Es ist nur ein Sternchen
Schlanders - Vergangene Woche war das Renaissance-Theater Berlin auf Einladung des Südtiroler Kulturinstituts mit dem Stück „(K)alter, weißer Mann“ im Kulturhaus Schlanders zu Gast. Unter der Regie des Intendanten Guntbert Warns zeigte das sechsköpfige Ensemble im ausverkauften Theatersaal eine wendungsreiche Komödie, in der Ansichten der Boomer und der Generation Z aufeinandertreffen und sich einen hochpointierten Schlagabtausch liefern. Das Ensemble, bestehend aus hervorragenden Darstellerinnen und Darstellern, spielte vortrefflich, konterte schlagfertig, bissig und herrlich scharfzüngig. Wohl noch nie standen auf der Kulturhausbühne in Schlanders eine Totenkapelle mit lapislazuliblauer Apsis mit Urne und Trauerkranz, dessen Schleifenaufschrift zum Stein des Anstoßes wurde.
Zum Inhalt: Der Firmenchef ist 94-jährig verstorben. Als alle Angestellten kurz vor Beginn der Trauerzeremonie die Kranzschleife mit „die Mitarbeiter“ sehen, sind seine weiblichen Mitarbeiterinnen und der Social-Media-Experte der Firma ausgesprochen irritiert. Wieso nicht „… und Mitarbeiterinnen“? Oder MitarbeiterInnen bzw. Mitarbeiter*innen? Der künftige Chef stürzt schnell von einem sprachlichen Fehltritt in den nächsten und tritt damit eine amüsante, teils skurrile Kulturdebatte über Genderthematik, Sexismus und politisch korrektes Verhalten los. „Ein Mensch mit Zipfelchen ist immer ein Mann!“, sagt er überzeugt. So erklärt sich dem Publikum auch der Titel des Stücks: (K)alter weißer Mann, ein Synonym für Männer, die sich aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe und ihres Geschlechts überlegen fühlen und sich wenig offen für gesellschaftliche Veränderungen wie Feminismus, Diversität usw. zeigen. Auch der Shitstorm in den sozialen Medien über das berühmt-berüchtigte Sternchen bleibt nicht aus, das Handy des Social-Media-Beauftragten piepst ständig. Der Spruch „Die Hottentotten sind chaotisch“ löst in der jungen Praktikantin als Stellvertreterin einer woken Community pures Entsetzen aus. Vor dem Theaterpublikum als versammelte Trauergemeinde gerät die Führungsetage der Firma in einen hochaktuellen Kampf der Gegensätze; der Verwaltungsrat in der ersten Reihe hält sich tunlichst heraus. Die Schlichtungsversuche des Pfarrers laufen ins Leere, er ist ohnehin desperat, denn „meine Schäfchen glauben, wenn sie Neues Testament hören, sie hätten geerbt“.
Am Ende wird die schwarze Komödie auch ein wenig versöhnend für beide Positionen und erzählt vor allem davon, wie wichtig es ist, anderen zuzuhören und respektvoll miteinander umzugehen. „Es ist nur ein Sternchen. Und nicht der Untergang der Welt“, so die streitbare Mitarbeiterin.