch, am Tisenjoch usw. Weltweit der einzige geflochtene Schneereif aus der Jungsteinzeit, Teile eines mittelalterlichen Schlittens für den Warentransport über die Jöcher, Markierstangen usw. wurden im Schnalstal gefunden und weisen auf eine intensive Mobilität hin. „Menschen waren immer schon unterwegs und auch die Schnalser waren international vernetzt“, so Hubert Steiner. Nur so könne man sich die bronzezeitlichen Importfunde oder Bernsteinperlen im Schnalstal erklären.

Zukunft will gestaltet werden

„Auch Bergtäler sind keine Inseln“, sagte der Verkehrsexperte Helmuth Moroder, der über den Verkehr der Zukunft und insbesondere über den Verkehr im Schnalstal referierte. Er hatte sich im Vorfeld Bevölkerungs- und Tourismusdaten angeschaut und den anwesenden Schnalserinnen und Schnalsern einige aussagekräftige Zahlen präsentiert: Die 1.234 Einwohner von Schnals geben für ihre 730 PKW im Jahr über 4 Millionen Euro aus. Da Schnals ein geschlossenes Tal ist, entstehe nur Ziel- und Quellverkehr. Die Treibhausgase hängen vorwiegend mit dem Individualverkehr und dem Tourismus zusammen, und die Schnalser Bevölkerung entscheide selbst, wie viel Verkehr sie will. In seinem Szenario 2035 empfahl Moroder verkehrsberuhigende Maßnahmen, Verstärkung des öffentlichen Nahverkehrs und als idealstes Zukunftsmodell einen autofreien Urlaub in Schnals. „Schnals hat mehr Gästebetten als Gröden, wenn man sie den Einwohnern gegenüberstellt und ist somit für Südtiroler Verhältnisse eine Tourismushochburg“, so Helmuth Moroder. „Je kürzer der Gast bleibt, umso mehr braucht es Gäste über das Jahr und umso mehr entsteht Verkehr“. Besonders die internationalen Gäste, um die man in Tourismushochburgen gerne werbe, hätten eine hohe CO² Emission. Es werde intensiv am Ausbau und an der Potenzierung der Bahn gearbeitet, so dass Schnals in absehbarer Zukunft bestens mit der Außenwelt mit Bus und Bahn verbunden sein wird.

Eine Standseilbahn? 

Für die Erreichbarkeit von Katharinaberg schlug Moroder eine Standseilbahn vor, was in der anschließenden Podiumsdiskussion auf große Enttäuschung im Publikum stieß. „Wir Katharinaberger sind die fleißigsten Busfahrer und sollen nun wegen 10 Minuten längerer Fahrtdauer abgeschnitten werden!?“  sagte eine Frau. Für die Bäuerin und Urlaub auf dem Bauernhof- Betreiberin Eva Götsch vom Gurschlhof ist ein autofreier Urlaub für ihre Gästeschichtl schwer vorstellbar. „Zu uns auf den Bergbauernhof kommen Familien mit mehreren kleineren Kindern samt Gepäck und Kinderwagen, ja manchmal bringen sie ihre ganze Verpflegung selbst mit, wie soll das mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gehen?“ Tourismusreferent und Hotelier Benjamin Raffeiner zählte auf, was Schnals für seine Gäste eh schon alles mache, vom Abholdienst bis zum Gästepass und ein alltagstauglicher Radweg von Unser Frau nach Karthaus werde ebenfalls angedacht. Peter Stürz von der Athesia-Gruppe sieht ein Riesenpotential in der nachhaltigen Mobilität und sein Unternehmen werde Ladesäulen für E-Autos installieren, Skidepots errichten usw. „Wie wäre es mit ein bisschen Mut von Athesia, einfach keine Parkplätze beim neuen Hotel in Kurzras zu bauen?“ fragte die Moderatorin provokant. 

„Unser Gletscher ist schon tot“

Georg Kaser, der bekannte Klimaforscher kenne die Diskussionen gut, es sei ein „hybrides Verhalten“ aber letztendlich bleiben wir beim Alten, Gewohnten. Ihn treibe das Wissen um den Klimawandel an. „Unser Gletscher ist schon tot, er geistert nur mehr vor sich hin“, so Georg Kaser. Als „untauglich“ bezeichnete er als überzeugter Öffi-Fahrer die Verbindung von Schnals nach Bozen und in die Welt. Da brauche es dringend bessere Anbindungen. Dietmar Rainer, Präsident des Kulturvereins Schnals, dankte allen für die Visionen und Anregungen für Schnals. Es möge so sein wie bei den Schnalser Schafen: eines geht voraus, und alle anderen gehen nach.

Ingeborg Rainalter Rechenmacher
Ingeborg Rainalter Rechenmacher

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